„Nicht alles machen, was die Chefs wollen“

von Eva Hediger

Medienkritik schwächelt in der Schweiz auch deshalb, weil sich nur wenige Journalisten kritisch exponieren wollen oder können. Das sei falsche Zurückhaltung, finden jüngere Medienjournalisten, während ältere Medien- und Kommunikationsprofis vor Medienkritik als Karrierekiller warnen.

Karl Lüönd.

Konzentrationsprozesse beeinflussen auch den Stellenmarkt: Immer weniger Arbeitsplätze verteilen sich auf immer weniger Verlage. Für Karl Lüönd führt diese Entwicklung zu einem „vorauseilenden Gehorsam“ und einem veränderten Berufsbild. Der Markt fordere nur noch „pflegeleichte Journalisten mit Röhrenblick“. Besonders Medienkritik werde von Führungspersonen als „unbequem und lästi derg“ empfunden. Ins gleiche Horn wie Altjournalist stösst auch Klaus J. Stoehlker, gemäss eigenen Angaben einer der „herausragenden Köpfen der europäischen PR-Branche“.

Stoehlker meint: „Kein ehrgeiziger Journalist kann es riskieren, sich durch eine ernst zu nehmende Medienkritik aus dem Spiel zu nehmen. Wer eine Chefredaktion kritisiert, wird dort kaum mehr ein Jobangebot erhalten. Wer dauerhaft Medienkritik betreibt, macht sich zum Aussenseiter.“

Christof Moser.

„Quatsch mit Sosse“
Ein solcher „Aussenseiter“ ist Christof Moser. Er schreibt für den „Sonntag“. Die Äusserung Stoehlkers sind für ihn „Quatsch mit Sosse“: „Es stimmt zwar, dass viele Journalisten so denken und deshalb mit Kritik zurückhaltend sind. Aber ein guter Journalist muss immer bereit sein, an dem Ast zu sägen, auf dem er sitzt.“ Sein Motto ist es, die Medienkritik so schmerzhaft wie möglich zu machen: „Nur dann hat sie einen Effekt. Man verärgert immer wieder Leute furchtbar, aber ihre Freude ist gross, wenn jemand anderes geärgert wird. So hält sich das in der Waage.“ Gibt es für ihn Tabus und Grenzen? „Nein! Kritisierte jaulen zwar oft auf und sagen: ‚Hey, wir haben doch erst kürzlich ein Bier zusammen getrunken’, aber, na und?“
Für Christian Lüscher, Reporter bei tagesanzeiger.ch/Newsnet, gibt es neben der Faktentreue nur eine Regel: „Ich berücksichtige immer die besten Argumente aller beteiligten Personen.“ Die weit verbreitete Meinung, Medienkritiker würden sich mit ihrer Arbeit Steine in den Weg legen, teilt Lüscher nicht. Er habe über seinen heutigen Chef Peter Wälty vor vier Jahren kritisch berichtet: „Ich kann mich noch an ein ziemlich unangenehmes Gespräch am Telefon erinnern. Aber das hat mir rückblickend nicht geschadet. Durch meine Arbeit fiel ich auf und 2011 holte mich Wälty schliesslich zu Newsnet.“ Heute veröffentlicht Christian Lüscher regelmässig medienkritische Beiträge.

Blogs: Hobbybasteleien und Angsttriebe
Für medienkritische Blogs hat Christian Lüscher wenig übrig: „Leider kriege ich auf Medienblogs oft wirre Vorstellungen und sehr viel Idealismus serviert. Das hat vermutlich damit zu tun, dass viele Blogger nie wirklich als Journalisten in Medienorganisationen gearbeitet haben. Hätten sie das, würde ihre Kritik weniger klischeehaft ausfallen und wäre auch lesenswert.“ Auch Karl Lüönd hält wenig von Medienblogs. Für ihn sind das „Hobbybasteleien“ mit zu wenig Reichweite, um relevant zu sein. Auch Klaus J. Stoehlker relativiert: „Medienblogs sind eine Art Angsttriebe, wie sie in der Botanik vorkommen. Wer mit Kritik übertreibt, tut sich keinen Gefallen, wenn dann die Ausschlussregeln wieder zur Geltung kommen, die mögliche Karrieren vernichten können.“

So unterschiedlich die Meinungen der vier Branchenkenner auch sind, zumindest in einem Punkt sind sich einig: Medienkritik muss fester Bestandteil des Journalismus sein und bleiben. Die Befürchtungen der älteren Profis teilt der Nachwuchs jedoch nicht. Für sie ist Medienkritik kein Risikogebiet, sondern eine Bereicherung. Deshalb mahnt Christof Moser: „Guter Journalismus hat nie damit zu tun, was Führungspersonen wollen. Ich sage jungen Journalisten immer: Seid widerborstig, macht nicht alles, was die Chefs wollen, sondern zuweilen auch – mit guten Argumenten natürlich – das Gegenteil. Gute Journalisten sind immer obrigkeitsskeptisch.“

10 Gedanken zu „„Nicht alles machen, was die Chefs wollen“

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  2. Matthias Giger

    Dass Klaus J. Stöhlker als PR-Mann und Uraltjournalist – immerhin schon 40 Jahre her – vor Medienkritik warnt, ist klar. Dem Votum von Karl Lüönd schenke ich weit mehr Gewicht. Ihn habe ich in Fribourg am Forum „Staat und Medien in der Demokratie“ erlebt – ein kluger und durchaus branchenkritischer Kopf. Aber er hat altersbedingt die Perspektive eines Eingesessenen. Er muss sich nicht mehr etablieren. Christian Lüscher und Christof Moser haben als junge Journalisten daher wohl die direkteste Sicht auf die Thematik.

    Was ich mich bei dem „Cast“ für diesen Bericht frage: Gibt es keine medienkritischen Journalistinnen?

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    1. Ronnie Grob

      Um einen aktuellen Artikel zu zitieren:

      „Medien werden, um es bewusst pauschal zu formulieren, immer wichtiger. Mit dem Internet ist ein Berichterstattungsfeld entstanden, dem die Medienseiten allein gar nicht gerecht werden können. Die Etablierung des Internets hat es auch mit sich gebracht, dass immer mehr und immer schneller berichtet wird – was wiederum mehr medienkritische Analysen, mehr Metatexte erfordert. Politische Skandale und Krisen werden oft quasi automatisch ein Thema für den Medienjournalismus, weil es sich aufdrängt, auch zu analysieren, wie die Kollegen über diese Themen berichten, wie sie sich an Inszenierungen beteiligen, wie sie sich instrumentalisieren lassen. Damit der gewachsene Bedarf an Medienjournalismus im weiteren Sinne gedeckt werden kann, tauchen entsprechende Beiträge oft auch auf den Politikseiten auf.“

      http://funkkorrespondenz.kim-info.de/artikel.php?pos=Leitartikel&nr=10030

      Es gibt immer mehr Medienjournalismus, und auch immer mehr Journalisten, die über Medien schreiben (müssen), weil immer mehr Storys halt auch eine Medienkomponente haben.

      Klaus J. Stöhlker war ja während einigen Jahren sehr aktiv als medienkritischer Blogger unterwegs, aber vielleicht hat er persönlich damit ja schlechte Erfahrungen gemacht.

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  5. Fred David

    Es ist schon faszinierend hier zu lesen, wie manche Jounalisten glauben, Medienkritik gehe nur sie als Journalisten etwas an. Leser/User sollen sich gefälligst raushalten, weil sie verstehen ja nichts davon, wie das drinnen so läuft. Das ist doch Quatsch! Medien leben von Lesern/Käufern/Usern.

    Es ist ein altes Phänomen, über das ich immer noch staune, auch nach 44 Jahren Berufsjournalismus: Journalisten haben Berührungsängste zu ihrem Publikum. Am liebsten würden sie jeden Kontakt vermeiden. Im grunde fürchten sie sich vor den Lesern.

    Als ich einen neuen Führungsjob antrat, fragte ich in der Redaktionskonferenz: Für wen machen wir eigentlich diese Zeitung, wie sehen unsere Leser aus? Totales Schweigen. Einzig der Verlagsleiter meldete sich zu Wort und zitierte aus irgendwelchen Copy Tests.

    Die Journalisten hatten sich die Frage überhaupt noch nie überlegt. Ihre Leser waren nicht auf ihrem Radar.

    Über diese Szene bin ich bis heute fassungslos.

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