Journalisten sollten Kommentarspalten lesen

von Konrad Weber

In den meisten Medienhäusern gelten Online-Kommentare noch immer als lästige Begleiterscheinung und notwendiges Übel. Sinnvoll organisiert und mit dem erforderlichen Fachwissen betreut, könnten Kommentare das journalistische Produkt bereichern. Mit einer solchen Aufwertung liessen sich auch Manipulationsversuche frühzeitig entlarven. Ein Skandal, wie jener mit den gekauften Onlinekommentaren gegen die Abzockerinitiative, würde schnell auffliegen. Wie man es anders machen kann, zeigt die Redaktion von «Zeit online».

«Das ist dicke Post», ärgert sich Claudio Kuster, Mitinitiant und Kampagnenleiter der Abzockerinitiative, als der Tages-Anzeiger kürzlich einen Onlinekommentar-Skandal aufdeckt. Während Wochen haben Studenten im Auftrag der Zürcher Agentur Werbeanstalt, auf Online-Portalen Kommentare gegen die Abzockerinitiative verfasst. Der nun aufgedeckte Fall wirft grundsätzliche Fragen auf, was den redaktionellen Umgang mit Online-Kommentaren angeht.
Obwohl erschreckend, ist das vorliegende Beispiel nur die Spitze des Eisbergs. Längst verkamen die Kommentarspalten auf Newsplattformen zu unkontrollierbaren digitalen Räumen, geprägt von Diskriminierung, Hetze und Verunglimpfungen. Ursprünglich als Rückkanal und Diskussionsplattform für die Leserschaft gedacht, empfinden Journalisten wie auch Leser die Kommentarspalten heute zunehmend als lästiges Übel. Hinter vorgehaltener Hand wünscht sich manch ein Journalist die Zeiten vor der massenweisen Kommentarflut zurück.

Verstopfte Kanäle
Nur: Indem man das Rad der Geschichte zurückdreht, lassen sich keine Probleme lösen. Gerade Beispiele wie das vorliegende zeigen, mit welchen Herausforderungen Journalisten sich besser heute als erst morgen auseinandersetzen sollten. Noch immer nehmen viele Schweizer Redaktionen die Moderation von Onlinekommentaren zu wenig ernst. Der Rückkanal zu den Journalisten ist nur ein vermeintlich offenes Fenster für die Nutzer. Zu oft arten Diskussionen in den Kommentarspalten aus, die digitalen Kanäle der gesitteten Diskussionskultur «verstopfen» und bringen manche Redaktion an den Rand des organisatorisch Möglichen. Zu oft wird deshalb auf jegliche Interaktion verzichtet. Journalisten betrachten ihre Arbeit als beendet, wenn sie den Artikel veröffentlicht haben. Auf eine Diskussion mit dem Publikum lassen sie sich gar nicht erst ein und vermitteln so den Eindruck, dass sie Kritik, Anregungen oder Zusatzinformationen gar nicht interessieren.
Um die Redaktoren von der Betreuung der Kommentare zu entlasten, haben viele Medienhäuser in den letzten Jahren so genannte «Freischalter» angestellt. Das sind häufig Studierende, die sich mit kleinen Pensen den Einstieg in den Journalismus ermöglichen wollen. Leider bleiben so eine einheitliche Auslegung der Spielregeln und ein direkter Draht zu den Journalisten meist auf der Strecke. Einen Schutz gegen schmutzige PR-Kampagnen, wie jene mit den bezahlten Onlinekommentaren gegen die Abzockerinitiative bieten diese Teilzeitmoderatoren kaum.

Kein Patentrezept
Wie so oft im digitalen Journalismus gibt es das Patentrezept nicht. Allerdings zeigt sich eine erfreuliche Tendenz: Wer sich ernsthaft mit der Moderation von Kommentaren auseinandersetzt, erreicht auf Dauer ein höheres Diskussionsniveau auf der eigenen Plattform.
Dieser Strategie hat sich auch «Zeit online» verschrieben. Dort sichtet ein Team von Onlinemoderatoren bis zu 15’000 Kommentare pro Woche, allerdings erst nach der Publikation. Das Online-Moderationsteam ersetzt entfernte oder gekürzte Kommentare durch Moderationsanmerkungen, in denen sie die User bitten, sich an die Diskussionsregeln zu halten. Ausserdem beteiligen sich die Redakteure und Autoren regelmässig an den Diskussionen. Sie beantworten Fragen und gehen auf Gegenargumente ein. Sebastian Horn, zuständig für das Community-Management bei «Zeit online», weiss aus seiner täglichen Erfahrung: «Gut argumentierte Beiträge bekommen mehr Antworten als andere Kommentare.» Für das Team bedeutet das Arbeit und Aufwand. Dass dereinst Maschinen die Arbeit der Online-Moderatoren übernehmen, bezweifelt Horn jedoch. «Zurzeit gibt es keine Algorithmen, die unsere Arbeit vollständig übernehmen. Allerdings gibt es einige technische Hilfsmittel, die unsere Handarbeit erheblich erleichtern.»
Technische Hilfsmittel werden in der Schweiz etwa bei «20 Minuten online» angewandt. Fast 1,4 Millionen Kommentare haben die Nutzer im vergangenen Jahr auf der Newsplattform veröffentlicht. Dies bedeutet in erster Linie viel Arbeit: 18 Teilzeit-Mitarbeiter hat 20 Minuten Online angestellt, meist arbeiten zwei bis drei Personen gleichzeitig. Laut eigenen Angaben kostet dieser Aufwand jeden Monat einen fünfstelligen Betrag. Im Gegensatz zu «Zeit online» werden die Kommentare bei «20 Minuten online» erst nach dem Verfassen von den «Freischaltern» publiziert. Diese werden durch Algorithmen unterstützt. Dabei sortiert ein Computer in einem ersten Sichtungsdurchlauf sämtliche Kommentare aus, die nur aus einem Wort bestehen, mehr als 30 Ausrufezeichen beinhalten oder in Dialekt oder einer anderen Sprache verfasst wurden. Erst nach dem zweiten, manuellen Sichtungsdurchlauf wird der Kommentar schliesslich publiziert.

Registrierung als Lösung?
Doch nicht nur Algorithmen und viel Manpower in der Bewirtschaftung der Kommentare ermöglichen eine hochstehende Diskussionskultur auf Newsplattformen. Vielmehr muss sich der Nutzer von den Medienmachern ernst genommen fühlen. Das Basler Online- und Wochenmedium «Tageswoche» setzt auf technisch basierte Transparenz: Um mitdiskutieren zu können, müssen sich sämtliche Nutzer vor ihrem ersten Kommentar registrieren. Somit kann jeder Kommentar auch künftig der entsprechenden Person über ein öffentliches Profil zugeordnet werden. Latente Hetzer und Nörgler fliegen schneller auf und werden früher oder später von der Community zur Rede gestellt. Neben technologischen Hilfsmitteln setzt die «Tageswoche» aber auch bewusst auf die Integration der User in den journalistischen Prozess. Interessante Kommentare werden von den Journalisten ausgewählt und gesondert dargestellt. Ausserdem wird aktiv in die Diskussion eingegriffen und wo nötig nehmen die Autoren selbst zu veröffentlichten Argumenten Stellung.
Zu Zeiten des digitalen Journalismus sollte auf einer Redaktion ebenso hart wie über die redaktionellen Inhalte auch über die Interaktion mit den Nutzern debattiert werden. «Community Management» gehört ebenfalls zur Arbeit eines Journalisten. Wer sich dem verschliesst, läuft Gefahr, künftig vermehrt in Fallen zu tappen und die Kontrolle über den Kommentarbereich zu verlieren.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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