Medienwahn, Gesellschaftswahn. Wörter, Konstruktionen. Sondersetting, PR-Beratung.

von Philip Kübler

Nachdem der „Blick“ aufgrund einer noch unaufgeregten TV-Reportage des Schweizer Fernsehens die teure Betreuung des kriminellen Jugendlichen „Carlos“ angeprangert und das Wort „Sozial-Wahn!“ erfunden hatte,

ein Wort, das – und deshalb darf von einer Erfindung gesprochen werden – in eine Suchmaschine eingefügt, jeden Internetnutzer auf die journalistischen Quellen zum sich über Monate hinziehenden und fast täglich neu befeuerten Jungmesserstechertherapiekostendiskurs führt, sogar wenn man im Suchfeld das in den Gepflogenheiten des Boulevards besondere Urteilssicherheit demonstrierende Ausrufezeichen weglässt, also nur „Sozial-Wahn“ eingibt, oder auch zusammengeschrieben ohne Bindestrich, oder auseinander ohne Bindestrich, das kommt ja heute nicht mehr so drauf an in der deutschen Sprache – all dies funktioniert übrigens nicht nur bei Google, sondern auch bei anderen Suchmaschinen, wer es nicht glaubt möge es mit Bing oder Yahoo! testen, die weniger raffiniert unsere Filter Bubble bewirtschaften als Google, nicht weil es die anderen Suchmaschinen nicht könnten (technisch können auch andere Suchmaschinen personalisierte Ergebnisse anzeigen, einigermassen wenigstens, denn zugegebenermassen besitzen viele von ihnen nicht so ausgeklügelte Algorithmen wie Google und verfügen vor allem nicht über gleich viele Nutzerdaten [also zu wenig „Big Data“ oder eben nur „Small Data“, richtig müsste es ja heissen „Much Data“ oder „A Lot of Data“ oder „A Hell of a Lot of Data“ wobei „Little Data“ dann doch wieder irreführend wie „kleine Daten“ klingt, das Englische hat eben auch Unschärfen, da können die englischen Wissenschafter lange sagen, ihre Sprache sei besonders reich an Wörtern, also angelehnt an Big Data etwa:

 Big Words!

… oder müsste es „Big Word“ heissen, denn am Wort „Data“ fällt immer auf, dass Plural und Singular identisch sind, niemand spricht in Amerika von „Datum“, das ist wie beim Visum, „I need a visa“ sagen die Amerikaner, wenn sie eine Reise vorbereiten und die Destination im Internet googeln, so als wäre die Vielzahl der Visen und Daten, also das Phänomen Masseineinwanderung oder das Phänomen Big Data bereits in der Sprache angelegt]), sondern weil wir eben doch meistens über den marktstarken Suchdienst von Google surfen und mit der selbsterfüllenden Prophezeihung erfahrungsgestützt automatisierter Suchergebnisse dieser Firma, die nach eigener Imagepflege nicht schlecht sein will (schlecht hier im Sinn von „evil“, das klingt wie schweizerdeutsch „i will“, und es gehört zur Carlos-Kritik, dass weniger die Delinquenz selber als die überbordende Anspruchshaltung  des reuigen Straffälligen beanstandet wird) zu leben wissen, ja weil wir die Filter Bubble oft sogar zu schätzen wissen, denn wir möchten ja bei und mit Licht suchen, nicht tastend im Dunkeln und plötzlich greift man in etwas Unerwünschtes, in etwas Fremdartiges oder Wahnsinniges, also benützen wir Google und akzeptieren ein zunehmend selbstreferenziell limitiertes Internet so, wie wir irgendwann eine intelligente Brille akzeptieren werden, eine tragbare Such- und Findmaschine, die uns eigene Prophezeihungen vor Augen führt, Konstrukte letztlich wie, laut „Magazin„, die Konstruktion um Carlos:

„Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion, und die Wirklichkeit hatte jetzt einen klingenden Namen“

und dieser klingende Name der Konstruktion sei der „Sozial-Wahn“, mit oder ohne Ausrufezeichen wäre zu fragen, doch man stelle sich vor wie oft wir mit der meistbenutzten Suchmaschine googeln würden wenn die Marke ein Ausrufezeichen hätte wie Yahoo, also „Google!“ hiesse, denn, das muss noch präzisiert werden, im Fall von

Yahoo!

gehört das Ausrufezeichen zur Marke, zum Brand, wie die Kommunikationsprofis sagen (ausgesprochen „Bränd“ mit langem „ä“ und einem „r“ wie im amerikanischen Englisch, also Zunge im Gaumen wie für ein dunkles „sch“, aber mit weniger Luft), um jeweils gleich zu betonen dass es das Ansehen, die Reputation zu schützen gilt, die „Brand Reputation“ also, gerade in der Krise ist das wichtig weil in solchen Situationen eine mühevoll langsam aufgebaute Reputation über Nacht zerstört werden kann, was eigentlich nahe legen würde dass die Kommunikationsberater auch Nachtdienst leisten müssten, ein Sondersetting für gut Reputierte sozusagen, ein Beraterteam externer Nachtwächter des Leumunds, das führt uns steil zum Thema dieses Textes, dass sich Beamte und Manager nämlich von immer mehr Kommunikationsprofis beraten lassen, fast wie ein Straftäter von einem Schwarm Therapeuten, und interne Corporate-Communications-Abteilungen nicht vor externen Beratern schützen, wobei hier die Vorbemerkung hingehört, dass es heute, im Zeitalter der Personalisierung, nicht mehr genügt, den Ruf einer Marke, eines Brand, dadurch zu bewahren, dass man das Logo schön platziert und das Firmenimage und die Qualität der Produkte sorgfältig pflegt und gut über diesen Anbieter spricht, zum Beispiel in Medienmitteilungen, wo seit einiger Zeit sogar Zitate eigener Leute vorgefertigt werden, so als hätte man sie interviewt und sie auch etwas Kritisches hätten äussern dürfen, das trotzdem abgedruckt worden wäre, ähnlich wie es in den Testimonials der Fall ist (Zeugenaussagen von Models oder von Kunden des Werbetreibenden), sondern Reputationsmanagement bedeutet dass man zugleich die Vertreter der Organisation, also die sich in ihrer Funktion exponierenden Menschen, schützen, pflegen, trainieren, entwickeln muss, denn mit deren Ruf lebt und leidet auch die Institution, für die sie in der Öffentlichkeit hinstehen, das gilt für Unternehmen genauso wie für Behörden und Ämter, denn jedes Gebilde besitzt eine Reputation und hat damit einen Ruf zu verlieren, weil ja nicht einmal Strafgefangene vom Spruch leben können „Ist der Ruf erst ruiniert, …“, sondern Resozialisierung suchen, denn egal wie hochrangig die Kaderfrauen oder die Chefs sein mögen, im Verhältnis zur Reputation des Unternehmens sind sie alle nur Funktionäre, die mit der Institution verbunden sind und mit ihr reputativ synchronisiert werden müssen, bis zu dem Punkt zumindest an dem sie aufsteigen oder aussteigen, gehen, fallen oder fallengelassen werden wegen divergierender Auffassungen über die strategische Ausrichtung – diese Personalisierung des Reputationsmanagements dient dem Repräsentaten und der vertretenen Organisation zugleich, um hier ohne viele Worte ein Beispiel zu machen: Die Reputation der USA schütze ich, indem ich den Ruf von Obama pflege, allerdings fragt sich ob das auch dann gilt wenn die USA gar kein Problem hat sondern nur Obama, z.B. einen politischen Misserfolg nicht im Amt sondern als Parteipolitiker, oder, noch weiter weg von der Amtsführung, ein eheliches Problem mit seiner Frau, ein rein hypothetisches Beispiel natürlich, denn die kürzlichen Flirtfotos aus Afrika waren wirklich weder Beweis für Frühlingsgefühle des Präsidenten noch für eine irritierte Eifersucht der Gattin, Bilder mögen mehr als tausend Worte sagen, doch ein Foto ergreift eben nur eine ganz kurze Szene, eine Geste oder Mimik von Millisekunden, das geht schnell und ein Augenblick kann bedeutungslos sein, niemand weiss es, vielleicht sind das einfach die natürlichen Gesichter der beiden wenn sie sich unbeobachtet und locker fühlen, denn zumindest kennen wir von diesen Menschen die Gesichter, aus unzähligen Fotos, zusammengenommen soviel Wert wie tausend Worte, anders das unbekannte Gesicht von Carlos, der für viele Leserkommentatoren in den Onlinemedien das Letzte ist, im Kontrast zum freundlichen Antlitz einer First Lady oder eines ersten dunkelhäutigen Präsidenten – das mit Yahoo! ist wichtig, denn im vorliegenden Zusammenhang könnte man versucht sein anzunehmen, das Ausrufezeichen sei ein Schrei der Empörung wie beim Sozial-Wahn!, dabei ist es im Gegenteil ein Zeichen der überschäumenden Freude, es deutet auf eine überlege Sprungkraft der Marke hin wie im Satz

„Yes we can!“

von Obama, der diesen Spruch vermutlich auch anlässlich seiner Eheschliessung gesagt hat, was die säuerlich anspielende Kommentierung der Afrikabilder erneut in Zweifel ziehen würde, denn diese Schnappschüsse sagen weniger als die drei Worte „Yes we can“, nachdem also – das war der Gedanke – die Zeitung „Sozial-Wahn!“ geschrieben und einen Skandal entfacht hat, einen nationalen Feuersturm, ein Verhöhnen der Verhätschelung von Straftätern und der Verschleuderung von Steuergeldern, dies alles treffend, aber auch zuspitzend beobachtet vom Magazin, und eben, seither hat sich der „Carlos“-Diskurs gewandelt, das Sondersetting des Jugendstaftäters steht im Hinter- und das Agieren der Behörden und Berater im Vordergrund, und die Zeitungen, Kommentarspalten und Kantonspolitiker befassen sich aktuell mit der Krisen- und Kommunikationsberatung des Zürcher Oberjugendanwalts, den die öffentliche Empörung um das Sondersetting des betreuten „Carlos“ – wahnsinniges Kampfsporttraining war dabei, wie soll man das rechtfertigen und wer hat das freiwillig im Fernsehen gezeigt? – aus der Fassung gebracht haben musste, denn wer würde sich durch einen Wahnvorwurf in Grossbuchstaben nicht aus der Fassung bringen lassen, aus seinem Setting, sozusagen, und so half und hilft der Berater dem Amtsträger in der politischen und medialen Kritik und Krise, und zwar in nichts weniger als in der Rolle des Retters, denn er sagte im „Magazin“:

„Mein Auftrag ist es, Marcel Riesen zu retten“

und ergänzt damit ein Listicle der zehn Rollen der Public-Affairs-Beraterinnen und -Berater, ein PR-Listicle, wenn auch ohne Journalismus, das muss man bei diesem amalgamierten Kunstwort transparent machen, und der erfahrene Autor der 10-er-Liste würde nichts anderes beanspruchen, nachdem er sich im neuen Public-Affairs-Buch „Innen- und Aussenpolitik von Unternehmen“ als CEO und Managing Partner einer renommierten Agentur geäussert hat, aber eben doch eine Liste der Rollen verfasst hat – keine Rolle der Listen, scherzhaft bemerkt, denn ein Wort kann mehrere Bedeutungen haben wie das Wort Listen (Ambiguität) oder aus mehreren Wörtern künstlich zusammengesetzt werden wie „Listicle“ (Wortkreuzung) -, und auch ein Wort wie Sozialwahn oder Sondersetting fügt spielerisch zwei Dinge zusammen, genau genommen geht es hier um eine Liste mit zehn (10) möglichen Rollen des externen Beraters, nämlich

  • der Berater als Experte,
  • der Berater als Antenne,
  • der Berater als Netzwerker,
  • der Berater als Übersetzer,
  • der Berater als Vermittler,
  • der Berater als Sparring-Partner mit Aussensicht,
  • der Berater als Krisenmanager,
  • der Berater als Coach,
  • der Berater als Kreativpartner,
  • der Berater als Projektmanager und Systemanbieter,

das sind die zehn, und sie geniessen, nebenbei, in dieser Zusammenstellung nach Einschätzung des Autors (gemeint der Autor dieses kleinen Textes hier) urheberrechtlichen Schutz und sollen deshalb als Zitat verwendet werden (nein, kein Testimonial, die Quellenangabe lautet: Roman Geiser, Innen- und Aussenpolitik des Unternehmens aus Beratersicht, in: Andreas Hugi, Ronny Kaufmann (Hrsg.), Innen- und Aussenpolitik von Unternehmen, Corpoerate Governance und Public Affairs in der Praxis – ein Managementbuch, Stämpfli Verlag, Bern, 2014, S. 79 ff.) und werden nun mit der Frage verbunden, ob der im Carlos-Kontext tätige Berater eine elfte Rolle hinzufügt, nämlich den Berater als Retter!, das Ausrufezeichen dient der Betonung, oder ob der Unterschied darin liegt, dass der Autor des fachlichen Analysebeitrags im Public-Affairs-Handbuch über Unternehmen und Firmenchefs schreibt, während der Jugendanwalt-Berater die Interessen einer Verwaltungsbehörde und eines Amtsträgers verfolgt, doch eine Reputation besitzen, wie oben gesagt, alle (ein Artikel über moderne Markenführung, also Brand-Management, ist übrigens auch im Buch enthalten, was zum Hinweis einlädt, dass dort wieder sprach- und traditionsbewusst von „Marke“ die Rede ist, nicht von „Brand“, eine Trendumkehr im Sprachgebrauch der Kommunikationsfachleute vielleicht, denn es war schon immer etwas störend, dass die Brand-Symbolik den räuchelnden Duft der Fellabdrücke US-amerikanischer Rinder evoziert, während sich das Wort Marke mit dem Knopf im Ohr markenbewusster Stofftiere assoziieren lässt), entscheidend aber ist, und dieser Hinweis ist im gleichen Fachartikel des Buchs zu finden, die unmissverständliche Rollenaufteilung im letzten Abschnitt zu den Beraterrollen, die Klärung aus PR-Sicht die alles löst und sowohl für die Verwaltungen als auch für die Unternehmungen und Medien gilt:

„Trotz Beratung: Die gesellschaftliche Verantwortung lässt sich nicht auslagern“

und so lässt sich für den Fall „Carlos“ sagen, dass guter Rat schwer fällt oder, wie die Richter und Anwälte sagen, „hard cases make bad law“, wahnsinnige Fälle lassen sich nicht auf messerscharfe Empfehlungen hin analysieren, und die Auseinandersetzung mit dem Jugendstrafrecht und mit den Strafvollzugsbehörden und mit dem Agieren der Beteiligten und mit der Rolle der Medien und mit der öffentlichen Meinung in diesem gesichtslosen Fall „Carlos“ ist nicht mit Ausrufezeichen zu führen, und sie ist nicht abgeschlossen, sondern es braucht weitere griffige Beiträge dazu, die die Sache schnörkellos auf den Punkt bringen.

Im Ausnahmezustand brauchen wir alle ein Sondersetting.

Dieser Beitrag wurde unter Aktuell abgelegt am von .

Über Philip Kübler

Philip Kübler ist Präsident des Vereins Medienkritik. Er ist Rechtsanwalt, unterrichtet Medienrecht an der Universität Zürich, war langjähriges Mitglied des Schweizer Presserates und ist Mitglied der Eidgenössichen Medienkommission, die den Bundesrat in medienpolitischen Fragen berät. Philip Kübler war für die Unternehmenstransaktionen von Swisscom verantwortlich (Head of Mergers & Acquisitions) und zuvor langjähriger Chefjurist dieses Unternehmens. Seit August 2014 ist er der neue Direktor der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

Ein Gedanke zu „Medienwahn, Gesellschaftswahn. Wörter, Konstruktionen. Sondersetting, PR-Beratung.

  1. Pingback: Qualitäts-Nachlese zum Fall "Carlos" | Medienkritik Schweiz Medienkritik Schweiz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.