Game-Journalismus abseits von PR-Berichterstattung

von Nico Bührer

Die neu gegründete Game-Plattform combobreaker.ch will den Beweis antreten, dass es möglich ist, auch unabhängig von PR-Beeinflussung über Video- und Computerspiele zu berichten. Kein leichtes Unterfangen, zumal mit beschränkten Ressourcen.

Möglichst unabhängig und ohne PR-Beeinflussung über Videogames berichten: combobreaker.ch wagt den Versuch. Bild: © tomispin

Möglichst unabhängig und ohne PR-Beeinflussung über Videogames berichten: combobreaker.ch wagt den Versuch. Bild: © tomispin

„Das grösste Problem des Videospieljournalismus ist die sehr starke Beeinflussung durch die PR“, ist Robin Schwarz überzeugt. Schwarz ist Chefredaktor bei combobreaker.ch, einem unabhängigen Magazin, das über Video- und Computer-Games berichtet. „Die PR der Industrie bestimmt Wertungen einzelner Spiele mit und sie nimmt Einfluss darauf, wo und wie gross Artikel auf der Seite platziert werden.“

Combobreaker.ch wurde von den ZHAW-Studenten Robin Schwarz und Leo Wehrli gegründet. Mit ihrem Projekt wollen die beiden zeigen, dass es Themen im Videospielbereich auch abseits von zugesandten Testmustern oder Medienmitteilungen gibt. Der Name des neuen Magazins stammt aus dem Gamer-Jargon: Eine „Combo“ ist eine feste Tastenkombination eines Spielers, ein „Combobreaker“ ein Unterbruch dieser Kette von Eingaben.

„Die Videospielbranche setzt heute stellenweise riesige Umsätze um“, erklärt Robin Schwarz. So erzielte beispielsweise der Publisher Activision mit seinem Spiel «Call of Duty: Black Ops 2» über eine Milliarde Dollar Umsatz – die Hälfte davon alleine am ersten Tag. „Im Schweizer Markt wird aber nicht viel Geld in Marketing investiert. Deshalb hat die PR die Game-Kritiker umso stärker unter der Knute“, meint Schwarz. Bei einer früheren Tätigkeit habe er schon selbst erlebt, wie ein Herausgeber damit drohte, Werbeanzeigen zurückzuziehen, weil er mit der Wertung eines seiner Videospiele nicht zufrieden war.

Mehr Quantität als Qualität
Zudem kämpfen die meisten Schweizer Game-Plattformen mit knappen finanziellen Mitteln. „Redaktoren werden kaum oder gar nicht bezahlt“, so Schwarz. „So ist es schwierig, diese zu eigenen Recherchen oder Geschichten zu motivieren.“ Der Fokus liege häufig mehr auf Quantität als auf Qualität. „Klickzahlen sind die Währung des Internets“, erklärt Leo Wehrli, Chefkoordinator der Website. „Wenn der Traffic hochgehalten werden muss und die Ressourcen beschränkt sind, entstehen solche Probleme.“

Während eines Praktikums bei Playstation Schweiz, der PR-Plattfprm für die Spielkonsole von Sony, machte Wehrli häufig dieselbe Beobachtung: „Wenn ich Pressetexte rausschickte, wurden diese oft eins zu eins übernommen.“ Robin Schwarz ergänzt: „Teilweise haben Redaktoren beinahe das Gefühl, sie stünden bei der PR in der Schuld, weil sie Testmuster oder andere Goodies für ihre Arbeit erhalten.“ Grundsätzlich sei das materielle Interesse in der Branche sehr hoch. Auch jemand, der sich bei combobreaker.ch als interessierter Schreiber gemeldet hatte, zog es vor, beim bisherigen Auftraggeber zu bleiben, weil er dort die Spiele-DVDs behalten dürfe.

Kritik an der Videospielpresse in Übersee
Robin Schwarz und Leo Wehrli stehen mit ihren Bedenken nicht alleine da. Die PR-Abhängigkeit des Videospieljournalismus ist weltweit ein heiss diskutiertes Thema. Mitarbeiter der Webseite gamasutra.com zitierten vor einigen Jahren ein E-Mail, welches Trip Hawkins, Präsident des Publishers 3DO, im Jahre 2001 an das Magazin GamePro schickte:

Wenn Sie sich mir widersetzen, so tun Sie dies auf eigene Gefahr. Und belehren Sie mich nicht, indem Sie mir sagen, der Leser sei der Kunde. Ihre eigentlichen Kunden sind diejenigen, die Ihr Einkommen sicherstellen: die Anzeigenkunden der Spielindustrie.

Zudem sind mindestens zwei Fälle von Videospieljournalisten bekannt, die ihr Pult räumen mussten, weil sie zu kritisch berichteten. Ein Beispiel: Der ehemalige GameSpot-Redakteur Jeff Gerstmann vergab eine durchschnittliche Bewertung von sechs Punkten an das Videospiel Kane & Lynch, ungeachtet der Tatsache, dass der Herausgeber auf beinahe sämtlichen Werbeflächen der GameSpot-Frontseite eben jenes Spiel anpries. Jeff Gerstmann arbeitete kurz darauf nicht mehr bei dieser Publikation.
Hinzu komme, dass die Game-Branche laut Schwarz eine relativ freundliche und kleine sei, weshalb man sich nicht gerne auf die Füsse trete, erklärt der junge Chefredakteur von combobreaker.ch. „Man pflegt diese Beziehungen, macht Zugeständnisse und bedenkt nicht, dass damit irgendwann auch Erwartungen verbunden sind.“

Nur – so einfach ist es dann wohl doch nicht. Die beiden Studenten meinen, es gebe weitere Gründe dafür, wieso hiesige Videospiel-Websites jede News und jeden neuen Trailer nur allzu gerne weiterverbreiten und es wäre unfair, dies allein auf die genannten Gründe abzuschieben.

Eine Lücke, die es zu füllen gilt
„Man schreibt ja auch FÜR Fans von Videospielen, die all diese News und Trailer auch sehen und lesen MÖCHTEN“, erklärt Schwarz. „Mit unserer Website bieten wir deshalb nicht eine Alternative, sondern eine Ergänzung zum bestehenden Angebot. Auch wir sind durch unsere knappen Ressourcen eingeschränkt.“ Messen wie die Games Developers Conference oder die E3 Messe und Konferenz können Schwarz, Wehrli und ihr Team kaum besuchen. Auch was PR-Kontakte angeht, sitzt man in der Schweiz nicht an den Quellen. Die seien häufig in den USA oder in Japan. An combobreaker.ch verdient zudem niemand etwas, das Team arbeitet nebst Studium und Beruf. „Gerade weil wir keinen ökonomischen Zwängen unterworfen sind, können wir uns leisten, zu recherchieren, eigene Videos zu produzieren und eigene Geschichten zu schreiben.“ Dies sei etwas, das in der Schweiz kaum gemacht werde. „Immerhin auf den Webseiten von 20 Minuten oder Blick am Abend gibt es in den entsprechenden Rubriken immer wieder Videospiel-Artikel, die mehr in die Tiefe gehen“, so Schwarz. „Man merkt schon, dass die Journalisten dort auch bezahlt werden.“

Und natürlich ist auch combobreaker.ch ein Stück weit von der PR abhängig. „Sollten wir jemals Werbebanner aufschalten, würden die natürlich trotzdem von der Industrie stammen“, gibt Leo Wehrli zu. „Und Testmuster, die wir erhalten, senden uns auch häufig Publisher direkt zu. Doch ist es uns wichtig, stets auch eine geschäftliche Beziehung zu den Vertretern der Industrie zu pflegen, und nicht bloss eine freundschaftliche.“

Wieso überhaupt Videospiele?
„Videospiele sind nicht günstig. Leute geben im Jahr Hunderte Franken für Games aus“, meint Robin Schwarz. „Für Lehrlinge, Schüler, 14- oder 15-Jährige ist das viel Geld“, fügt Leo Wehrli an. „Ich erinnere mich noch an früher und daran, wie stark ich von der Meinung der einschlägigen Videospiel-Fachpresse abhängig war.“ Es gehe doch „nur um Games“ ist für die beiden Webseiten-Betreiber sowieso kein Argument. „Dann könnte man auch sagen, es gehe ‚nur um Theater‘ oder ‚nur um Film ‘“, argumentiert Leo Wehrli. „Nur weil es ein junges Medium ist, heisst das nicht, dass es keine gesellschaftliche Bedeutung hat.“

Schwarz und Wehrli sind deshalb überzeugt, dass es auch im Videospiel-Segment einen fachkundigen und einordnenden Journalismus braucht. Als Microsoft mit der Xbox One ihre neuste Spielkonsole ankündigte, produzierte combobreaker.ch noch am selben Abend einen Podcast dazu und erklärte am Folgetag, dass viele der angekündigten Features für Schweizer möglicherweise bedeutungslos sein werden, während anderswo Medienmitteilungen unverändert veröffentlicht wurden. Zudem werden Schweizer-Themen aufgegriffen, wie die aktuelle Diskussion um ein Verbot von Gewaltspielen – eine Idee, gegen die sich der Schweizer Verein GameRights vehement wehrt. Die ZHAW-Studenten sind sich bewusst, dass ihre eigene Website noch in den Kinderschuhen steckt, doch das Ziel ist gesetzt.

Der Autor dieses Artikels, schreibt selbst für combobreaker.ch. Die Aussagen in diesem Artikel stammen allesamt von Leo Wehrli und Robin Schwarz, den Gründern der Webseite.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

2 Gedanken zu „Game-Journalismus abseits von PR-Berichterstattung

  1. Janosch Tröhler

    Ein schöner Artikel über ein spannendes, junges Projekt.

    Dass Medienmitteilungen einfach „abkopiert“ werden, ist nicht num im Game-, sondern auch im Musik-Journalismus ein starkes Problem.
    Ich wehre mich mit negativewhite.ch seit Anbeginn gegen dieses Unding, das leider in Schweizer Blogs und Webzines weit verbreitet ist. Sogar Printmedien wie 20 Minuten übernehmen einfach. Dabei weiss ich von Veranstaltern und PR-Leuten, dass sie Text aus der Redaktion bevorzugen.

    In einer Medienmitteilung wird nie etwas Bedenkliches stehen, man möchte ja verkaufen. Kritischer Journalismus ist nur aus der eigenen Hand möglich.

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  2. Matthias Giger

    Provokativ gefragt: Wozu braucht es denn in Zeiten von Amazon-Userbewertungen noch unabhängigen Gamejournalismus? Bei politischem Journalismus etc pp ist das ja keine Frage.

    Eine Bemerkung noch zur Diskussion des Verbots von Killer-Spielen: Der Bericht ist ziemlich einseitig. Der Pro-Seite (pro Ego-Shooter) wird im Beitrag viel mehr Zeit eingeräumt, um ihre Argumente vorzubringen. Der Kontra-Seite wird kaum Zeit eingeräumt. Zudem befinden sie sich noch in der Höhle des Löwen. Die ganze Diskussion auf ein Generationenprolbem zu reduzieren ist unterkomplex (um Vinzenz Wyss’s Terminologie zu verwenden). Man muss sich ja auch nicht Heroin spritzen, um Suchtprävention machen zu können.

    Ein bisschen googeln reicht, um zu zeigen, dass solche Spiele durchaus aggressiv machen können (2. Hälfte des Interviews): http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/2009780/

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