„Kannst du das bitte nicht schreiben?“

von Martin Meul

Die Informanten des Medienjournalisten sind nicht selten seine Kollegen und gute Freunde. Das birgt ein hohes moralisches Konfliktpotential und verhindert so nicht selten eine fundierte Berichterstattung über Medien. Deutlich wurde dieses Dilemma auch im Fall des Walliser Boten, der seine Redaktoren als PR-Schreiber anbietet.

Das Inserat sorgte für Aufsehen in Journalistenkreisen: Der Walliser Bote (WB) veröffentlichte im Sommer 2012 eine ganzseitige Anzeige, auf der die Zeitungsredaktoren als hilfsbereite und professionelle PR-Leute angepriesen wurden. Der Oberwalliser Journalist Kurt Marti, Redaktor beim Online-Portal infosperber.ch, griff die Geschichte auf und machte in einem Artikel seinem Ärger über diese unlautere Vermischung von Journalismus und PR Luft. Unterstützung erhielt er dabei von Peter Studer, dem ehemaligen Präsidenten des Schweizer Presserats.

Studer bezeichnete das Verhalten der Mengis AG als „skandalös“. Um seinen Pflichten als Journalist nachzukommen, schickte Journalist Marti einen Fragekatalog an den Chefredaktor des Walliser Boten, Thomas Rieder. Rieders Antwort fiel knapp aus: „Ich sehe keinen Anlass, Ihnen gegenüber in dieser Sache Stellung zu beziehen.“ Zu erwähnen ist dabei, dass Kurt Marti im Wallis kein unbeschriebenes Blatt ist. Mehrere Jahre leitete er mit spitzer Feder die linke Monatszeitung „Rote Anneliese“.

Fragen nur summarisch beantwortet
Nicht viel besser sollte es Benedict Neff von persoenlich.com ergehen. Der Medienjournalist griff die Geschichte um das Inserat von Infosperber.ch auf und schickte ebenfalls einen Fragekatalog, dieses Mal jedoch an den Geschäftsführer der Mengis Medien Kurt Hasen. Auch Neff erhielt nicht auf alle seine Fragen eine Antwort. Hasen beantwortete die Fragen nur summarisch: „Unsere Journalisten vom Walliser Boten sind jederzeit unabhängig und haben keine Aufträge von Werbekunden oder Unternehmen der Wirtschaft, Verbänden oder anderweitigen Institutionen. Wir haben zum Teil Autoren, die als Kolumnisten im Auftragsverhältnis für den WB tätig sind und nebenbei auch z.B. Bücher schreiben und frei sind in ihrer weiteren beruflichen Gestaltung.“ So weit so harmlos.

Der entscheidende Punkt blieb damit weiterhin offen. Wer und wo sind nun die ominösen „PR-Journalisten“? Diese Frage ist nicht unbedeutend, geht es doch darum einschätzen zu können, welche Journalisten der Mengis AG noch als unabhängig einzuschätzen sind. „Ich habe mich ganz bewusst auf das Inserat konzentriert“, sagt dazu Kurt Marti. „Alles andere wäre zu weit gegangen.“ Und auch persoenlich.com ging auf die Identität der PR-Journalisten nicht ein. „Ich habe die Geschichte aufgegriffen und dann mit den Aussagen von Kurt Hasen den Artikel verfasst“, sagt persoenlich.com-Redaktor Benedict Neff.

„Dazu kann ich nichts sagen“
Die Recherche zu den genauen Verhältnissen innerhalb der Mengis AG gestaltete sich denn auch für den Verfasser dieses Textes einigermassen schwierig. Denn schon bald stösst man auf das Dilemma der inoffiziellen Information. Obwohl bekannt, darf nichts geschrieben werden. „Dazu kann ich nichts sagen“, heisst es, „aber es ist schon so, dass…“. Sowohl der Umstand, dass die Verantwortlichen keine oder nur spärliche Informationen herausgeben und die Direktbetroffenen nichts sagen können oder dürfen, zeigt sich hier ein klassisches Dilemma des praktischen Medienjournalismus.

Mit dem Problem des Informantenschutzes und nicht auskunftsfreudigen Verantwortlichen kämpfen zwar viele Journalisten, auch aus anderen Ressorts. Für den Medienjournalisten kommen aber noch weitere erschwerende Aspekte hinzu: Die Informanten des Medienjournalisten sind seine Kollegen, wenn auch nicht aus der eigenen Redaktion, so doch Berufskollegen aus anderen Verlagen. Mit seinen Recherchen und Veröffentlichungen riskiert der Medienjournalist darum, dass er seine Kollegen in Gefahr bringt, da diese als Nestbeschmutzer gebrandmarkt und im schlimmsten Fall gar entlassen werden könnten.

Medienjournalismus als Gratwanderung
Da Medien sich selbst nicht gerne als Objekte der Berichterstattung sehen und deshalb mit Informationen über sich selbst sehr zurückhaltend umgehen, sind Medienjournalisten ganz besonders auf Informanten angewiesen. Nur so können sie fundiert über das Geschehen hinter den Mauern der Verlage berichten. Umso stärker müssen sich Medienjournalisten um ihre Informanten bemühen. Das ist oft eine Gratwanderung. Denn wie soll der Medienjournalist reagieren, wenn er von einem Berufskollegen spannende Einblicke erhält, aber schliesslich gebeten wird: „Kannst du das bitte nicht schreiben?“

Das Dilemma lässt sich nicht einfach so lösen. Es wäre jedoch zu wünschen, dass sich die Verlage etwas mehr an ihre eigenen Massstäbe halten würden. Wer davon lebt, Informationen über andere zu verbreiten, der sollte auch Informationen über sich selbst zulassen können. Guter Medienjournalismus darf einen nicht zum Verräter an Kollegen und Freunden machen. Der Walliser Bote müsste also, wenn er schon seine Journalisten als PR-Schreiber anbietet, offenlegen, wer diese sind. Nur mit solcher Transparenz kann die Glaubwürdigkeit der Zeitung und des Verlags aufrechterhalten werden.

6 Gedanken zu „„Kannst du das bitte nicht schreiben?“

  1. Matthias Giger Beitragsautor

    Nicht einverstanden. Was hat man denn davon, wenn man die Namen der „PR-Schreiber“ kennt? So wie ich die Sache verstehe – ohne gross zu recherchieren–, war das Ganze wohl eher eine Idee des Verlages oder der Chefredaktion. Jedenfalls tönt das so, wenn Sie schreiben „… im Fall des Walliser Boten, der seine Redaktoren als PR-Schreiber anbietet“.

    Gut, sie hätten sich wehren können, die Redaktorinnen und Redaktoren. Aber in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind auch sie eher bereit zu einem Spagat zwischen PR und unabhängiger Berichterstattung. Vielleicht gar aus Angst, ihren Job bzw. ihre Aufträge zu verlieren. Dass das nicht gut ist, ist klar. Nur sollte man das Übel an der Wurzel packen. Sowas löst man nicht, indem man auf jene zeigt, die das letzte Glied in der Kette sind.

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    1. Martin Meul

      Sehr geehrter Herr Giger

      Wie Sie richtig bemerkt haben, handelt es sich beim Ganzen um einen Einfall des Verlags. Die Frage danach, wer die „PR-Journalisten“ sind, finde ich dennoch wichtig. Schliesslich leben Medien von Ihrer Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit. Diese ist, meiner Meinung nach, nicht nur ein metaphysisches Produkt, sondern äussert sich direkt in der Glaubwürdigkeit der einzelnen Journalisten. Darum finde ich es schon von Bedeutung, dass die Leser wissen, welche Interessensbindungen die „Journalisten ihres Vertrauens“ haben.

      Generell ging es mir mit dem Artikel aber nicht um das Problem der Vertrauenswürdigkeit von Journalisten, sondern darum aufzuzeigen, welche Probleme beim Recherchieren auf einen Medienjournalisten warten. Einerseits, weil Medien genauso ungern Informationen über ihre internen Verhältnisse preisgeben wie andere Unternehmen, andererseits weil man eben seine Kollegen nicht in die Pfanne hauen will. Genau das wollte ich zeigen und nicht auf das letzte Glied der Kette einprügeln. Der Fall WB diente nur als Beispiel.

      Ich stimme Ihnen zu, dass man das Problem an der Wurzel packen sollte. Aber dass man einen Spagat machen muss, lehne ich ab. Integrität darf nicht aus wirtschaftlichen Gründen geopfert werden. Und wenn es doch geschieht, dann muss man es transparent machen, was in diesem Fall eben nicht geschehen ist.

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      1. Matthias Giger Beitragsautor

        Lieber Herr Meul

        Die Hauptaussage Ihres Textes habe schon verstanden.

        Ich habe nicht behauptet, dass man einen Spagat machen muss. Auch ich lehne dies ab und setze mich in meiner journalistischen Praxis für eine strikte Trennung zwischen redaktionellem Teil und PR ein. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass dies mehr und mehr leider eine Tatsache ist und was dahinter stecken könnte.

        Und ich bleibe dabei, anstatt die Journalistinnen und Journalisten anzuschwärzen, ist es besser, den Medientitel anzuschwärzen. Das reicht vollkommen. Ein Schuss vor den Bug ist manchmal besser als die Besatzung aufzuhängen.

        Wenn Sie Ihre Ausbildung abgeschlossen und einige Jahre Berufserfahrung im Journalismus gesammelt haben, werden Sie das vielleicht auch anders beurteilen.

        Freundliche Grüsse
        Matthias Giger

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        1. corinne riedener

          lieber herr giger

          unabängig von der diskussion, wer jetzt wie und wann angeschwärzt werden soll, finde ich ihren letzten satz nicht gerade zielführend in dieser debatte.

          beste grüsse
          corinne riedener

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        2. Martin Meul

          Sehr geehrter Herr Giger

          Ich nehme mir zu Beginn heraus, Sie darauf hinzuweisen, dass ich, nach drei Jahren Vollzeittätigkeit als Redaktor und mehreren Jahren freiberuflicher Mitarbeit während des Studiums, mir meine journalistischen Sporen zumindest teilweise abverdient habe.

          Darum kenne ich das Problem sehr wohl und weiss, dass es nicht einfach ist, immer und in vollem Masse unabhängig zu sein.

          Mich überrascht es aber von jemandem mit mehr Berufserfahrung zu hören, dass man Kompromisse eingehen muss um seinen Job zu behalten. Ich dachte, das sei eher die Ausrede von Neulingen wir mir.

          Sie haben aber sicher recht, wenn Sie sagen, dass man beim Problem der Unabhängigkeit oben ansetzten muss, der Fisch fängt immer am Kopf an ….. usw. Die Frage ist nur, wer die Zustände im Unternehmen ändern soll? Und da sehe ich schon die Mitarbeiter in der Pflicht. Die Praxis der Vermischung kann nur intern unterbunden werden, von aussen sehen da nur geringes Potential.

          Darum sollte ein Weckruf von Zeit zu Zeit doch nicht schaden, oder?

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          1. Matthias Giger Beitragsautor

            Liebe Frau Riedener
            Sehen Sie, ich finde es schon einen wichtigen Hinweis, dass Theorie und Praxis einen unterschiedlichen Blickwinkel aufs sofortige Anschwärzen von Journis haben, die sich dazu verleiten lassen, PR-Berichte abzufassen. Dabei habe ich wohl daneben gelegen. Es ist aber oft so, dass zwischen Theorie und Praxis Welten liegen. Zudem spielt auch noch die Redaktionskultur eine Rolle und die Ausbildung der Redaktorinnen und Redaktoren. Ob das zielführend ist, hängt natürlich davon ab, was Sie als Ziel der Debatte definieren. Bei der Hauptaussage stimme ich mit dem Autor überein. Wobei das wenig überraschend ist, dass Medienjournis noch mehr Mühe haben bei der Recherche. Dem Nebenaspekt musste ich widersprechen. Wie sich gezeigt hat, war das eine Idee des Verlages. Wie ich vermutet hatte.

            Lieber Herr Meul
            Dann habe ich daneben getippt. Ich habe eben den umgekehrten Weg gewählt: Zuerst Medienwissenschaft und Journalistik in Fribourg und danach den Praxiseinstieg. Den Vergleich zwischen Medienethik und Medienpraxis habe ich auf diese Weise vollzogen. Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen dieselbe Laufbahn übergestülpt habe. Erst Praxis, dann Aus-/Weiterbildung ist auch nicht verkehrt.

            Das ist ja genau mein Punkt. Dass auch Journalisten und Journalistinnen dieses Spielchen mitmachen, die schon fest im Sattel sitzen. Sie haben mir schon wieder die Worte im Mund herum gedreht 🙂 Nochmal: Ich sage weder, dass das in Ordnung ist noch dass man das muss. Ich stelle nur fest, dass hier Berufskollegen manchmal über ihren Schatten springen.

            Ein Schuss vor den Bug der Zeitung ist auch schon ein Weckruf. Das wirkt schon genug. Wenn so etwas passiert, hat sowieso zuallererst die Chefredaktion geschlampt. Sie trägt die publizistische Verantwortung. Sie hat dafür zu sorgen, dass so etwas nicht passiert.

            Sie stimmen mit mir ja überein, dass man das Problem an der Wurzel packen sollte.

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