Leserkontakt ist auch Medienkritik

von Claudia Fröhlich

Zu viel Selbstkritik in der Zeitung ist unnötig, findet Christian Dietz-Saluz. Der Redaktionsleiter der Zürichsee-Zeitung in Stäfa äussert sich nur dann öffentlich zu Interna, wenn es wirklich etwas zu berichten gibt. Das sei nur äusserst selten der Fall. Der direkte Kontakt zum Publikum sei die wichtigere Form der Selbstreflexion für ein Lokalmedium.

Lokalzeitungen haben gemäss einem Papier der Universität Zürich im Vergleich zu anderen Zeitungen eine bescheidenere Kritik- und Kontrollfunktion. Auf die Medienkritik bezogen sieht das Christian Dietz-Saluz, Redaktionsleiter der Zürichsee-Zeitung in Stäfa, anders. Er hält medienkritische Berichterstattung in seinem Blatt weitgehend für überflüssig. Der direkte Kontakt zum Publikum sei die wichtigere Form der Selbstreflexion für ein Lokalmedium.

Kritische Selbstreflexion ist auch für Dietz-Saluz Teil seines Berufsverständnisses als Journalist. Allerdings brauche das Publikum nicht immer miteinbezogen zu werden, findet er. Im Lokaljournalismus erhalte man von den Lesern stets direkte Rückmeldungen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Eine ständige Reflexion über die internen Arbeitsvorgänge sei daher unnötig.

„Aber es gibt Fälle, da muss man die Leser informieren“, sagt Dietz-Saluz. Dies sei bei der „ZSZ“ etwa drei bis vier Mal im Jahr. Er erzählt vom Fall Martullo. Roberto Martullo, Schwiegersohn von Christoph Blocher, gab seinen Rücktritt als SVP-Präsident von Meilen aufgrund „medialen Drucks“.

Dietz-Saluz bekennt sich heute dazu, die Geschichte in der eigenen Zeitung aufgebauscht zu haben: „Wäre es nicht der Schwiegersohn von Christoph Blocher gewesen, hätte die Geschichte einen Fünfzeiler gegeben“. Er habe dies in einer Kolumne zugegeben und sich Fehler eingestanden.

Grundsätzlich will Dietz-Saluz „noble Zurückhaltung“ in seinem Blatt. Damit meint er, Medienkritik nie zu erzwingen, sondern sich dann kritisch zu äussern, wenn sich eine Situation dafür aufdrängt und aktuell ist. Auch wolle er die Medienkritik nicht dafür brauchen, die Zeitung zu beweihräuchern.

„Wir berichten stets kritisch, suchen das Haar in der Suppe, entfernen es aber nicht“, sagt er. Damit spielt er auf die kritische Berichterstattung der „ZSZ“ gegenüber des Spitaldirektors von Männedorf an. Die Berichte führten dazu, dass dieser zurücktreten musste. „Da fragten wir oft, ob wir fair gehandelt haben und genügend transparent waren“, sagt Dietz-Saluz. Ideal für Medienkritik also? Nein, findet der Redaktionsleiter auch in diesem Fall.

Man müsse sich vor den Lesern nicht rechtfertigen, wenn man mal kritisch schreibe. Ausserdem habe seine Zeitung richtig gehandelt und davon könne ein Leser ausgehen. „Wir sind eine seriöse Zeitung und die Leute haben Vertrauen zu uns“, sagt er. Nie würden sie „Witwen schütteln“, sondern fair und zurückhaltend berichten. Und falls das Publikum etwas anderes denkt, dann kämen die Rückmeldungen direkt und ohne Hemmungen. Die Leserbriefe sind für Dietz-Saluz heilig. Doch auch daraus will er keine medienkritische Berichterstattung generieren. Ob ein Artikel unausgewogen, falsch oder unfair ist, merke man bereits bei der Planung, der Recherche und allerspätestens beim Gegenlesen. Auf das Gegenlesen lege man bei der Zürichsee-Zeitung viel Wert und sei unbarmherzig. Auch mit ihm als Redaktionsleiter. Daher erwartet er von seiner Redaktion, dass nur faire Berichte veröffentlicht werden. Anschliessende

Medienkritik findet er aus diesem Grund gesucht. Wenn es trotzdem mal Bedarf gebe, wie etwa im Fall Martullo, dann stehe er hin. Schliesslich soll Medienkritik die Glaubwürdigkeit der Zeitung stärken.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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