Peter Hartmeiers Presseschau für die MedienVielfalt Holding

von Philip Kübler

Am 10. April 2014 führte die MedienVielfalt Holding AG in Zürich eine Veranstaltung durch mit dem Titel „Medienvielfalt – Ideenvielfalt – Titelvielfalt“. Eingeladen waren augewählte Persönlichkeiten, die der Veranstalterin nahe stehen, einige Politiker und Journalisten sowie eine Handvoll Medienbeobachter – so auch der Präsident des unabhängigen Vereins Medienkritik Schweiz, Philip Kübler.

Peter Hartmeier präsentierte eine Studie der Zeitungsinhalte im Zeitraum 20. Februar bis 1. April 2014, begrenzt auf die deutschschweizerische Presse und bezogen auf die politischen Themen aus Bundesbern. Ein Podiumsgespräch mit den Blattmachern wichtiger Zeitungen schloss an die Präsentation der Beobachtungsergebnisse an. Hartmeiers Medienbeobachtung basierte auf einen Auftrag der MedienVielfalt Holding AG. Er hatte neun Deutschschweizer Zeitungen – Tageszeitungen und Wochenzeitungen inklusive Sonntagspresse – über etwas mehr als einen Monat beobachtet und ausgewertet.

Zuerst in Form einiger Statistiken. So stand in der Themenhitparade die Krise in der Ukraine zuoberst, es folgten Masseneinwanderungs-Initiative („MEI“) und „Carlos/Jugendstrafrecht“. Dann die Verteilung der Kommentarthemen: MEI hoch im Kurs beim Tages-Anzeiger und in der Basler Zeitung, „Carlos“ hoch im Tages-Anzeiger und in der NZZ. Regionale Themen standen in den Kommentaren überall zuoberst mit Ausnahme der Basler Zeitung.

Dann als qualitative Kurzbeurteilung der Bundeshaus-Redaktionen, die über den Beobachtungszeitraum hinausgreift und ungenannte Berner Quellen von Hartmeier durchscheinen lässt:

  • Die NZZ habe news-mässig stark zugelegt, seit der neue Bundeshaus-Chef im Amt ist; das einzige Medium mit umfassendem Themenspektrum.
  • Der Tages-Anzeiger habe etwas an politischer Bedeutung verloren; ein Glanzstück die Berichterstattung über die IT-Probleme beim SECO.
  • Die Berner Zeitung sei punktuell stark mit Recherchen und habe sich durch eine Mitte-Rechts-Positionierung vom „Bund“ abgehoben; werde mehr zur Kenntnis genommen.
  • Die Basler Zeitung brilliere mit thematischen Überraschungen, sei politisch klar rechtspositioniert, führe Kampagnen und suche mit Interviewpartnern aus der rechten Ecke auszubrechen.
  • Das St. Galler Tagblatt sei zurückhaltend in Stil und Themenwahl, es werde in Bern ausschliesslich von Ostschweizer Politikern wahrgenommen.
  • Der Blick habe dank dem neuen Chefredaktor die Schweizer Politik wieder entdeckt und sei während der Session wieder präsenter.
  • Die NZZ am Sonntag beeindrucke nach wie vor sprachlich; der in früheren Jahren auffallende Rausch der Primeurs sei verflogen.
  • Die SonntagsZeitung biete kaum überraschende Themen – in Bern antizipiere man diese jeweils bereits am Freitagabend; späte aber heftige Liebe zu Christoph Blocher.
  • Die Schweiz am Sonntag setze überraschende Schwerpunkte, die Schweiz-Redaktion sei wach und politisch unberechenbar.
  • Der Sonntags-Blick werde noch immer von Frank A. Meyer überstrahlt, er sei der erste Berner Kommentator in der Geschichte der Eidgenossenschaft mit Sitz in Berlin.

Interessant aus Sicht von Peter Hartmeier: An der Diskussion, wie die neue Verfassungsbestimmung zur Masseneinwanderung umzusetzen ist, beteiligen sich bislang nur wenige Medien. Die Journalisten trügen seit der Volksabstimmung im Februar kaum Ideen bei, sondern überliessen das Feld den Politikern.

Ob und wie die Eigentümer der Medientitel die Berichterstattung und Kommentierung in den Zeitungen beeinflussen, war Gegenstand des anschliessenden Podiumsgesprächs. Die Teilnehmer waren Dominique Eigenmann vom Tages-Anzeiger, Philipp Landmark vom St. Galler Tagblatt, René Lüchinger vom Blick und Felix E. Müller von der NZZ am Sonntag.

Die schwierige Beziehung der Redaktionen zur Masseneinwanderungs-Initiative wurde diskutiert und die generelle Frage, ob originelle Meinungen heutzutage mehr gefördert würden als solche, die dem Profil des jeweiligen Mediums entsprechen.

Keiner der drei Blattmacher wollte von einer planmässigen politischen Einflussnahme der Eigentümer oder Verleger (oder von Frank A. Meyer) sprechen, einzig in der NZZ-Gruppe gilt das Redaktionsstatut mit der verbindlichen Ausrichtung eines „Alfred-Escher-Liberalismus“ (Felix E. Müller).

Wirkt sich die Political Correctness aus? Nein, sagten alle Chefredaktoren, es gebe im rechtlich zulässigen Rahmen keine Tabus, höchstens die Tugend des Anstands. Diese sei laut René Lüchinger auch etwa im Shitstorm zu „Carlos“ gewahrt worden, den der Blick im vergangenen Herbst – vor Lüchingers Amtszeit – losgetreten hatte.

Die Diskussion war offen und interessant, Peter Hartmeier moderierte gut. Seine Studie kommt zu prägnanten Schlüssen, und der Autor räumte freimütig methodische Limiten ein – er ist kein Wissenschafter.

Die offenbar fast grenzenlose Meinungsfreiheit der gut gelaunten Chefredaktoren hinterlässt ein paar Fragen:

  • Wenn die Zeitungen (Ausnahme: NZZ-Gruppe) niemandem politisch verantwortlich sein wollen, woher nehmen die Redaktoren dann ihren politischen Massstab? Öffnen Sie sich so nicht allerlei Stimmungen, Einflüsterungen, Lobbyisten und Inserenten?
  • Ist der gebräuchliche Kompass heute nicht doch oftmals die Vertretbarkeit und Popularität einer Meinung, dringt so also nicht doch viel an politischer Korrektheit und an „Mainstream“ in die Kommentarspalten?
  • Wenn die Forumszeitungen und mit ihnen die Meinungsvielfalt (aber auch die Beliebigkeit) an Boden gewinnen, was spricht dann gegen klare Spielregeln der verlegerischen Meinungsäusserung und Einflussnahme – mit Transparenz gegenüber Publikum und Öffentlichkeit?
  • Eine Vielzahl von Meinungen ist besser als ein Meinungsoligopol, doch können solche Meinungssträusse clownesk werden, wenn es an politischen und journalistischen Tugenden fehlen würde: Tatsachenfundament und vorsichtiger Umgang mit Quellen, zuverlässige Methoden zur Erstellung von Entscheidungsgrundlagen mit umsichtigem Betrachten der politischen Alternativen (was ist überhaupt zu entscheiden?), Balance von Inhalt und Sprache (statt blosses „simplify, then exaggerate“). Wie steht es damit?
  • Social Media und der Medienwandel wurden am Rand erwähnt (Fernsehen und Radio gar nicht); doch das Internet scheint heute stark auf die politische Zeitungsarbeit einzuwirken: Lässt sich diese überhaupt noch ohne Berücksichtigung des Internets beschreiben?
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Über Philip Kübler

Philip Kübler ist Präsident des Vereins Medienkritik. Er ist Rechtsanwalt, unterrichtet Medienrecht an der Universität Zürich, war langjähriges Mitglied des Schweizer Presserates und ist Mitglied der Eidgenössichen Medienkommission, die den Bundesrat in medienpolitischen Fragen berät. Philip Kübler war für die Unternehmenstransaktionen von Swisscom verantwortlich (Head of Mergers & Acquisitions) und zuvor langjähriger Chefjurist dieses Unternehmens. Seit August 2014 ist er der neue Direktor der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

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