Digitales Lauffeuer

von Matthias Giger

«Es gilt die Unschuldsvermutung», heisst es, wenn seriöse Medien in der Schweiz über jemanden berichten, der ein Verbrechen begangen haben soll, aber noch nicht verurteilt worden ist. Vor allem dann, wenn die Person mit Namen genannt wird, weil der was zur Sache tut. Mit der Namensnennung ist das so eine Sache. Das wird weltweit unterschiedlich gehandhabt. […]

In England und Irland beispielsweise. Dort werden die Namen von Opfer und Täter in den Medien genannt. Auch bei Autounfällen. Das ist zweifelsfrei eine Frage der Medienethik, die je nach gewachsener Medienkultur anders beantwortet wird. Die ethischen Standards sollten aber nicht als absolut gesetzt werden. Beispielsweise dann nicht, wenn der Täter es mit seiner Tat auf mediale Aufmerksamkeit anlegt. Gewisse Namen werden einem aber leider trotzdem um die Ohren gehauen, auch von Medien in der Schweiz. Und die Bilder werden gezeigt. Norwegen. Wir erinnern uns.

Das alles war schon vorher da. Neu ist aber, dass Soziale Netzwerke den Schaden potenzieren, den fälschlicherweise verunglimpfte Personen nehmen. Falschmeldungen oder Namen und Bilder mutmasslicher Täter verbreiten sich über Social Media noch schneller und weiter. Und der Selbstjustiz wird Tür und Tor geöffnet. Auch in Rechtsstaaten. Über die Sozialen Netzwerke kommen Bekannte direkt an den Täter oder die Täterin heran. Wie der Social Media Zirkus um den Amoklauf in Newton zeigt, kommen dabei auch Namensvetter auf den Radar. Oder Geschwister. Oder Familienangehörige. Allerdings haben im Fall des Amoklaufs in Newton auch etliche klassische Medien versagt. Einmal mehr. (Hier zu lesen)

Spätestens an den Online-Medien beissen sich Institutionen wie der Presserat die Zähne aus. Ein Lauffeuer lässt sich nicht mehr löschen, indem man den Brandherd bekämpft. Der Schaden bleibt oder zumindest ein fahler Beigeschmack. Jeder, der zu Unrecht ins Schussfeld der Medien geraten ist und dies mit seinem Namen, weiss das. Klar, dieses Problem gibt es schon länger: Seit Agenturen Meldungen anderer Agenturen übernehmen oder seit Printjournalisten TV-Meldungen abschreiben beispielsweise.

Eine interessante Frage ist, ob denn Twitter nicht auch als Chance gesehen werden kann, um das Lauffeuer zumindest rasch wieder einzudämmen. Denn die Meldung, dass etwas eine Falschmeldung war, lässt sich ebenso schnell verbreiten, wie die Falschmeldung selbst. Doch nicht alle hängen ständig am Tropf von Online-Medien und Social Media – zum Glück.

Ein generelles Problem kommt mit den Sozialen Medienkanälen hinzu. Dort fehlen Gatekeeper (Journalisten, die Nachrichten prüfen und filtern, einordnen und kommentieren). Propaganda lässt sich über Twitter ganz prima verbreiten. Und Werbung über Facebook. So wird es von den Werbeeinnahmen her enger und enger für die klassischen Medien. Gerade für Printmedien, die stark werbefinanziert sind. Das Resultat sind dann noch mehr Gut-Glück-Übernahmen, bei denen Meldungen mangels Zeit, Geld (beispielsweise nur noch eine Nachrichtenagentur) und Personal nicht mehr geprüft werden. Beispiele gibt es genügend.

Interessant im Zusammenhang mit der fahrlässigen Berichterstattung rund um den Amoklauf in Newton ist der Kommentar von Jochen Kalka, Autor des Buches „Winnenden: Ein Amoklauf und seine Folgen“ und Chefredakteur der Zeitschrift Werben und Verkaufen. Er hat die deutsche Medienlandschaft dazu durchkämmt Zum Kommentar

Hier ein aktuelles Beispiel zu einer Falschmeldung, die sich in Windeseile verbreitet hat – aus Versehen und über Social Media Zur Meldung

Ebenfalls interessant: Das Medienmagazin Zapp (NDR) über journalistische Sensationslust und Falschmeldungen Zum Beitrag

Dieser Beitrag wurde unter Verein abgelegt am von .

Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.