«Die Leser sind eine wichtige Ressource»

von Noëlle König

Als Ombudsmann von Tamedia beobachtet Ignaz Staub, wie die Leser zunehmend empfindlich und intolerant gegenüber anderen Meinungen in den Medien reagieren. Dennoch hält er die Rückmeldungen aus dem Publikum für einen wichtigen Stimmungsbarometer.

Seit 2010 arbeitet Ignaz Staub als Ombudsmann des Zürcher Medienkonzerns Tamedia. In dieser Funktion ist er zuständig für sämtliche redaktionellen Angebote des Zürcher Medienunternehmens in der Deutschschweiz. Der Grossteil seiner Arbeit macht die Bearbeitung der Beschwerden aus. In seinem ersten Amtsjahr musste er rund 150 Beschwerden von Leserinnen und Lesern behandeln, im zweiten Jahr waren es rund 180. Wobei der Aufwand unterschiedlich sei, sagt Staub. Grundsätzlich sei es wichtig, auf jede Beschwerde zu antworten.

Leserbriefe und Kommentare beschäftigen
Die Beschwerden kämen überwiegend von Einzelpersonen, selten gäbe es auch eine von einem Unternehmen. Eine Statistik über die Beschwerdethemen führt Staub keine, aber es liessen sich schon Häufungen feststellen: «Was die Leute immer wieder bewegt, ist die Auswahl der Leserbriefe. Sie verstehen nicht, wieso ihr Brief nicht ausgewählt wurde, ein anderer aber schon.» Er wisse nicht, wie oft er in den letzten zwei Jahren erklärt habe, dass nicht alle Leserbriefe abgedruckt werden können und im Übrigen auch keine Korrespondenz über die Auswahl geführt werde. Auch die Freischaltung von Leserkommentaren auf den Online-Seiten der Medien biete immer wieder Anlass für eine Beschwerde. Staub sagt: «Die Leute meinen, ich könnte in solchen Fragen Einfluss auf die Redaktion nehmen.» Sicher habe er einen gewissen Einfluss, aber er wisse selber nicht, wie gross der wirklich sei. «Weiter beschäftigen die Leser vor allem Themen, in denen man gut unterschiedlicher Meinung sein kann. So wie Religion und Sekten, Medizin und Gesundheit, Schule und Bildung und der Nahostkonflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern», erklärt Staub.

Ein Fall endete vor Gericht
Viele Beschwerden finden den Weg zum Ombudsmann, weil Leser, die sich zuerst bei der Redaktion melden, dort keine Antwort erhalten haben. Als Erstes versucht Ignaz Staub herauszufinden, was genau passiert ist und fungiert dann als Vermittler zwischen der Redaktion und den Lesern. Einzelne Themen behandelt er monatlich in seiner Kolumne, die im «Tages-Anzeiger» und im «Bund» erscheint. Weitreichende oder grundsätzliche Themen trägt er an der publizistischen Konferenz der Tamedia vor, an der alle Chefredaktoren anwesend sind.

«Weiss, wie der Hase läuft»
«Dass ich selber schon als Journalist bei der Tamedia gearbeitet habe und weiss, wie der Hase läuft, ist bei meiner Arbeit von Vorteil», meint Staub. So könne er die meisten Konflikte entschärfen, bevor der Rechtsweg eingeschlagen wird. Und wenn doch mal ein hartnäckiger Leser nicht locker lassen will: «Dann rate ich ihm, es sich gut zu überlegen, ob er wirklich diesen Weg gehen will, denn er könnte für ihn sehr lange und teuer werden. Das lohnt sich für die Leser in den meisten Fällen nicht.» Erst einmal wurde ein Fall, den Staub behandelt hatte, bis vor Gericht gebracht. Dabei ging es um eine Frau aus dem Toggenburg, die in den Medien als Astronautin und Angestellte der Nasa bezeichnet wurde. Ein Tages-Anzeiger-Journalist deckte Widersprüche in der Berichterstattung auf und betitelte die Toggenburgerin als «Hochstaplerin» woraufhin sie den Journalist wegen Ehrverletzung anzeigte. Im Oktober wurde der Journalist am Bezirksgericht Zürich wegen übler Nachrede zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt.

Manche Leser haben viele Probleme
Das sei aber wirklich die Ausnahme. «Viele Leute, die sich bei mir beschweren, sind solche, die wohl auch sonst im Leben Probleme haben», meint Staub. Diese würden sich und ihr Anliegen sehr ernst nehmen und versuchten aufzuzeigen, dass er nur ein kleines Rädchen in einem grossen Apparat sei. Meistens bleibe es aber bei der Beschwerde. Er versuche immer nett zu bleiben, vor allem wenn sich die Leute zum ersten Mal bei ihm melden. Erst wenn er merkt, dass sich jemand immer wieder beschwert und auch immer wieder über das Gleiche, verliert auch Staub einmal die Nerven: «Bei solchen Leuten ist meine Antwort dann vielleicht nicht mehr so nett oder ich antworte irgendwann einfach gar nicht mehr.»

«Den Leser nicht unterschätzen»
Staub ist es wichtig, dass die Rolle der Leser nicht unterschätzt wird: «Auf Grund der technischen Entwicklungen kommen die Medien nicht darum herum, die Leser ernster zu nehmen.» Als Medium sollte man versuchen, die Ressourcen, die man hat, zu nutzen. Und dazu gehören laut Staub auch die Leser. «Einmal gab es einen Fall, der in diese Richtung lief. Ein Leser wollte sein Abonnement des Tages-Anzeigers kündigen, weil es ihm zu viele Fehler hatte. Daraufhin wurde ein Deal mit den Abonnementskosten ausgehandelt, dafür musste der Leser eine akribische Blattkritik für den Tages-Anzeiger schreiben», erzählt Staub. Sicher würden sich nicht alle Leser als Journalisten eignen und er glaubt auch nicht, dass die Rolle des Journalisten überflüssig wird: «Es braucht nach wie vor eine Institution, die die Informationen sucht, sammelt, komprimiert und wertet. Aber der Leser wird in Zukunft immer wichtiger, weil er sich mehr einbringen kann.» Es werde die Zeitung auch in 20 Jahren noch geben, vielleicht nicht mehr gedruckt auf Papier, aber sicher im Internet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.