Wenn Paragraphen versagen

von Nina Ladina Kurz

Wenn Medien Bilder von verunglückten oder getöteten Kindern veröffentlichen, ist der Aufschrei gross – die Konsequenzen für das Medienunternehmen sind jedoch überschaubar. Denn eine juristisch griffige Regelung gegen eine solche Veröffentlichung gibt es nicht.

Der Car-Unfall im Wallis, der Amoklauf von Anders Breivik: Nach diesen Ereignissen überschlugen sich einige Boulevardzeitungen mit Schlagzeilen. Immer natürlich illustriert mit Abbildungen der verunfallten oder getöteten Kindern. Teils von Facebook kopierte Ferienfotos, teils  Leichenbildern von der Unfallstelle. Doch nicht alle Medien gehen mit diesem Bildmaterial gleich um. Während Boulevardzeitungen diese gerne prominent auf der Titelseite platzieren, üben sich andere Journalisten in Selbstreflexion.

Patrik Müller, Chefredaktor der Zeitung Der Sonntag stellt in seinem Editorial vom 18. März 2012 die Fragen, welche alle Journalisten beschäftigen (sollten):

Welche Fotos darf man zeigen? Ist es legitim, über Unfallursachen zu spekulieren? Wo hört Informationsvermittlung auf, wo fängt Sensationsgier an?

Rechtliche Hintertüren

Der Schweizer Presserat kritisiert solche Veröffentlichung. Auf Anfrage von DRS stufte Presserat-Präsident Dominique von Burg beispielsweise die Veröffentlichung der Bilder der verunglückten Kinder im Wallis als „mindestens fragwürdig“ ein. Ein öffentlicher Informationswert der Bilder sei nicht gegeben, sondern liege „nahe bei null“, so von Burg. Gut geäusserte Kritik – doch am Ende fungiert der Presserat in solchen Fällen als zahnloser Tiger.

Denn auch wenn der Ethik-Kodex für Journalisten von einer Veröffentlichung solcher Bilder aus ethischen Gründen absieht, sieht die rechtliche Situation anders aus. Redaktionen müssen nicht zwingend die Erlaubnis der Hinterbliebenen einholen um Bilder Verstorbener zu veröffentlichen. Das gilt sowohl bei minderjährigen als auch bei erwachsenen Verstorbenen. Denn anders als bei einer Erbschaft, bei der Vermögen oder eventuelle Schulden beim Tod automatisch an die Hinterbliebenen übergehen (die sogenannte Universalsuksession), geht das Recht am eigenen Bild verloren.

Rechtsanwalt Georg Gremmelspacher, Dozent für Kommunikationsrecht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), weiss um die juristische Regelung und hält auf Anfrage fest:

Mit dem Tod endet die Persönlichkeit sowie das Recht am eigenen Bild.

Diese Aussage mag erschrecken, widerspiegelt aber die Praxis. Es bedeutet nichts anderes, als dass Hinterbliebene nicht mehr über Bilder von Verstorbenen bestimmen können. Angehörigen bleibt einzig die Möglichkeit, sich auf ihr eigenes Persönlichkeitsrecht zu beziehen. Dazu Rechtsanwalt Gremmelspacher: „Angehörige können sich auf eine Verletzung ihres eigenen Persönlichkeitsrecht berufen und so versuchen, der Publizierung entgegen zu treten“. Fühlen sich Hinterbliebene also durch die Veröffentlichung von Bildern betroffen, können sie das Medienhaus einklagen. Der Jurist weiss aber auch:

Klagen – auch von Seiten der Eltern – sind fast chancenlos. Dazu kommt, dass nicht medienerfahrene Personen kaum Erfahrung im Umgang mit Medienhäusern haben.

Ethik versus Auflage

Unter diesen journalistischen Umständen werden eine Selbstreflexion und eine Debatte von und mit Journalisten und Redaktionen zu diesem Thema umso wichtiger. Stattfinden muss eine Ethik-Debatte, das Geschäft muss im Zweifelsfall zweitrangig sein oder – wie es Patrik Müller in seinem Editorial beschreibt – zumindest hinterfragt werden: „Wenn Reporter versuchen, ins Spital mit den verletzten Kindern einzudringen, um exklusive Bilder zu erhalten, wird klar, wie widerlich übersteigerter Quoten- und Auflagendruck sein kann. Muss auch bei Tragödien nur eines stimmen: Das Geschäft?“

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