Hardcore-Fragen an Glencore: Wie antworten statt ausweichen?

von Philip Kübler

Die „Rundschau“ über die schmutzige Kupfermine in Sambia war eine anschauliche und gut verständliche TV-Dokumentation mit starker Eigenleistung der Redaktion: relevante Befragungen vor Ort, unabhängige Schadstoffproben. Dass Glencore einen Vertreter in die Live-Sendung geschickt hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Beobachter vermerken nun kritisch, welchen Fragen das Unternehmen ausgewichen ist (Infosperber mit Liste). Einige Fragen lassen sich allerdings fast nicht beantworten.

Die rhetorische Situation glich jener im Zusammenhang mit dem Verhütungsmittel-Opfer Céline; die junge Frage ist seit einer Lungenembolie schwerstbehindert und führt gegen den Hersteller des Medikaments Schadenersatzklage. Auch die Bayer-Vertreterin hatte suchend die Fragen von Sandro Brotz beantwortet: „Sind sie auch bewegt vom Schicksal der jungen Céline?“ Und: „Das heisst, Sie haben nicht gut geschlafen?“. Und: „Was ist es, das Sie ganz persönlich als Frau bewegt?“.

Mit derartigen Einstiegsfragen sah sich auch der Leiter Nachhaltigkeit beim Rohstoffkonzern Glencore konfrontiert. Wie erklärt der Glencore-Mann Michael Fahrbach einem Asthma-geplagten Mädchen in Sambia seinen Husten? Ob er selber mit seinen eigenen Kindern in die Gegend ziehen würde? Nimmt Glencore den Tod von Menschen in Kauf?

Im Hintergrund steht die aktuelle Diskussion um das Rohstoffgeschäft und um den Standort Schweiz. Im Vordergrund nun die gesundheitsgefährdende Luftverschmutzung einer veralteten Kupfermine in Afrika (laut SRF „Kupferhütte“), die sich Glencore-Xstrata zu modernisieren und säubern verpflichtet hat. In der TV-Sendung „Rundschau“ der vergangenen Woche erschien ein Beitrag über die viel zu hohen Schwefeldioxid-Belastungen in der Umgebung dieser Fabrik in Sambia. Das dortige Kupfer-Abbau-Unternehmen ist ein Grossbetrieb aus den 1930er-Jahren. Heute gehört die Fabrik Glencore-Xstrata. Die Konzernzentrale von Glencore war über Jahre als kommunikative Blackbox bekannt. Selbst als Riese konnte sich das privat gehaltene Unternehmen erlauben, weder Interviews zu geben noch Pressemitteilungen zu versenden. Heute ist das internationale Rohstoffunternehmen börsenkotiert und zeigt sich auch in den Medien.

Wie kann der Vertreter eines exponierten Unternehmens auf solche Fragen zur Betroffenheit und Verantwortungsübernahme reagieren?

Das Ritual geht so, dass der Gefragte eine Betroffenheitsbekundung äussert, ernst aber zurückhaltend, ohne der Aufforderung zum unbeschränkten Mitgefühl vollauf gerecht zu werden. Dann sucht der angebohrte Funktionär die Flucht aus dem pathologischen Ereignis hin zur Normalität, Statistik und vor allem zur zukünftigen Verbesserung, will zum Einzelfall nicht viel sagen oder kann diesen nicht genau kennen und beurteilen (z.B. weil noch Untersuchungen und/oder Verfahren laufen).

Dies etwa die Routine, wenn man eine Live-Sendung vernünftig überstehen möchte, nachdem gerade die Leiden von Betroffenen emotionalisierend über den Sender gegangen sind. Würde die Routine nicht mehr funktionieren, dann schickten die Unternehmen irgendwann niemanden mehr auf den heissen Stuhl. Weil der Moderator das weiss, verlässt er irgendwann unbefriedigt seinen Beicht-Appell und kommt zur Sache.

Dieses Ritual ging auch im Fall Sambia/Glencore über die Bühne. Gäbe es einen Vorschlag, wie man leiser bohren und weniger gelenkig ausweichen könnte?

Zum Beispiel könnte der Journalist contre coeur mit den Umständen und Sachfragen beginnen und erst danach, als der Manager oder Funktionär seine Erklärungen äussern konnte, zum Persönlichen und Konkreten schreiten. Wann und mit welchem Plan hat Glencore die schmutzige Mine gekauft? Warum dauert die Sanierung so lang? Wie geht man mit möglichen Opfern der Verschmutzung um? Im Fall Céline: Welche Bedeutung hat das Urteil, welche die (provisorische) Prozessentschädigung zu Gunsten des Pharmakonzerns?

Danach dürfte es weniger nötig sein, dass die Minute der Wahrheit oder eher: der Betroffenheit das Gegenüber in die Enge treibt. Denn nach dem eingependelten Gespräch lässt die Antwort dem Interviewpartner und dem Publikum die Chance, dass sie im Kontext gesehen wird. „Was also würden Sie den Menschen vor Ort sagen, die heute wegen der Vermschutzung unter Asthma leiden? Was sagen Sie in dieser Situation dem hustenden Mädchen?“

Weil das freie Fragenstellen aber letztlich erlaubt – und im Fall des guten Journalismus erwünscht – ist, fällt das Licht noch stärker auf die Interviewpartner. Was spricht dagegen zu sagen: „Wir sind mit der Luftqualität in Sambia unzufrieden und stehen mitten in der Behebung des Problems. Bis zur Lösung kann ich die Betroffenen nur mit der besseren Zukunft trösten und damit, dass Glencore die Verantwortung nicht von sich weisen wird, sobald die Ursache des Hustens feststeht.“ Noch besser wären konkrete Aussagen und wenigstens Lösungsansätze: „Bis zur Sanierung der Fabrik haben wir eine Phase der Ungewissheit und damit auch des Risikos. Glencore nimmt jetzt ein Projekt in Angriff, mit dem die lokale Bevölkerung weitgehend von den Risiken geschützt wird, nämlich …“.

Es scheint Antworten zu geben, die zwar stimmen aber doch nicht gesagt werden dürfen. Man könnte es die „unmöglichen Antworten“ nennen. „Ja, ich muss es zugeben, streng genommen nehmen wir den Tod von Menschen in Kauf.“ Juristisch gesehen ist das Konzept des Eventualvorsatzes eine Gratwanderung zwischen Absicht und Fahrlässigkeit. Kein Geschäftsmann ausserhalb des organisierten Verbrechens wird zugeben, den Tod von Menschen in Kauf zu nehmen. Doch in der Sprache des Alltags rechnet das Geschäft vieler Unternehmen mit dem Tod, wenn die Produktion oder die Produkte tödliche Unfälle oder fatale Gesundheitsschäden verursachen können: Waffenhändler, Tabakfirmen, Heilmittel- und Süsswarenhersteller? Aber auch Pharma, Chemie, Verkehrsbetriebe, die Reisebranche? Und die Medien, weil fiktive Sendungen die reale Nachahmung auslösen können und weil man Journalisten in Krisengebiete schickt? Es ist erstens eine Frage der Distanz von Ursachen und (Aus-)Wirkungen, eine Frage des direkten/indirekten Inkaufnehmens. Zweitens eine Frage, ob das drohende Sterben und Leiden wenigstens einen Sinn hat, das verfolgte Interesse gesellschaftlich korrekt und nachhaltig dargestellt werden kann: schwierig im Fall von Glencore, etwas leichter vielleicht im Fall von Bayer – überaus anspruchsvoll nicht zuletzt für uns als Wohlstandsgesellschaft, die manchmal fast alles in Kauf zu nehmen scheint.

Eine andere unmögliche Antwort ist: „Das stimmt eigentlich, Ihr Bericht und ihre drängenden Fragen haben mich überzeugt – wir gehen über die Bücher. Bitte laden Sie mich in zwei Wochen nochmals ein!“ Und noch eine unmögliche Antwort: „Ich als Vertreter der Firma bin ganz Ihrer Meinung: Wir überzeugen hier noch nicht, die Situation ist peinlich. Das habe ich intern bereits mehrfach gesagt, und ich verspreche Ihnen, dass ich mich weiter dafür einsetzen werde. Als Prophet im eigenen Lande ohne Entscheidungskompetenz dauert es manchmal etwas länger. Bitte machen Sie weiter Druck!“

So gesehen hat das Publikum etwas von diesem Austausch von Vorwurf und Abwehr, selbst wenn manchmal allzu bohrend nachgefragt und allzu wendig ausgewichen wird. Es ist nicht zuletzt die leise Hoffnung auf die „unmöglichen Antworten“.

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Über Philip Kübler

Philip Kübler ist Präsident des Vereins Medienkritik. Er ist Rechtsanwalt, unterrichtet Medienrecht an der Universität Zürich, war langjähriges Mitglied des Schweizer Presserates und ist Mitglied der Eidgenössichen Medienkommission, die den Bundesrat in medienpolitischen Fragen berät. Philip Kübler war für die Unternehmenstransaktionen von Swisscom verantwortlich (Head of Mergers & Acquisitions) und zuvor langjähriger Chefjurist dieses Unternehmens. Seit August 2014 ist er der neue Direktor der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

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