Nachbars grüne Wiesen

von Tobias Marti

Der Braindrain in den Redaktionen ist eine Tatsache: Viele Journalisten wenden sich von ihrem Beruf ab und wechseln in Kommunikation und PR. Wer früher damit ein Tabu brach, erntet heute von den Ex-Arbeitskollegen sogar Beifall. Auch das Pendeln zwischen den zwei Branchen ist heute problemlos möglich.

Seitenwechsel: grüneres Gras in der PR.

Mit dreissig, spätestens mit vierzig kommen die ersten Abnützungserscheinungen. Die Karriere- und Aufstiegschancen im Journalismus sind beschränkt, der Lohn mässig, die Arbeitszeiten unregelmässig. Ist nach einigen Jahren der erste journalistische Hunger gestillt, macht sich bei vielen Journalisten Ernüchterung breit. Wer es bis dahin nicht zur Edelfeder oder zum Ressortleiter geschafft hat, stellt sich die Frage nach seiner beruflichen Perspektive. Zumal sich die ganze Branche mit zunehmend schlechter werdenden Arbeitsbedingungen konfrontiert sieht. Besonders frustrierend: das Gras auf der anderen Seite scheint wirklich grüner zu sein. Die Public Relations und die ganze kommerzielle Kommunikationsbranche locken mit neuen Aufgaben, höheren Löhnen und Wertschätzung. Viele nutzen die Chance und wechseln die Seite.

Bleibt die Frage nach dem Retourticket. Ist ein Wechsel vom Journalismus in die PR heutzutage ein Gang ohne Wiederkehr? Nein, findet Benjamin Tommer. Er hat mehrfach die Seiten gewechselt. Vom Landboten zum Tages-Anzeiger, danach in die Kommunikation zu comparis.ch und wieder zurück zur NZZ. Heute ist er Kommunikationsbeauftragter der Zürcher Justizdirektion. „Sicher gibt es Ex-Kolleginnen und Kollegen, die den Seitenwechsel als unstatthaft, als Verrat an der Suche nach Wahrheit empfinden“, sagt Tommer. Trotzdem habe er bei seinen Wechseln auf die PR-Seite umgehend Job-Angebote aus dem Journalismus bekommen. „Ich denke, Journalisten attestieren auch abtrünnigen Kollegen durchaus noch die Fähigkeit, weiterhin journalistisch denken zu können“, sagt Benjamin Tommer.

Wer wechselt, muss also nicht mit Gegenwind rechnen? Simon Bickel, früher Lokalredaktor bei der Berner Zeitung, heute Mediensprecher der Jungfrau-Bahnen hatte nicht das Gefühl, ein Tabu gebrochen zu haben. „Viele der ehemaligen Berufskollegen interessieren sich für meine neue Tätigkeit und wollen wissen, welche Herausforderungen einen in einem Unternehmen erwarten“, sagt Bickel. Vermutlich habe sich die Einstellung in den letzten Jahren verändert. Viele Journalisten würden heute mit einem Engagement für ein Unternehmen liebäugeln, während man früher eher als „Verräter“ angesehen wurde, sagt Simon Bickel.

„Früher Verräter, heute kein Thema mehr.“ Simon Bickel, Ex-Redaktor BZ

Christine Nydegger, Lokalchefin der Berner Zeitung und ehemalige Vorgesetzte Bickels, hält einen Seitenwechsel durchaus für legitim. „Es gibt ja immer weniger Stellen in den Redaktionen und immer mehr Stellen in Marketing und Kommunikation. Das ist eine Tatsache und die Leute müssen schliesslich irgendwo ihr Geld verdienen“, sagt Nydegger. Auch Richtungswechsel von der PR wieder zurück in den Journalismus sieht sie eher pragmatisch: „Die Rückkehrer müssen halt wieder umlernen. Dem einen gelingt das sofort wieder, andere haben mehr Mühe“, sagt die BZ-Lokalchefin. Aber generell sei eine Rückkehr eher seltener, was wohl mit den Gehältern zu tun habe.

„Die Leute müssen schliesslich irgendwo ihr Geld verdienen.“ Christine Nydegger, Redaktorin BZ

Auch in der Journalistenausbildung scheint die Mischung der zwei Bereiche kein Reizthema mehr zu sein. Das lasse sich unschwer daran erkennen, dass heutzutage sogar Lehrgänge Doppelnamen wie «Journalismus und Organisationskommunikation» tragen würden, sagt Kommunikator Benjamin Tommer. Wurde durch das Aufkommen gemischter Lehrgänge salonfähig, was früher einen faden Beigeschmack hatte?

Die Anbieter solcher Ausbildungen, in der Schweiz etwa die ZHAW in Winterthur, begründen die Zweigleisigkeit damit, dass immer mehr Medienleute in ihrem Berufsleben mehrmals umsteigen würden. Wer beide Seiten kenne, arbeite in seinem jeweiligen Berufsfeld professioneller. Ausserdem werde von Anfang an trainiert, die Perspektiven nicht zu vermischen, sondern einander entgegenzusetzen. Das Deutsche Netzwerk Recherche wiederum mahnt zu einer klaren Trennung von PR und Journalismus bereits in der Ausbildung. Die Grenzen würden zusehends verschwinden, alles werde zu Kommunikation. Diese Grenzüberschreitungen gelte es zu stoppen, fordert das Netzwerk Recherche.

„Die Branche ist längst weiter.“ Dieter Weirich, Ex-Intendant Deutsche Welle

Fest steht: Was für die Ausbildung noch diskutiert wird, ist in der Praxis längst ein alter Hut. Der Wechsel zwischen den Branchen ist Alltag geworden, das vermeintliche Tabu scheint überholt zu sein. Oder wie es Dieter Weirich, Ex-Intendant der Deutsche Welle und derzeitiger Kommunikationschef des deutschen Energieunternehmens HSE ausdrückt: „Das Thema ist eher Dauerbrenner für moralisierende Gewerkschaftsfunktionäre oder Journalisten-Netzwerke. Die Branche selbst ist da längst weiter.“

 

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