Die jüngsten Medienkritiker der Schweiz

von Atréju Diener

Teenager haben die unterschiedlichsten Hobbys. Sie treiben Sport, spielen ein Musikinstrument oder gehen in den Ausgang. Stephan Stulz und Manuel Egli haben eine andere Leidenschaft, sie kritisieren Medien. Das tun sie in ihrem Blog medienkritisch.ch.

Ungewöhnliches Hobby: Manuel Egli (links) und Stephan Stulz sind die wohl jüngsten Medienkritiker. Bild: Ati Diener.

Einmal mehr war bereits im Halbfinal des Eurovision Song Contest Schluss mit lustig. Das Schweizer Pop-Duo Sinplus überzeugte am  diesjährigen Gesangswettbewerb in Baku weder die Jury noch die Zuschauer. Nicht ganz so schlecht fiel Stephan Stulz‘ Bewertung aus. Allerdings beurteilte Stulz auch nicht die Gesangsleistung der beiden Tessiner Brüder, sondern wie kritisch deutschsprachige Online-Medien über das Austragungsland Aserbaidschan berichteten. Politische Gefangene sind im Land am Kaspischen Meer an der Tagesordnung, genauso wie die Unterdrückung der Medienfreiheit. „Betrachtet man die Berichterstattung im deutschsprachigen Raum, so haben die Journalisten ihre Arbeit gut gemacht. Gerade die Tatsache, dass sich Baku während des Songcontests als weltoffene Metropole zeigte, machte es alles andere als einfach, auch die Schattenseiten zuerkennen“, schreibt der 18-jährige als Fazit in seinem Artikel.

Fernsehkritik.tv als Vorbild
Die Einschätzung über die Medienberichterstattung zum ESC war der erste Artikel auf dem Blog medienkritisch.ch. Stephan Stulz ist der Initiant dieses „Projektes“, wie er den Blog selber nennt. Zusammen mit seinem 16-jährigen Cousin Manuel Egli nimmt Stulz die Medien unter die Lupe. Auf die Idee einen medienkritischen Blog zu betreiben, kam Stulz einerseits durch seine Schwester, die in Winterthur Journalismus studierte, andererseits aber auch durch fernsehkritik.tv, ein Videoblog, das sich das deutsche Fernsehangebot vorgeknöpft hat. „Als ich diese Seite im Netz entdeckt hatte, wusste ich, dass ich so etwas auch machen wollte“, erklärt Stulz und nippt an seinem Eistee. „Daraufhin fragte ich Manuel, ob er mitmachen wolle. Er sagte sofort ja.“

Wegen Herzfehler: Schreiben statt Sport
Sechs Artikel sind bis anhin auf dem Blog der jungen Kritiker erschienen. Rund 400 Leute schauen pro Monat auf medienkritisch.ch vorbei. Die Artikel sind allesamt gut verständlich formuliert. „Dies ist wohl auf die Tatsache zurückzuführen, dass wir beide seit jeher gerne schreiben“, sagt Egli, der zurzeit bei den AZ-Medien eine kaufmännische Lehre absolviert. Interessierte sich Manuel Egli schon als Kind für die redaktionellen Abläufe in den Medien, war es bei Stephan Stulz eher seine körperliche Behinderung, die bei ihm die Leidenschaft für das Schreiben entfachte. Seit Geburt leidet er an einem schweren Herzfehler. „Das Schreiben ist für mich sicher eine Kompensation zum Sport, den ich aufgrund meines Herzleidens nicht betreiben kann“, sagt Stulz. Aus dem Haus gehen, bedeutet für ihn immer eine grosse Organisation und manchmal klappt es auch gar nicht. Auf die Teilnahme an den Jugendmedientagen musste er verzichten, obwohl er gerne teilgenommen hätte.

Mit Zuversicht in die Zukunft
Trotz seiner Behinderung lässt sich Stulz von seiner Leidenschaft, dem Schreiben, nicht abbringen. Zusammen mit seinem Cousin arbeitet er immer wieder an Schreibprojekten. So beispielsweise an einer eigenhändig verfassten Umweltzeitung, bei der sie bereits erste redaktionelle Erfahrungen sammeln konnten. Dennoch verliefen ihre früheren Projekte irgendwann im Sand. Ein Problem, dass gerade auch Blogs im allgemeinen und medienkritische Blogs im speziellen immer wieder zum Verhängnis wird. Sie verschwinden oft genauso schnell, wie sie aufgetaucht sind. Dieser Gefahr sind sich auch Stulz und Egli bewusst, dennoch blicken sie positiv in die Zukunft. „Die Tweets, Kommentare und Feedbacks, die wir bis jetzt erhalten haben, geben uns genug Motivation um dieses Projekt weiterzuführen“, gibt sich Egli zuversichtlich.

Keine Kritik um der Kritik willen
Die beiden Jungautoren wollen auf ihrem Blog aus Sicht von Konsumenten über Medien berichten – und zwar kritisch. Dennoch fällt beim Lesen der Artikel auf, dass sie die Medien grösstenteils positiv bewerten. Scharfe Kritik sucht man vergeblich. Dafür sehen die beiden Teenager verschiedene Gründe. „Manchmal beginne ich einen kritischen Artikel, muss mir dann aber eigenstehen, das ich das Thema zu stark kritisieren will. Das ist für mich nicht ehrlich. Ich will nicht kritisieren, nur damit kritisiert ist“, erklärt Stulz. Egli hingegen sieht in einer zu kritischen Berichterstattung über Medien seine journalistische Karriere bedroht. „Ich will später einmal in der Medienbranche arbeiten, deshalb will ich mir durch diesen Blog meine Zukunft nicht verbauen“, so der 16-jährige. Das ist zwar nachvollziehbar, aber dennoch schade, dass die beiden ihr Potenzial nicht aus dem Vollen schöpfen. Sollten doch gerade Blogger frei von Kollegenorientierung und Geschäftsinteressen über Medien berichten können.

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