„Das ist Provokation, nicht Kritik“

von Samuel Buchmann

Claudio Zanetti teilt gerne aus: Journalisten nennt er schon mal «Idioten» und links sind für ihn sowieso die meisten, besonders jene beim „zwangsgebührenfinanzierten Staatsradio“. Eigentlich wäre er selber gerne Journalist geworden. Doch daraus wurde nichts. Dafür schiesst er jetzt umso schärfer gegen missliebige Medienschaffende. Was Zanetti als Medienkritik versteht, empfinden die Angegriffenen als reine Provokation.

Claudio Zanetti.

Claudio Zanetti ist Jurist, SVP-Kantonsrat, aktiver Twitterer und Blogger. Aber eigentlich wäre er lieber Journalist geworden: „Schon in der Maturazeitung habe ich als Traumberuf ‚Journalist‘ angegeben. Doch es hat nicht sollen sein.“ So versucht Zanetti neben seinem politischen Amt eben auf eigene Kosten journalistisch tätig zu sein. Er betreibt die Plattform politik.ch, ein „Nachrichtenportal“, auf dem man „keinen journalistischen Mainstream, sondern pointierte, direkte und unabhängige“ Beiträge finden soll, wie es in einem Werbevideo heisst. Den Vorwurf, dass er als Politiker doch per Definition nicht unabhängig sei, weist er zurück: „Ich vertrete zwar eine subjektive Meinung. Das heisst aber nicht, dass ich nicht unabhängig bin.“ Lukrativ sei das Portal allerdings nicht, dafür fehlten die nötigen Sponsoren und Werbepartner. Zanettis Politsendung CC-Talk, die er produzierte und auch gleich mitmoderierte, lief zwei Jahre lang auf Star-TV. Mittlerweile wurde sie abgesetzt – ebenfalls aus Geldmangel.

Damit endet die journalistische Erfahrung in Zanettis Lebenslauf. Deshalb war die Überraschung gross, als im April 2012 bekannt wurde, dass Zanetti neuer Bundeshauschef der Basler Zeitung werden soll. Davor sollte er in die USA reisen und über den Wahlkampf berichten. Doch daraus wurde nichts. Nachdem in der Redaktion Kritik am Personalentscheid von Chefredaktor Markus Somm laut wurde, verzichtete Zanetti auf den Posten. Er selbst schweigt sich über die genauen Gründe bis heute aus. „Das spielt jetzt keine Rolle mehr“, sagt er auf Anfrage.

Und so bleibt Zanetti stattdessen dabei, die Medien zu kritisieren. Besonders auf Twitter verbringt der Politiker viel Zeit damit – um die 50 Tweets schreibt er täglich. „Viele Medien reden von Qualitätsjournalismus, werden aber diesen Ansprüchen sowohl intellektuell als auch handwerklich nicht gerecht“, beklagt er. Die meisten Journalisten seien zu denkfaul und würden nicht genug kritische Fragen stellen.

Am 17. Oktober twittert Zanetti zum Beispiel: „Was ist das für ein Journalist, der den Interviewpartner Fragen stellen lässt, ohne Antworten zu liefern?“ Im betreffenden Interview mit Wirtschaftsprofessor Marius Brülhart geht es um neue Gewinnsteuersätze der Kantone. Brülhart wirft unter anderem die Frage nach deren Berechnung auf. Thomas Ley, Autor des Artikels, kann Zanettis Kritik im konkreten Fall nicht nachvollziehen: „Vielleicht sollte Herr Zanetti das Interview genauer lesen. Die Frage stellt Brülhart den Kantonen, eben genau, weil es darauf noch keine Antwort gibt.“

Neben dem „Tages-Anzeiger“ ist vor allem das gebührenfinanzierte Schweizer Radio und Fernsehen ein Dorn in Zanettis Auge: „Unsere Staatsmedien sind doch ein Witz! Sie werden ihrem Auftrag nicht gerecht – sie hinterfragen die Entscheide des Bundesrats nicht, sondern lassen sich mit Trivialitäten abspeisen.“ Ausserdem ist Zanetti überzeugt davon, dass die Medienbranche zu 90% aus „Linken“ besteht, welche vorwiegend gegen die SVP schreiben und politische Agitation betreiben.

Soviel zum Inhalt der Kritik. Über diesen gehen die Meinungen zwar auseinander – hitzige Twitter-Wortgefechte sind keine Seltenheit – doch es ist grundsätzlich zu begrüssen, dass sich Politiker mit der Qualität von Journalismus auseinandersetzen. Die Art und Weise, wie Zanetti Journalisten kritisiert, ist aber oft unprofessionell. Er lässt sich schon mal zu persönlichen Beleidigungen hinreissen. So schreibt er zum Beispiel am 24. Oktober auf Twitter: „Die zweitdümmste Journalistin hätte gemerkt, dass es nicht ums Klima, sondern um eine getarnte Preiserhöhung geht.“, und bezieht sich damit auf die Autorin des Artikels, Helene Arnet. Das Beispiel ist exemplarisch für viele Fälle, in denen er nicht nur einen Artikel kritisiert, sondern pauschal die Kompetenz der Autoren anzweifelt.

Das stört auch „Tages-Anzeiger“-Journalistin Michèle Binswanger. Sie ist ein beliebtes Ziel von Zanettis Tweets, sobald es ums Thema Frauen geht. „Zanetti versucht mit falschen Unterstellungen seine Gegner zu provozieren. Meist geht es nicht um die Sache, sondern sofort gegen eine Person“, sagt Binswanger. „Deshalb würde ich das, was Zanetti auf Twitter betreibt, nicht als Medienkritik bezeichnen, da Kritik eine gewisse Tiefe verlangt. Ich sehe es eher als einen Versuch, sich zu profilieren.“

Zanettis Aussagen sind radikal, schwarz oder weiss. Der Nachteil daran ist, dass sie oft jegliche Objektivität vermissen lassen und wenig differenziert sind. Aber das ist vielleicht auch nicht der Anspruch – schliesslich handelt es sich hier um einen von seinen Ansichten überzeugten Politiker. Wer Claudio Zanetti auf Twitter folgt, muss sich also auf wahre Fluten von Meldungen, SVP-Parolen und zugesppitzte Aussagen gefasst machen. Doch dazwischen findet sich tatsächlich der eine oder andere kritische Tweet über die Schweizer Medienlandschaft, der zum Nachdenken anregt.

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