„Blick am Abend“ mutet dem Täter mehr Erkennbarkeit zu als dem Opfer

BlickamAbend_2014-04-07

von Philip Kübler

Vom Persönlichkeitsschutz muss man erst sprechen, wenn eine Person erkennbar ist. Identifizierende Berichterstattung. Sie geschieht gewöhlich über Namensnennung oder Porträt-Abbildung.

In heiklen Fällen vermeiden Publikationen daher die Erkennbarkeit mittels Pixelung oder Augenbalken des Porträtbildes, beweisen aber durch den Abdruck immerhin ihre boulevardjournalistische Tugend („Wir haben das Bild, dürfen es aber nicht zeigen“ – das wurde auch schon „Authentizitätsfimmel“ genannt).

Die Unkenntlichkeit muss nahezu perfekt sein, einzig Angehörige und das nahe Umfeld sollen die Person erkennen dürfen.

Pixelung und Balken sind nicht schön, und manchmal fragt man sich, ob diese Entstellungspraxis für die Betroffenen nicht besonders verletzend ist. Tatverdächtige zu pixeln fällt den Medien zuweilen besonders schwer, wie der vom Presserat 2009 beurteilte Fall „Daniel H.“ gezeigt hat (damals hatten allerdings Polizeibehörden ein Fahndungsfoto verbreitet).

Noch selten war aber eine differenzierende Unkenntlichmachung zu sehen je nachdem, ob es sich um den mutmasslichen Täter oder um das Opfer handelt. Das Beispiel des heutigen „Blick am Abend“ ist dehalb anschaulich. Es ändert nichts an der binären Regel, dass es auf die Erkennbarkeit für das weitere Umfeld einer Person (also über den Familie- und Bekanntenkreis hinaus) ankommt. Halbheiten helfen rechtlich und nach dem Standard des Presserates nichts.

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Über Philip Kübler

Philip Kübler ist Präsident des Vereins Medienkritik. Er ist Rechtsanwalt, unterrichtet Medienrecht an der Universität Zürich, war langjähriges Mitglied des Schweizer Presserates und ist Mitglied der Eidgenössichen Medienkommission, die den Bundesrat in medienpolitischen Fragen berät. Philip Kübler war für die Unternehmenstransaktionen von Swisscom verantwortlich (Head of Mergers & Acquisitions) und zuvor langjähriger Chefjurist dieses Unternehmens. Seit August 2014 ist er der neue Direktor der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

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