„Wen interessiert schon eine Nabelschau?“

von Claudio Gagliardi

Journalisten treten zwar regelmässig als Experten und Beobachter in der „Arena“ des Schweizer Fernsehens auf. Die Arbeit und die Qualität der Medien sind aber selten bis nie Thema der Sendung. Beim letzten Versuch im Dezember 2011 musste die Sendung abgesagt werden. Schaut die „Arena“ bei den Medien zu wenig genau hin, oder geben sie schlicht zu wenig her? Die stellvertretende Redaktionsleiterin Franziska Ingold nimmt Stellung.

Franziska Ingold Bild: SRF

Woran liegt es, dass sich die Arena selten, zuletzt im Januar beim Fall Hildebrand, mit der Schweizer Medienlandschaft befasst?
Frankziska Ingold: Mich interessieren die Medienthemen natürlich sehr. Aber sind wir ehrlich, wir Journalisten betreiben gerne Nabelschau. Die Frage ist, interessieren Medienthemen die Öffentlichkeit? Bei Hildebrand war dies der Fall, weil die Medien eine wichtige Rolle gespielt haben. Somit kann man dies auch in einer Arena thematisieren, jedoch nicht für 75 Minuten.

Würden Sie sich wünschen, dass die Schweizer Medien in der Arena häufiger kritisch behandelt werden?
Grundsätzlich ja, wobei die Arena-Kernkompetenz klar in den Bereichen Politik und Wirtschaft liegt Ich hätte auch kein Problem, wenn das SRF als Medium kritisch behandelt würde. Das Problem ist, dass sich Medien-Diskussionen häufig nicht auf einer inhaltliche-publizistischen Ebene bewegen, sondern schnell politisch werden. So nach dem Motto: „Medien sind alle links ausser BaZ und Weltwoche“. Und sobald das SRF zum Thema wird, geht’s oft um Gebührenverteilung und um den Konflikt zwischen den Verlegern und dem SRF beim Onlineauftritt.

Bräuchte es ein Sendegefäss beim SRF, das sich periodisch mit den Medien befasst? Medien-Arena, Medien-Club oder Medien-Rundschau?
Der „Club“ wäre das ideale Sendegefäss für eine Mediendebatte, mit Pfeife und Weisswein (lacht). Verstehen sie mich nicht falsch, persönlich fände ich eine Medien-Arena gut, aber dann für das Publikum und nicht für die Medien. Sie müsste aber ein Thema haben, das so brisant ist, dass es keine grosse Einführung braucht, sondern die Positionen im Vorfeld bekannt sind. Diese Brisanz bieten Medienthemen weniger.

Vielleicht im Unterhaltungsbereich?
Wir haben in unserem Haus ja Giacobbo und Müller, die sich oft mit Medienthemen, respektive Schlagzeilen aus den Medien befassen. Da bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Zuschauer alles verstehen, wenn diese die Zeitungen nicht gelesen haben.

Kommt die Medienkritik in der Schweiz zu kurz?
Die Medienkritik ist ja nicht grundlos rückläufig. Die Medienlandschaft hat sich verändert, das klassische Links-Rechts-Schema ist nicht mehr so ausgeprägt. Der Tages-Anzeiger beispielsweise schreibt kritisch über sozial-demokratische Themen, die NZZ druckt nicht mehr die FDP-Meinung ab. Die einzigen, die noch „politisieren“, sind Zeitungen wie die Weltwoche und die WoZ. Natürlich gibt es überall Tendenzen, aber vergleicht man unsere Presselandschaft mit derjenigen in Italien, in den USA oder in Grossbritannien, sind die Schweizer Zeitungen weniger politisch gefärbt. Auch die Medienvielfalt ist in der Schweiz nicht mehr stark ausgeprägt. Im Print geht die Medienkritik in der Regel an die Adressen der grossen Blätter wie der Weltwoche, Blick, Tages-Anzeiger, NZZ und WoZ. Das ist auf die Dauer einfach nicht interessant für die Öffentlichkeit.

Welche Erwartungen haben Sie an junge Journalisten, um zu einer längerfristigen Qualitätssteigerung beizutragen?
Journalisten müssen „Gwundernasen“ sein. Sie müssen den Mut haben, jemand mit dämlichen und frechen Fragen zu löchern, sie müssen rausgehen und mit den Leuten reden. Nebst einer guten Allgemeinbildung lohnt es sich, meiner Meinung nach auch sich ein spezifisches Themengebiet zu zulegen. Entweder macht man Politik, oder People. Aber von beidem eine kleine Ahnung haben, bringt einen nicht weiter. Ich weiss zum Beispiel nicht, mit welcher 20-Jährigen Stress zur Zeit ins Bett geht, aber ich kann Ihnen alle Bundesräte aufzählen (lacht).

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