Zahmes Radiogespräch der Medienprofis Stadler und Lüthi

von Philip Kübler

Lag es an den Themen? Oder traut man sich als Medienbeobachter in der kleinen Schweiz kaum, grössere Zusammenhänge zu zeigen und Fragen aufzuwerfen – oder gar Rat zu erteilen? Die SRF-Radiosendung „Medientalk“ von gestern Samstagmorgen verlief eher plätschernd und brachte wenig Neues. 

Das SBB-WLAN, die Gripen-Programmbeschwerden und die vom Journalisten Daniel Ryser transparent gemachte Sorge um den Arbeitsplatz und den Stellenabbau in der Redaktion des „Magazins“ – keines dieser drei Themen veranlasste die beiden Medienjournalisten Rainer Stadler und Nick Lüthi zu einer stärkeren Regung als dem Hinweis, man dürfe die jeweilige Geschichte nicht überbewerten. Das stimmt sicher dreimal. Und doch hätte das medieninteressierte Publikum mehr Zusatzinformationen, Zusammenhänge und Zwischentöne verdient.

Die beiden Medienjournalisten sind renommierte Autoren und Kenner der Medienlandschaft. Rainer Stadler unterhält die Medienseite der NZZ und den Medienblog „in medias ras“. Nick Lüthi ist Redaktionsleiter und Schlüsselautor des Online-Magazins Medienwoche.

Angehörigen der Medienbranche sind die drei kürzlichen News hinlänglich bekannt, dem breiten Publikum vielleicht nicht:

  • Reisende werden in den WLAN-Netzen der SBB-Bahnhöfe künftig ein Werbefeld der Online-Ausgabe des „Blick am Abend“ auf ihren Bildschirmen erkennen. Ringier hat sich gegenüber dem Onlinemedium Watson und dem Tamedia-Produkt „20Minuten“ durchgesetzt.
  • Der Gripen-Beitrag der SRF-Rundschau von vorletzter Woche hat zahlreiche Beschwerden an die SRF-Ombudsstelle ausgelöst, namentlich solche aus rechtsbürgerlichen Kreisen, die sich der SRG-Kritik von Bundesrat Ueli Maurer anschliessen.
  • Der „Magazin“-Journalist und Buchautor Daniel Ryser hat in einem Interview mit dem Brancheninformationsdienst „Kleinreport“ seine Kündigung beim Wochenmagazin erklärt und sie in den Zusamenhang mit ständig drohenden Entlassungen von Journalisten gebracht.

Stadler und Lüthi schienen diesen Themen nicht allzuviel abzugewinnen. Da war sogar der SBB-Sprecher risikobewusster (Einspieler), der die Gefahr negativer SBB-Berichterstattung im eigenen WLAN-Netz erkannt hat und sich nicht dagegen wehrte, die Vereinbarung mit Ringier heikel zu nennen. Nick Lüthi erwähnte die Möglichkeit einer periodischen Neuvergabe des Browserfensters an ein wechselndes Medienunternehmen. Man hätte hier nach der Rolle staatlicher und staatsnaher Unternehmen immer dann fragen können, wenn sie in ihrer Geschäftstätigkeit redaktionelle Medienarbeit beeinflussen – eine Frage, der sich neben den SBB auch die Post und Swisscom stellen müssen.

Beim Gripen-Beitrag hoben Stadler und Lüthi hervor, dass sich die autoritäre Rüge eines Bundesratsmitglieds abkühlend und hemmend auf die Arbeit kritischer Journalisten auswirken könnte – im Fall Maurer sei dies programmiert und wohl Teil der Strategie des Regierungsmitglieds. Die wiederholt vorgetragene Medienschelte von Ueli Maurer wurde erwähnt, doch keinen Platz in der Sendung fanden seine Argumente und die Tatsache, dass er mit seiner pessimistischen Sicht zur Medienvielfalt in der Schweiz nicht alleine ist. Neu und irritierend in der Rundschau-Sendung war ausserdem, dass ein heftiger magistraler Vorwurf gleich im Interview nach dem redaktionellen Beitrag geäussert wurde – zu einem Zeitpunkt also, in dem die meinungsbildende Arbeit des Programmveranstalters noch lief. Die Kritik zielte ausserdem direkt auf die Person (des Moderators Sandro Brotz) und mündete in die nachdrückliche Forderung, es in Zukunft journalistisch besser zu machen. Das hat man vor laufender Kamera in der Schweiz noch nie gehört. Das ist nur nachvollziehbar, wenn man sich die politischen Lager in der Schweiz vor Augen führt.

Zur kritischen Situation der Zukunftsaussichten und Arbeitsbedingungen vieler Journalistinnen und Journalisten – ausgelöst durch die offenen Worte von Daniel Ryser im „Kleinreport“ – hätte man von den Medienprofis gerne Zahlen und Trends gehört. Und ein wenig Hörensagen aus Redaktionskreisen wäre bereichernd gewesen.

Das Medienpublikum würde von mehr Kontext profitieren: Stellung der Netzbetreiber, der SBB als Hausherrin und der Onlinemedien. Allgemeine Qualitätsdebatte in den Medien, die Rundschau als Format, Sonderstellung der SRG vor Wahlen und Abstimmungen. Der Journalismusberuf im schrumpfenden traditionellen Medien- und Medienwerbemarkt. Beim Auftritt könnten die beiden Medienjournalisten Rainer Stadler und Nick Lüthi überlegen, ob sie künftig auch im Radio etwas mehr von ihrer Leidenschaft und Weisheit zu demonstrieren bereit sind. Vielleicht dämpft die stets cool auftretende und solche Äusserungen mithörende Medienbranche diese Ambition? Im Medienumfeld darf man auch ans Publikum denken.

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Über Philip Kübler

Philip Kübler ist Präsident des Vereins Medienkritik. Er ist Rechtsanwalt, unterrichtet Medienrecht an der Universität Zürich, war langjähriges Mitglied des Schweizer Presserates und ist Mitglied der Eidgenössichen Medienkommission, die den Bundesrat in medienpolitischen Fragen berät. Philip Kübler war für die Unternehmenstransaktionen von Swisscom verantwortlich (Head of Mergers & Acquisitions) und zuvor langjähriger Chefjurist dieses Unternehmens. Seit August 2014 ist er der neue Direktor der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

Ein Gedanke zu „Zahmes Radiogespräch der Medienprofis Stadler und Lüthi

  1. Ronnie Grob

    Ich finde, die beiden haben das genau richtig eingeschätzt. Keines der drei Themen ist besonders diskussionswürdig, die Aufregung jener, die hier skandalisiert haben, gehört korrektermassen abgekühlt.

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