Der Idealist

von Adriana Zilic

Als Medienjournalist und -kritiker macht man sich keine Freunde. Das weiss auch Hanspeter Bürgin. Der altgediente Journalist bohrt immer wieder dort, wo es wehtut. Und ist auch bereit, dafür Freundschaften aufs Spiel zu setzen. Annäherung an einen Einzelkämpfer.

Das Branchenportal persoenlich.com nennt ihn ein „journalistisches Urgestein“. In der Tat: Hanspeter Bürgin kennt die Branche wie nur wenige Journalisten. Seit mehr als 40 Jahren ist er im Geschäft. Alles begann, als er 19 war. Damals macht er ein Volontariat beim Zürcher „AZ-Ring“, zwei Jahre später wird er Journalist beim Deutschen Depeschendienst DDP. Als Nachrichtenredaktor arbeitete er danach bei der „TAT“, einer seinerzeit neuen Boulevardzeitung unter der Leitung von Roger Schawinski. Im Laufe der Jahre bastelt der Schaffhauser fleissig an seiner weiteren Karriere. So folgen Anstellungen beim Tages-Anzeiger, der Aargauer Zeitung und der SonntagsZeitung, um nur einige zu nennen. Vor zwei Jahren entschied sich der bald 61-Jährige nun, fortan als freier Journalist tätig zu sein. Massive Rückenprobleme hätten ihn dazu bewogen, sagt er. Er beschäftigt sich seither vorwiegend mit dem Schweizer Journalismus und übt zuweilen auch heftige Kritik, was nicht alle Journalisten-Kollegen gleichermassen vertragen. Für die Zeitung „Der Sonntag“ thematisiert er immer wieder die Medienbranche. Daneben beliefert er neben anderen den „Schweizer Journalist“ und die „Handelszeitung“.

Der Überzeugungstäter
Medienjournalisten gibt es in der Schweiz nur noch wenige. Simon Bärtschi, sein früherer Arbeitskollege und heutiger stv. Chefredakteur der SoZ, antwortete einst auf die Frage, weshalb seine Wochenzeitung kein Medienressort führe: „Gute Mediengeschichten brauchen kein eigenes Ressort”. Bürgin meint dazu: „Das stimmt nur bedingt.“ Dieses Argument werde oftmals als Vorwand gebraucht, just die Tamedia sei in der Medienbranche weit verflochten. Kritik an die eigene Branche sei halt ein heisses Eisen. „Dabei braucht es insbesondere die Medienkritik, weil sich die Medien nicht mehr selbst auf die Finger schauen“, wirft Bürgin ein. Auf die Frage, warum dem so ist, nennt er mehrere Antworten, und jede scheint plausibel zu sein. „Den Redaktionen fehlt es schlichtweg an Geld“, lautet die erste. Man publiziere lieber Artikel, die eine grosse Reichweite erzielten und damit Klicks generierten oder Anzeigen einbrächten. Qualitätsziele zu verfolgen sei sekundär. Zweitens wäre da die gefürchtete Kollegenschelte.

Der Einzelgänger
„Die grossen Verlagshäuser wie Tamedia und AZ-Medien weiten ihren Einfluss zusehends aus. Journalisten wollen es sich mit ihren Kollegen nicht verscherzen. Auch im Hinblick auf mögliche Jobangebote.“ Nicht einfacher wird es, weil viele Journalistinnen und Journalisten miteinander befreundet sind. „Schliesslich will man die Freunde nicht an den Pranger stellen“. Schnell wird klar, Bürgin ist ein Idealist. Das macht ihn manchmal zum Einzelgänger. Patrik Müller, Chefredakteur des „Sonntag“, sagt denn auch über ihn: „Hanspeter Bürgin gehört zu den wenigen Journalisten, die ein striktes Verständnis von Journalismus haben und es auch vertreten.“ Interessenverfilzungen unter den Verlagshäuser seien ihm ein Graus. Mit einer extremen Hartnäckigkeit setze er sich für die Unbestechlichkeit des Journalismus ein. Und noch etwas sagt Patrik Müller über Bürgin: „Unangenehm wird es mit ihm, wenn er bei mir für mehr Zeilen für seine Artikel weibelt.“ Manchmal gebe es halt nicht mehr als 80 Zeilen, Basta. „Manchmal kann er sich aber durchsetzen. Das ist nun mal so, kritische Journalisten sind nie einfach“.

Der Konsequente
Ob er seinen Idealismus je bereut habe? Er denkt lange nach und kommt zum Schluss: „Nein. Aber ich handle heute überlegter.“ Anfangs der 1990er habe es einen Fall gegeben, an den er sich heute noch bestens erinnert. Als Wirtschaftsjournalist bei der „SonntagsZeitung“ deckte er auf, dass sich die Chefredakteure der Zeitungen „Finanz + Wirtschaft“ und „Bilanz“, Peter Bohnenblust und Andreas Z’Graggen, von einem Immobilienhändler hatten Aktienpakete schenken lassen oder sie zumindest günstiger kaufen konnten. Die Branche reagierte geschockt. Während der mittlerweile als freie Journalist tätige Bohnenblust Chefredaktor bleiben durfte, musste Z’Graggen den Sessel räumen. „Ich kenne Z’Graggen, und mir war bewusst, dass ich mit dieser Geschichte seine Existenz gefährden würde.“ Sein Freund Roger Schawinski habe ihn damals von der Veröffentlichung abgeraten. Er sei aber drangeblieben – des unabhängigen Journalismus willen. „Der Fall hat hohe Wellen geschlagen. Manche waren entrüstet darüber, dass ich einen Kollegen öffentlich an den Pranger stellte“. Bürgin bereut seine Tat zwar nicht. Er sagt aber, würde er heute vor derselben Entscheidung stehen, er würde sie nochmals überdenken. „Letztlich frage ich mich schon, was es damals gebracht hat“. Wie die Finanzkrise und die Skandale der Banken gezeigt hätten, sei die Welt dadurch nicht besser geworden.

Alle kriegen ihr Fett weg…
Bürgin räumt halt gerne auf, wenn irgendwo in der Medienbranche Unordnung herrscht. In seinen Artikeln kriegen Zeitungen und Verlage, aber auch Journalisten ihr Fett weg. „Mit dieser Haltung stösst man manchmal eben an“, räumt er ein. Im September des vergangenen Jahres folgte dann die Geschichte, wonach einige Schweizer „Top-Journalisten“ an einem PR-Anlass der Reisebranche Couverts mit 500 Franken in bar entgegengenommen hatten. Damit landete Bürgin einen weiteren Coup. Der Bericht im „Sonntag“ sorgte innerhalb der Branche für Furore. „So etwas geht doch einfach nicht“, sagt Bürgin noch heute fassungslos.
Man könnte als Aussenstehende nun meinen, Medienkritik sei eine schmerzhafte Angelegenheit. Bürgin meint dazu: „Als Medienkritiker macht man sich keine Freunde, man ist eher alleine. Er selbst hat diese Erfahrung schon oft gemacht. „Viele sogenannter Freunde kehrten mir den Rücken zu, nachdem ich über sie geschrieben habe“, erinnert er sich. Als Beispiel nennt er den ehemaligen Verleger und Verwaltungsratspräsidenten der „Basler Zeitung Medien“ und FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger. Bürgin schrieb über Christoph Blochers und Leuteneggers Machenschaften bei der „Basler Zeitung“. Seither geht Leutenegger seinem ehemaligen Kollegen Bürgin aus dem Weg. Wenn er mit Journalisten oder Unternehmenssprechern telefoniert, wird er gebeten, es niemandem weiterzuerzählen. Sie fürchten um ihren Ruf.

…aber SRF verschont er
Kaum ein Journalist, dem Hanspeter Bürgin nicht ein Begriff ist. Man mag oder meidet ihn. „Gewiss, das kann zum Verhängnis werden“, ist er sich bewusst. Vor allem hinsichtlich der Medienkritik. Darum halte er einen gesunden Abstand zur jüngeren Journalisten-Generation. Die sei nötig, sagt er. Doch mit Radio1-Chefredaktor Roger Schawinski und SRF-Direktor Roger de Weck ist er per Du. „Das sind gute Freunde von mir“, sagt er – und der Grund, weshalb er zum Beispiel nie über das SRF schreibt. „Da bin ich konsequent“. Es scheint, selbst ein Hanspeter Bürgin hat aus früheren Geschichten gelernt. Manchmal ist man eben doch auf Freunde angewiesen.
Hanspeter oder „Hampi“, wie ihn seine Freunde und inzwischen auch die Branche nennen, verbringt gerne Zeit im Restaurant Vitruv, gleich beim Zürcher Rigiplatz. „Hier lese ich die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine. Manchmal auch den Blick“. Bei Letzterer gehe das Lesen etwas schneller, fügt er mit einem Schmunzeln hinzu. Das Personal kennt ihn. Es grüsst ihn, fragt nach seinem Wohlbefinden. Er wohnt in der Nähe seines Lieblingslokals. Hier im Kreis sechs ist Bürgin gut vernetzt. Gerade ist Daniel Ammann, sein ehemaliger Journalisten-Kollege, vorbeigelaufen. Er winkt ihm zu, doch Ammann scheint ihn nicht gesehen zu haben.

4 Gedanken zu „Der Idealist

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    1. Adriana Zilic

      Lieber Herr Müller

      Vielen Dank für diese interessante Bemerkung oder wohl eher Behauptung… Denn ich schreibe nicht mehr für den „Sonntag“. Ich war allerdings bei Patrick Müller im Praktikum.
      Ich bin gespannt auf die Auflösung

      Freundliche Grüsse

      Adriana Zilic

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  2. stivretta

    Na ja, Bürgin ist hervorragend im Austeilen, aber leider eine Null beim Einstecken! Ob dies ein Idealist ist????

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