Lieber Selbst- als Fremdkontrolle – der Presserat

von Matthias Giger

Präsident Dominique von Burg hat an der Jahrespressekonferenz festgehalten, dass der Presserat auf ein geschäftiges Jahr zurück blicken kann. 95 Beschwerden sind eingegangen. Dies seien beinahe so viele wie im Rekordjahr 2003 (103).

Und noch nie hat der Presserat so viele Stellungnahmen veröffentlicht.

78 an der Zahl. Dies dokumentiere das anhaltende Interesse des Publikums am Presserat und ebenso dessen gutes Funktionieren, so Dominique von Burg.

Dominique von Burg - Präsident Schweizer Presserat an der Pressejahreskonferenz in Zürich 20. 6. 3013 Bild: Matthias Giger

Dominique von Burg – Präsident Schweizer Presserat an der Jahrespressekonferenz in Zürich am      20. Juni 2013
Bild: Matthias Giger

Anhörung mangelhaft

Am häufigsten betroffen waren laut Pressemitteilung Ziffer 3 und Ziffer 7 des Journalistenkodex. Unter Ziffer 3 fanden zehn Verletzungen unter dem Gesichtspunkt der Anhörung bei schweren Vorwürfen statt, bei neun ging es um Entstellung von Informationen und viermal wegen der Quellenbearbeitung. Zwei Verletzungen betrafen die Unterschlagung von Informationen, weitere zwei den Umgang mit Illustrationen oder Archivbildern.

Bei Ziffer 7 wurde zehnmal eine Verletzung der Privatsphäre beanstandet, in zehn weiteren Fällen eine ungerechtfertigte Identifizierung; bei drei Beschwerden ging es um sachlich nicht gerechtfertigte Anschuldigungen und bei drei anderen um die Unschuldsvermutung.

Veröffentlichungspraxis der Stellungnahmen

Dem hohen Interesse am Presserat, das dieser auf die gestiegene Bekanntheit zurück führt, steht gegenüber, dass nicht alle Redaktionen die Stellungnahmen des Presserats veröffentlichen, die das eigene Medium betreffen. Deshalb hat der Stiftungsrat beschlossen, dass der Presseratspräsident in seinem Jahresbericht von nun an jeweils aufführt, in welchen Fällen die Abdruckpflicht verletzt worden ist. Gemäss Jahresbericht haben Medien 2012 in sieben Fällen nicht über eine Stellungnahme berichtet, in der sie vom Presserat gerügt worden sind: „Blick“ dreimal, die „Weltwoche“ zweimal, „20 Minuten“ einmal, ebenso RSI, der „Corriere del Ticino“ und das „Giornale del Popolo“ (alle frei in der gleichen Angelegenheit).

Selbstkontrolle statt staatlicher Kontrolle

Wie Dominique von Burg an der Pressekonferenz in Zürich betonte, ist der Presserat vor allem für die Medien wichtig. Journalistinnen und Journalisten hätten leider nicht den besten Ruf. Es wäre fatal, wenn es hiesse „die machen sowieso was sie wollen“. Denn dies würde das Vertrauen in den Journalismus noch zusätzlich schwächen, sagte der Präsident des Presserats. Ein gut funktionierendes Selbstkontrollorgan bewahre die Medien vor schärferen staatlichen Kontrollen wie sie unter anderem in Grossbritannien diskutiert wurden.
Im Editorial des Jahreshefts schreibt Dominique von Burg:
„Der Presserat? Nicht ernst zu nehmen und bestenfalls nutzlos, so äussern sich manche Anwälte und Medienrechtsspezialisten. Die Stellungnahmen des Presserats abzudrucken, die das eigene Medium betreffen, wie dies die ‚Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten‘ verlangt? Nur wenn es ihnen passt, haben uns kürzlich zwei Chefredaktoren wissen lassen.“

Bei derartigen Grundhaltungen lohnt es sich, daran zu erinnern, weshalb es den Presserat gibt. Warum er von Journalistenverbänden, den Verlegerorganisationen sowie der SRG unterstützt wird. Und weshalb die Mehrzahl der europäischen Länder und in der ganzen Welt vergleichbare Selbstkontrollorgane der Medienbranche existieren.

Von Burg weiter: Wer eine so gewichtige Rolle als „Wachhund der Demokratie“ (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) einnimmt, müsse im Gegenzug auch bereit sein, Regeln einzuhalten. Zudem schwimme journalistische Information in der Flut der Informationen oben auf, weil sie von Drittinteressen unabhängig ist.

Diese besondere Glaubwürdigkeit bildet auch künftig die Existenzgrundlage des Informationsjournalismus. In den Augen des Publikums glaubwürdig zu bleiben, darum geht es also auch in Zukunft.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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