„Ein regionales Meinungsdiktat“

von Valeria Wieser

Die Neue Luzerner Zeitung behauptet sich seit Jahren beinahe konkurrenzlos in der Innerschweizer Zeitungslandschaft. Kritiker unterschiedlicher Herkunft sind der Ansicht, dass die Macht, welche die Neue LZ durch ihre quasi-monopolistische Situation geniesst, nur ungenügend reflektiert wird. – Ein Vorwurf, den die Zeitung nicht auf sich sitzen lassen will.

Die Neue Luzerner Zeitung (Neue LZ) ist die Nummer sechs im Schweizer Tageszeitungs-Markt. Mit ihren fünf Regionalausgaben hat die Neue LZ in der Zentralschweiz quasi eine Monopolstellung im Printbereich. Dennoch erhält Medienkritik – und darunter wäre auch Selbstkritik zu verstehen – in der Neuen LZ nur beschränkt Aufmerksamkeit und wird eher oberflächlich abgehandelt. Darüber hinaus wird die Zeitung in medienkritischen Debatten kaum erwähnt. „In der Luzerner Zeitung findet kein Ansatz zur öffentlichen Kritik ihrer Arbeit statt“, sagt Hans Stutz, ehemaliger Chefreaktor des Medienmagazins Klartext und grüner Luzerner Kantonsrat. Nach der Fusion mit der Luzerner Neuste Nachrichten kamen gelegentlich noch kritische Stimmen zum Zug. Diese sind heute jedoch inexistent.“

Den Kollegen tritt man nur ungern auf die Füsse
Dieser Aussage widerspricht Arno Renggli, Leiter Kultur und Gesellschaft bei der Neuen LZ. „Es kann nicht die Rede davon sein, dass bei uns die Medien weniger thematisiert werden. Im Gegenteil. Wir haben noch nie so viel über diesen Themenbereich gebracht wie heute. Medien sind sogar eines der fünf Megathemen, die unsere Redaktion festgelegt hat, denn uns ist bewusst, dass die Vielfalt und der Einfluss der Medien immer grösser werden. Heute befassen sich mindestens fünf Redaktoren aus den Ressorts Kultur, Wirtschaft und Politik regelmässig mit Medien, inklusive Medienpolitik und Neuen Medien.“

Stefan Ragaz, ehemaliger stellvertretender Chefredaktor der Neuen LZ bestätigt hingegen, dass sich die Ressourcen der Regionalzeitung auf andere Teilbereiche als Medienkritik spezialisieren „Einerseits interessieren sich Zeitungsleser wenig für Medienkritik – obwohl das Thema Medien allgegenwärtig ist. Medienkritik läuft eher auf Blogs ab. Anderseits ist es tatsächlich so, dass man den Berufskollegen ungern auf die Füsse tritt und besonders bei kleineren und geografisch nahen Medien eher schweigt als kritisiert.“ Für Ragaz ist Kritik, ob an Medien oder in anderen gesellschaftlichen Bereichen immer auch ein Abwägen. Einerseits sei man selber Teil innerhalb eines Lebensraums, und gleichzeitig versuche man diesen von aussen wahrzunehmen. „Klar gibt es da Konfliktflächen. Daher gibt es nur eine Lösung: Saubere Arbeit zu leisten, sowohl inhaltlich als auch formal.“

Was den Umgang mit Kritik gegen die Neue LZ selber betreffe, leiste die Zeitung laut Ragaz gute Arbeit. „Der Umgang im Kontakt mit dem Leser ist klar geregelt. Fehler im Blatt werden ziemlich konsequent und auch prominent dargestellt. Dasselbe gilt für Leserbriefe. In dieser Rubrik werden auch regelmässig Informationen zum Ombudsmann abgedruckt, was den Dialog zwischen Leser und Zeitung erleichtern soll.“

Neues Projekt soll Meinungsvielfalt erhalten
Kantonsrat und Medienkritiker Hans Stutz bemängelt, dass die Neue LZ sich selber gegenüber nicht kritisch genug sei. Den Hauptgrund sieht er im redaktionellen Aufbau der Neuen LZ und der klar rechtsbürgerlichen Positionierung der Chefredaktion. „Man müsste im Prinzip die ganze Spitze der Neuen LZ erneuern, um ein grösseres Meinungsspektrum zu gewährleisten.“

Kritik am politischen Kurs der Innerschweizer Monopolzeitung äussert sich auch im neuen Projekt der MMV online AG. Ab Mitte Januar soll ein neues Onlinejournal die Positionen der Neuen LZ ergänzen und punktuell eine Alternative bieten. MMV-Geschäftsleiter und Journalist Christian Hug erklärt: „Seit geraumer Zeit fällt auf, dass die Neue LZ zunehmend in ein rechtspopulistisches Fahrwasser abdriftet. Damit schafft die Zeitung ein Gefühl der Unsicherheit, während gesellschaftspolitisch komplexere Themen wie Verkehrsentwicklung, eine nachhaltige Finanzpolitik oder gesellschaftliche Entwicklungen auf Themen wie Gewalt, Sicherheit oder Polizei reduziert werden.“

Christian Hug findet, dass die Neue LZ ihrem früheren Anspruch, eine Forumszeitung zu sein, nicht mehr gerecht wird: „Themen, die nicht ins Schema der Redaktion passen, werden nicht mehr berücksichtig, Leserbriefe nur noch von Abonnenten abgedruckt. Damit werden ganze Meinungsspektren ausgeschlossen, was schon fast einem regionalen Meinungsdiktat gleichkommt – zumindest in der öffentlichen Wirkung.“

Das Projekt der MMV online AG ist bei Weitem nicht der erste Versuch, die Medienvielfalt in der Innerschweiz zu stärken. Die Zahl der gescheiterten Versuche zeigt jedoch, dass es für das neue Projekt der MMV online AG kein Leichtes sein dürfte, sich neben der starken Neuen LZ zu behaupten.

Ein Gedanke zu „„Ein regionales Meinungsdiktat“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.