Unterhaltung mit Längen – Tagung 2012

von Matthias Giger

Im Vergleich zum letzten Jahr haben doppelt so viele Leute an der Fachtagung von Medienkritik Schweiz teilgenommen. Im Vergleich zum letzten Jahr aber, hatte diese Tagung deutlich mehr Längen, so das Echo vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Dennoch, das Thema «Unterhaltung als Ideologiemaschine» wurde grundsätzlich gut abgebildet – zu ausufernd aber, daher der Versuch einer Zusammenfassung.

Das Erführungsreferat hat Prof. Dr. Christian Doelker gehalten. Er lotete die Grenzen von Satire und Kunst aus.

Die verschiedenen Mediendarbietungen werden nicht mehr als Einzelbeiträge (Sendungen, Artikel…) wahrgenommen und genutzt. Sie konvergieren zu einem Medien-Mainstream, der sich auf die verschiedenen Endgeräte (Bildschirme, i-Pads, Smartphones, Spielkonsolen… ) verteilt (also inhaltliche Konvergenz). Diese Endgeräte sind angesichts ihres „verbreiten“ Contents („verbreit“ von Brei abgeleitet) zu einer zusammenhängenden neuen Umwelt zusammengewachsen, konvergiert (also technische Konvergenz).

Diagnostizierte Christian Doelker. Im De-konvergieren ortete er die Fähigkeit, sich in dieser neuen digitalen Umwelt zurecht zu finden.

Gezeichnet von Konferenz-Cartoonistin Magi Wechsler

Prof. Dr. Daniel Ammann eröffnete als erster von vier Referenten der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZ) den Block Satire, Fiction, Information. Unter dem Titel «Fiktion ist Werbung» zeigte er auf, wie Werbung die Fiktionalen Texte vereinnahmt. Der Bier trinkende James Bond Darsteller Daniel Craig war ein Beispiel unter vielen. (Clip unbedingt zu Ende sehen) Daniel Ammann leitete zu Flurin Senn über, der aufzeigte, dass Werbung auch nur Kunden- oder Produkt-Information sein kann. Zudem würden die in der Werbung transportierten Informationen von einem Abbild in ein Vorbild (auch ein negatives) kippen können, etwa, wenn die Werbung emotional stark aufgeladene Bilder verwendet. Er zeigte ein Beispiel mit einem noch lebendigen Kaninchen unterm Metzgermesser. Darauf hin hätten sich Eltern über die Verunsicherung ihrer Kinder beklagt. Diese glaubten, das Kaninchen schwebe tatsächlich in Lebensgefahr. Die Metzger wiederum sahen ihren Beruf durch die Plakate in ein schlechtes Licht gerückt.

Dr. Thomas Hermann griff die Information in seinem Referat «Information ist Satire» auf. Altbundesrat Rudolf Merz beispielsweise. Dieser begriff die Erläuterung zum Zolltarif, reine Information, als Realsatire. Oder der verstorbene Führer Nordkoreas Kim Jon Il, dessen Informations-getriebene Visiten von einem Blog zur Realsatire stilisiert wurden. Thomas Hermann hielt auch fest, dass einige Satiriker für manche Leute mehr Glaubwürdigkeit haben als die Politiker, über die sie ihre Witze machen und sah darin mit einen Grund für die guten Quoten von Giacobbo/Müller.

Dr. Norbert Grube schloss den Themenkreis mit «Satire ist Fiktion». Satire dürfe sich dabei aber nicht zu weit von der Realität entfernen, denn erst mit Bezug zur Realität werde Satire politisch kontrovers. Satire sei eine Realitätsbrechung, Werbung eine Realitätsversprechung.

Hauptreferent Prof. Dr. Louis Bosshart zeigte anhand von Ausschnitten aus amerikanischen Spielfilmen, wie politische Statements in Unterhaltungssendungen transportiert wurden und werden. Hierzulande kennt man dies beispielsweise aus dem Spielfilm «Demokrat Läppli». Etwas unterscheiden sich die Kritikpunkte, die in den amerikanischen Filmen zur Sprache kommen, zwar schon von den jenen unserer Polit-Leute: Lobbyismus, der liberale Umgang mit Schusswaffen, eine übersteigerte Libido der Mächtigen, Korruption und Ignoranz. Vor allem interessant war eine Aussage aus «The American President»: Wir haben euch nur gesagt, was ihr gerne hören wolltet. Louis Bosshart kommentierte:

Das hängt mit der starken Beforschung der Meinungen in den USA zusammen.

Rechtsanwalt Philip Kübler, Dozent für Presserecht an der Universität Zürich und Vorstandsmitglied von Medienkritik Schweiz, leitete das medienkritische Podium. Von Max Trossmann (Vizepräsident des Schweizer Presserats) wollte er wissen, ob es der Presserat auch mit Unterhaltung zu tun bekomme. Max Trossmann: «Ja, aber meistens handelt es sich schon um News-Formate, die beanstandet werden.» Zudem hielt er fest:

Es ist nirgends vorgeschrieben, dass Pressebeiträge nicht einseitig sein dürfen. Aber sie müssen handwerklich gut gemacht sein.

Pierre Rieder von der Unabhängigen Beschwerde Instanz, der UBI, hielt ebenfalls fest, dass sie Non-News-Formate kaum beanstandet werden. «Am meisten trifft es die Sendung 10vor10. In diesem Jahr wurde keine Unterhaltungssendung bemängelt.» Zwar komme dies vor, dabei gehe es aber meistens nicht um dargestellte Meinungen, sondern um Aspekte wie Gewalt oder Sittlichkeit.

Daniel Römer der Vereinigung Arbus, die sich für die Mediennutzer stark macht, sagte:

Wir spüren stark, dass die Jugendlichen heute weniger politische Sendungen und weniger SRG-Programme schauen.

Bei jungen Leuten finde ein Wandel weg von den traditionellen Medien hin zu Non-News-Formaten statt, stellte Daniel Römer fest.
Dieses Votum griff Gregor A. Rutz von der Aktion Medienfreiheit auf. Auf der einen Seite sei die technische Entwicklung der Medien weit voran geschritten, auf der anderen Seite gehe es uns so gut. Man sei heute zu bequem geworden, um sich kritisch mit Themen wie der Medienvielfalt auseinander zu setzen.

Es ist lustiger, eine Unterhaltungs- als eine Nachrichtensendung zu schauen. Wir von der Aktion Medienfreiheit sorgen uns aber nicht deshalb. Beunruhigender finde ich, dass die öffentlich-rechtliche SRG Themen einseitig und flächendeckend setzen kann.

Das Gegengewicht privater Radio- und Fernsehsender sei zu gering, warnte Gregor A. Rutz.
Paul Ehinger von der Stiftung für Wahrheit in den Medien griff das Votum von Gregor A. Rutz auf und wies auf das Symposium der Stiftung am 24. November zum Thema «Meinungsvielfalt, Medienvielfalt und Medienqualität» hin. Er glaube schon, dass sich mit Unterhaltung Ideologien verbreiten lassen, glaube aber nicht, dass die Bürgerinnen und Bürger darauf rein fallen.

Dass die Demokratie mit Non-Info-Formaten gefährdet werden kann, sehe ich nicht.

Nach so vielen Informationen über Unterhaltung – dies ohne Pause – freute sich das Publikum nun darauf, sich beim Apéro zu unterhalten.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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