Die Sucht nach Sensationsbildern

von Silvana Meisel

Die Verleihung des World-Press-Photo-Awards brachte die Diskussion über Bildmanipulation wieder in Gang. Das Siegerbild sei zu stark bearbeitet worden, lautete die Kritik. MAZ-Studienleiter und Fotoexperte Reto Camenisch erklärt, warum immer manipuliert wird. Dabei kritisiert er auch die Rolle der Bildredaktionen, die nach immer spektakuläreren Bildern verlangten.

worldpressIm April wurde das World-Press-Photo erkoren, als nur kurz darauf die Debatte über unzulässige Bildbearbeitung aufkam. Das Gewinnerbild 2012 zeigt einen Trauerzug in Gaza Stadt (siehe rechts), bei dem Männer zwei Kinderleichen durch die engen Strassen tragen. Das Foto des Schwedischen Fotografen Paul Hansen berührt und schockiert zugleich. Der Jury-Vorsitzende der World-Press-Photo-Organisation, Santiago Lyon, sprach von einer „kraftvollen und einzigartigen Kombination von Trauer, Wut und Verzweiflung“, die das Bild ausstrahlt.

Die makellose Haut der Abgebildeten, der unnatürliche Lichteinfall und die Ausleuchtung verschiedener Details verstärken aber den Eindruck, dass das Foto stark bearbeitet wurde. Der ungewöhnliche Kontrast in der scheinbar dunklen Gasse liess sogar den Verdacht aufkommen, es handle sich um eine Inszenierung. Hansen reagierte schliesslich auf die Vorwürfe und gab zu, das Licht nachträglich verändert und unterschiedlich bearbeitete Fotos übereinander geblendet zu haben. Die World-Press-Photo-Foundation meinte darauf: “Die Regeln erlauben Retusche im Rahmen der branchenüblichen Standards.” Somit darf der Schwede sein Preisgeld und den Titel behalten. Ein ungutes Gefühl bleibt trotzdem zurück. Als „inakzeptabel“ bezeichnet der Schweizer Fotograf Reto Camenisch diesen Entscheid. „Der Gewinner hat dieser schrecklichen Situation eine Ästhetik beigefügt, die eindeutig in die Werbung gehört.“ Und dies in einem Mass, dass es unanständig und unangebracht sei.

Für den mehrfach ausgezeichneten Fotografen und Studienleiter für Redaktionelle Fotografie an der Schweizer Journalistenschule MAZ darf eine solch klare Täuschung nicht sein. Der Vorwurf gelte aber nicht dem Fotografen. Dieser habe wohl unbedingt auffallen wollen und in seinem Eifer seine Eitelkeit über den Inhalt seines Bildes gestellt. Den Fehler sieht Camenisch bei jemandem anderem: „Das Schlimmste ist die Verantwortungslosigkeit der Jury. Dort sollten solche ‚Unarten‘ unterbunden werden.“

Seiner Meinung nach stehen heutige Fotojournalisten unter einem enormen Druck, der von der Branche ausgeht. Da die schreckliche Realität den Medien alleine nicht mehr reiche, müssen Bilder aufbereitet und ästhetisiert werden, damit sie überhaupt wahrgenommen würden. Genau dies zeigt sich auch an der Swiss-Press-Photo-Ausstellung im Zürcher Landesmuseum. Eine bedenkliche Mehrheit der ausgezeichneten Bilder thematisieren Krieg, Schmerz und Leid. „Mit dem Elend der Anderen lässt sich Geld verdienen“, sagt Camenisch dazu ernüchtert. Fotografen, die sich mit gewaltlosen Themen beschäftigen, fänden bei solchen Preisverleihungen einfach keinen Platz mehr. Eine Begründung für diese Entwicklung findet der 55-jährige Fotograf in den Forderungen der Medien. „Wenn man das Leben eines Bergbauern porträtiert, der während seinen 70 Lebensjahren ein einziges Mal in Bellinzona war, dann nimmt das kein Medium auf. Es ist eine „Jö“-Geschichte, die keiner will. Die Medien wollen „Ah“-Geschichten.“

Am Anfang der Fotografie stand die Abbildfunktion von Realität. Bilder sind aber auch immer eine „individuelle Interpretation, von dem, was einem persönlich wichtig ist“. Das heisst, jedes Bild wurde quasi im ausgewählten Motiv, dem Format und dem Standpunkt des Fotografen schon manipuliert. Die absolute Realität auf Fotografien gibt es somit nicht.

Eine andere Problematik sieht Camenisch im Umgang mit Bildmaterial auf den Redaktionen. Während seiner aktiven Zeit als Fotojournalist wurden seine Bilder regelmässig verändert: Aus einem Quer- wurde ein Hochformat oder aus einer Farbaufnahme ein Schwarz-Weiss-Foto. Was für Laien kleine Anpassungen sind, war für Camenisch eine Verletzung des Autorenrechts. „Als professioneller Fotograf habe ich aus einem bestimmten Grund etwas so fotografiert, wie ich es einreiche.“ Das sei, als ob man einem Journalisten den Artikel umschreibe oder eine Zeile kürze.

Nun möge diese Auffassung etwas gar radikal sein, wo wir alle wissen, dass durch redigieren und zuschneiden Manipulationen entstehen. Das weiss Reto Camenisch aus langjähriger Erfahrung natürlich auch. „Zentral ist aber, auf welcher Plattform manipuliert wird.“ Um Klarheit und Einheitlichkeit in der Medienlandschaft zu erreichen, könnten schärfere Regeln Abhilfe schaffen. So sollten Pressefotografien, die nicht im Originalzustand publiziert werden spezifisch gekennzeichnet sein. Oder bei Preisverleihungen würden unterschiedliche Kategorien gebildet. Schliesslich ist es eine Frage der Akzeptanz, wann ein Bild als manipuliert gilt. Im Zeitalter digitaler Fotografie und Photoshop ist der Grat zwischen Echtheit und Fiktion nun Mal sehr schmal. Sich aber immer auf die Kante zu stellen, könnte auf Dauer der Glaubwürdigkeit der Branche schaden.

[Interessant in diesem Zusammenhang ist auch das Gespräch von fotokritik.de mit dem Publizisten Hans Durrer, der sich als einer von wenigen kritisch mit dem Fotojournalismus auseinander setzt.]

Ein Gedanke zu „Die Sucht nach Sensationsbildern

  1. Matthias Giger

    Herzliche Gratulation zu diesem wichtigen und gut geschriebenen Beitrag.

    Pressebilder haben eine dokumentarische Funktion:
    http://www.blogmedia.ch/blog/wp-content/uploads/PR-Fotos_Glanz-anstatt-Transparenz.pdf

    Daher sollten sie nicht über ein gewisses Mass verändert werden.
    Dass Bilder oftmals kaputt-geschnitten werden kommt vor. Anstatt sich zu ärgern, würde es mehr bringen, wenn man sich mit den Kaputt-Schneidern zusammen sitzt und ihnen zeigt, was einen stört und weshalb. Diese wiederum könnten dann auf ihre Produktionszwänge hinweisen.

    Übrigens: Bald gibt es einen Coursera Kurs (Massive Open Online Course – kostenlos) zu dem Thema: http://youtu.be/_NMd60yV5Nc

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