„Etwas mehr Selbstsicherheit“

von Katja Fässler

Drei Jahre oder mehr studiert, vermeintlich perfekt ausgebildet und dennoch ohne Festanstellung. Die Diskussion um Journalismusstudenten, die nach abgeschlossenem Studium keinen festen Job finden, ist ein Dauerbrenner. Doch ist es wirklich so schlimm oder hat sich die Generation Praktikum mit ihrem Schicksal abgefunden? Das sagen die Betroffenen.

Eines steht fest: Ungerecht behandlet fühlen sich die meisten Studenten, wenn sie nach bestandenem Studium quasi nochmals bei Null anfangen müssen. Dass sich die Jobanwärter ihre Lage zum Teil selbst zuzuschreiben haben, liegt jedoch auf der Hand, meint Fabian Baumgartner, Student im letzten Semester am Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM in Winterthur .

Wer kann schon 100% arbeiten ohne Lohn? Das Dumme an der Situation ist aber, dass wir uns zu wenig wehren. Irgendwer macht dann das unbezahlte Praktikum immer. Ich denke, etwas mehr Selbstsicherheit beim Thema Lohn und Lohnforderung täte allen gut.

Das Problem ist jedoch, dass die Redaktionen am längeren Hebel sind: Findet ein Stellensuchender die Arbeitsbedingungen ungerecht, kommt eben der Nächste. Es hat genug Anwärter, die sich um den Job reissen. Das wissen auch die Medienhäuser, meint Anita Felder, ebenfalls künftige IAM-Absolventin im letzten Semester.

Für die Unternehmen ist es natürlich toll, wenn jemand zuerst als Praktikant anfängt. So haben sie eine spottbillige, gut ausgebildete Arbeitskraft, die sie nach Ablauf des Praktikums anstellen können, wenn sie zufrieden waren oder wenn nicht, dann haben sie kein Problem, sie wieder loszuwerden.

Es ist nicht so, dass sich die Studiumsabgänger gar keine Jobchancen erhoffen. Manche IAM-Studenten, die dieses Jahr abschliessen, sind sehr zuversichtlich, einige haben bereits schon eine Stelle auf sicher. So zeigt auch das Karrieretracking des IAM, dass 94 Prozent der Absolventen ein Jahr nach Studium einen Job haben. Nur die Frage nach der Art der Anstellung wird hierbei nicht beantwortet.

Eine Umfrage mit vierzehn nationalen Tageszeitungen hat ergeben, dass gerade einmal drei davon direkt eine Chance zur Festanstellung bieten. Bei sechs der Zeitungen ist ein Praktikum vor einer Festanstellung unabdingbar. Aus der Sicht der Arbeitgeber ist dies im Wesentlichen eine Möglichkeit festzustellen, ob ein Neuling in die Redaktion passt oder nicht und ob er den hohen Anforderungen gerecht wird. Das Praktikum ist die letzte Hürde, um an eine der ohnehin schon raren Stellen heranzukommen.

Entscheidend ist der grosse Wille, das Talent, die Hartnäckigkeit.

Dass man wegen dieser Ausgangslage finanziell zuerst quasi mit leeren Händen dasteht, scheint also eine fast schon selbstverständliche Tatsache zu sein.

„Im Vergleich zu Deutschland sind wir in der Schweiz zurzeit allerdings noch ziemlich privilegiert“, sagt Konrad Weber,  IAM-Student und Gründer der Online-Plattform jungejournalisten.ch. Dort gelte nämlich die Regelung, dass Praktika nur unentgeltlich angeboten werden und auch nach dem Studium noch einige Jahre Praktikum angehängt werden müssen. Besonders eindrücklich beschreibt die Zeit Online die Situation der billigen Arbeitskräfte.

Sie spazieren in die Firmen, sie werden von den älteren Kollegen ob ihrer Jugend und ihres Fleißes geliebt, aber diese Liebe ist nicht von Dauer. Sie werden benutzt, aber nicht gebraucht.

So ergeht es nicht nur angehenden Journalisten, sondern allen Berufseinsteigern nach dem Studium. Der immer enger werdende Platz auf dem Arbeitsmarkt sorgt bei den Neueinsteigern für hartes Konkurrenzdenken und eine fleissige Haltung, die sich in vielen Fällen jedoch kaum auszahlt. So schreibt Zeit.de weiter:

Die karrierebewussteste Jugend, die es je gab, macht wahrscheinlich am wenigsten Karriere.

Ist es nicht so, dass die meisten dem Traum, Journalist zu werden treu bleiben, obwohl die Berufschancen nicht sehr rosig aussehen? Was bleibt anderes übrig, als die bestehenden Strukturen so zu akzeptieren, wie sie sind?

Ich habe kein Problem mit der „Generation Praktikum“. Wer gut ist, und vor allem, wer viel Fleiss zeigt und interessiert ist an der Materie, findet immer einen Job.

meint Etienne Wuillemin, der seit Sommer 2010 als Freelancer beim Tages-Anzeiger arbeitet und vor Kurzem seinen Arbeitsvertrag beim «Sonntag» unterschrieben hat. Es handelt sich um eine Festanstellung.

2 Gedanken zu „„Etwas mehr Selbstsicherheit“

  1. Maurice Velati

    Ich frage mich halt manchmal, ob es nicht bereits vor dem Studium ein Praktikum braucht… dann wissen a) die Studenten, ob sie überhaupt Journalisten werden wollen bzw. den Anforderungen gewachsen sind und b) wissen die Verlage/Medienhäuser dann auch, dass diese Leute nicht „nur“ einen Abschluss haben, sondern auch zu gebrauchen sind im Alltag.
    Eine gewisse Skepsis gegenüber der „Verschulung“ im Journalismus ist bei mir wohl spürbar… Ich glaube halt immer noch, dass praktische Erfahrung die Chancen erhöht, nach dem Studium nicht zuerst noch diese „billige“ Arbeitskraft sein zu müssen…
    Aber vielleicht bin ich völlig falsch gewickelt und habe einfach nur das Gefühl, „mein“ Weg sei der richtige gewesen 🙂

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  2. Katja

    Ich bin soweit deiner Meinung. Auch ich habe vor meinem Studium ein Praktikum gemacht. Das war bei mir Voraussetzung, denn ich wollte, wie du gesagt hast, zuerst herausfinden, ob mir der Beruf überhaupt zusagt.
    Allerdings ist es eh schon schwer Stellen, ja teilweise sogar Praktikumsstellen zu finden, auch mit Studium. Daher kann man definitiv nicht von allen erwarten, dass sie vor Studium ein Praktikum absolvieren. Ich weiss nicht wie es bei dir war, bei mir war es eher ein Glücksfall.

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