„Medienkritik muss sich nicht rechnen“

von Daniel Sager

In einer Anfang 2012 von Studierenden der ZHAW durchgeführten Inhaltsanalyse der auflagenstärksten Zeitungen tat sich die NZZ als dasjenige Medium mit den meisten veröffentlichten medienkritischen Artikeln hervor. Im Gespräch erläutert NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann die Bedingungen für die praktizierte Medienkritik im Rahmen des Strukturwandels in der Medienwelt.

Herr Spillmann, wieso räumt die NZZ im Vergleich zu anderen Medien der Medienkritik einen grösseren Platz ein?
Markus Spillmann: Es ist natürlich wichtig für die Gesellschaft, das man schaut, was die Medien leisten und was allenfalls nicht. Die NZZ macht dies seit einigen Jahrzehnten und wir wollen auch weiterhin daran festhalten.

Beim Betrachten der medienkritischen Artikel der NZZ ist mir aufgefallen, dass Medien, die zur NZZ-Gruppe gehören, kaum kritisiert werden.
Wenn man unsere medienkritischen Beiträge genau liest, dann stellt man wahrscheinlich ohne Problem fest, dass Aussagen darin sind, die sich auch auf das eigene Haus beziehen. Es ist nicht so, dass wir andere Medienhäuser an den Pranger stellen wollen sondern dass wir eher versuchen, exemplarisch auf Entwicklungen hinzuweisen, die nach unserem publizistischen und demokratiepolitischen Verständnis zumindest zu diskutieren sind. Ausserdem haben unsere Medienredaktoren, Rainer Stadler und Francesco Benini mehr Freiräume als die anderen Redaktoren, um zu gewährleisten, dass sie auch nicht gehemmt sind, das eigene Medienhaus kritisch zu bewerten.

Wie ist die Medienkrtik ausser diesen zwei Personen in der Redaktion institutionalisiert?
Die Fachkompetenz liegt primär bei diesen zwei Personen, die jedoch auch anderen Ressorts angehängt sind – Rainer Stadler dem Inland-Ressort der NZZ und Francesco Benini dem Ressort Hintergrund in der NZZ am Sonntag. Medienkritik wird aber auch in anderen Ressorts betrieben. Zum Beispiel haben wir in der Wirtschaft einen Fachmann für Medienentwicklung. Last but not least betreibe auch ich Medienkritik, da ich in meiner Funktion stark mit Prozessen der Veränderung und verschiedenen Aspekten der Medienwelt konfrontiert bin.

Also fällt auch bei der NZZ die Häufigkeit von Medienkritik eher zufällig aus?
Bei uns ist es so, dass wir jede Woche mindestens eine Seite zu Medien machen und ansonsten immer dann, wenn es die Aktualität erfordert. Das ist ein bewusster Entscheid von uns. Auch über die lange Sicht gesehen, hat bei uns das Ausmass der publizierten Medienkritik sicher nicht abgenommen.

Wie reagiert die Leserschaft auf die Medienkritikt? Gibt es da Rückmeldungen?
Es ist immer schwierig die Reaktion auf einzelne Rubriken herunterzubrechen. Grundsätzlich kann man schon sagen, dass die Leserschaft erwartet, dass eine NZZ diese Kritikfunktion leistet. Auf der anderen Seite nimmt es natürlich die Fachwelt sehr wohl zur Kenntnis. Der beste Beweis dafür ist, dass Leute, die sich zu Medien äussern wollen, bei uns anklopfen. Wir haben dementsprechend auch überdurchschnittlich viele Fremdbeiträge.

Wie ist es denn online? Rechnet sich die Medienkritik in Form einer Anzahl Klicks, durch die auch ein Gewinn auf dem Werbemarkt generiert werden kann?
Das ist nicht relevant (lacht). Es gibt Themen die reichweitenstark und damit umsatzrelevant sind und es gibt Themen die man nie direkt monetarisieren kann, wie zum Beispiel im Feuilleton. Das wäre auch absurd und nicht unsere Philosophie und Strategie. Wir verkaufen den Brand NZZ und die Qualität, die damit verbunden ist. Und dazu gehört, dass es innerhalb des Gesamtangebots gezielt auch Themen haben muss, die einzeln nicht verkäuflich sind aber das Gesamtkonzept monetarisierbar machen. Wir gehen jetzt nicht soweit, jeden einzelnen Artikel auszuwerten. das ist momentan für uns nicht wichtig genug. Aber wir wissen genau wie die einzelnen Ressorts performen…

Und wie gut performt die Medienkritik?
Das kann ich ihnen so aus dem hohlen Bauch heraus nicht sagen. Da müsste ich die Statistik herausholen. Aber nochmals: Man muss als Qualitätsorgan den Mut haben, Nischen zu pflegen, die eine geringere Relevanz für den Werbemarkt haben, dafür eine höhere für einen spezifischen Nutzermarkt.

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