Nicht alle wollen Brücken bauen

von Florian Bodoky

Medienwissenschaftler und Journalisten sind schlecht aufeinander zu sprechen. Mitte April unternahm die Schweizerische Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft an ihrer Jahrestagung ein Annäherungsversuch. Es gibt aber auch prominente Stimmen, die in der Reibung zwischen Theorie und Praxis nichts Schlechtes erkennen.

„Es gibt eine Zusammenarbeit zwischen der Wissenschaft und Medienschaffenden – nur das zusammen arbeiten funktioniert beiderseitig nicht optimal“, sagte Medienwissenschaftler Mark Eisenegger an der SGKM-Tagung Mitte April in Winterthur. Er reagiert damit auf den Vorwurf Norbert Neiningers, Verleger und Chefredakteur der Schaffhauser Nachrichten, wonach die Medienwissenschaft den Austausch mit den Medienschaffenden in ihrem Arbeitsprozess vernachlässigt. Als konkretes Beispiel nannte Neininger das Jahrbuch „Qualität der Medien“. Dieses wurde in weiten Teilen der Branche als realitätsfern kritisiert oder auch einfach ignoriert. Diese Haltung stösst aber nicht nur den Urhebern des Werkes sauer auf – auch Journalisten zeigen sich unzufrieden.

Christoph Moser, Medienkritiker und Redaktor beim „Sonntag“, hält die „Realitätsferne“ für ein Scheinargument. Die Ignoranz des Jahrbuchs zeuge von Arroganz, zumal viele Erkenntnisse mit den Beobachtungen der Leserschaft übereinstimmen. Damit betreibe man Schönfärberei.

Christoph Moser zu Kritikempfänglichkeit von Medienschaffenden

Wissenschaftler sind keine Journalisten
Diese Ansicht teilt auch Hugo Bigi, Journalist und Mediendozent an der Hochschule für Wirtschaft Zürich. Er ist der Meinung, dass gegenseitige Kritik zwar den Dialog fördere, diese aber in die falsche Richtung gehe und zu stark generalisiere. Die Kritik an der Realitätsferne der Wissenschaft findet er nicht nur unangebracht, sondern er sieht in der Funktion der Wissenschaft auch eine notwendige Distanz zur untersuchten Materie. So sei die wissenschaftliche Objektivität sichergestellt. Theorie und Praxis seien kein Widerspruch, sondern ergänzen sich gegenseitig. Deshalb sei eine identische Denkweise weder machbar noch wünschenswert.

Hugo Bigi zum Rollenverständnis von Medienwissenschaftler

 

Die Hauptproblematik im Austausch und der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis sieht Bigi in der unterschiedlichen Auffassung der eigenen Rolle und dem Verständnis für die Rolle des Andern. Viele Branchenleute seien in ihren Mustern festgefahren. Zum gegenseitigen Verständnis könne und solle bereits in der Ausbildung beigetragen werden, findet er. Wenn Theorie und Praxis bereits in der Ausbildung verknüpft werden, sensibilisiere man zukünftige Medienwissenschaftler und Journalisten für die Rolle des Gegenübers.

Hugo Bigi zur Ausbildung von Journalisten

 

„Dieser Konflikt leuchtet mir nicht ein.“
Dem allgemeinen Wunsch nach mehr Akzeptanz und Intensivierung der Zusammenarbeit steht die Meinung Otfried Jarrens, Prorektor des Institutes für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Zürich, entgegen. Ihm zufolge sind die Ansprüche an den Dialog und die Zusammenarbeit dieser beiden Lager zu gross – und nicht zielführend. Er verweist auf die Verhältnisse von Forschung und Praxis in anderen Branchen und macht den „öffentlichen Diskurs über den Diskurs“ für die Erwartungshaltung verantwortlich. Dies beeinflusse die Wahrnehmung. Auch wehrt sich Jarren gegen die Behauptung, Medienwissenschaftler stellen Anforderungen an die Praxis oder beschwören Trends zu Arbeitsweisen herauf.

Otfried Jarren zum Verhältnis zwischen Wissenschaft und journalistischer Praxis

 

Der Diskurs bewegt also fast alle Exponenten der beiden Lager. Dabei fällt auf: Während dem Thema um das Verhältnis auf der einen Seite ganze Tagungen gewidmet werden, wiegeln andere Fachleute ab und sehen in dem Konflikt lediglich eine natürliche Reibung, die keine Brücken zum Einsturz bringt.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

Ein Gedanke zu „Nicht alle wollen Brücken bauen

  1. Millard Chandler

    Das Arbeitsfeld „Medien“ verändert sich ständig. Deshalb ist das Bildungs- und Ausbildungsziel des Instituts für Medienwissenschaft Ihre Berufsfähigkeit – nicht eine unmittelbar umsetzbare Berufsfertigkeit. Hier erwerben Sie mehr als nur einzelne Techniken (die ohnehin einem ständigen Wandel unterliegen); durch intensive Gruppen- und Projektarbeit erwerben Sie analytische, methodische, praktische und strategische Kompetenzen. Dabei wird das medienwissenschaftliche Lehrpersonal durch zahlreiche Lehrbeauftragte aus der Medienpraxis unterstützt. Das verschafft Ihnen wesentliche Vorteile gegenüber denen, die durch eine rein handwerklich orientierte Ausbildung auf eng definierte Berufsfelder fixiert sind. Absolventen der Tübinger Medienwissenschaft arbeiten heute für große Zeitungen und Zeitschriften, für Radio- und Fernsehsender; sie sind im Medienmanagement, für Werbeagenturen und in der Medienforschung tätig.

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