Medienvielfalt bedingt nicht unabhängige Journalisten

(red)

Immer wieder geht das Selbstverständnis der Journalisten von der Unabhängigkeit gegenüber dem eigenen Arbeitgeber aus, zuletzt z.B. im Zusammenhang mit der Basler Zeitung, in deren Führung die Chefredaktion und das Eigentum – und damit auch die Verlegertätigkeit – zusammengeführt wurden. Der Hintergrund ist ein beanspruchter „öffentlicher Auftrag“ der publizistischen Medien, wie er z.B. im Journalistenkodex zum Ausdruck kommt (und sich auch rechtlich einordnen lässt). Stefan Vannoni zieht im folgenden Beitrag das erwähnte journalistische Selbstverständnis in Zweifel.


von Stefan Vannoni

Haben Journalisten – wie das manchmal behauptet wird – tatsächlich zwei Dienstherren? Müssen sie, neben der Erfüllung der Aufgaben des privaten Arbeitgebers (des Verlags), auch einen öffentlichen Auftrag erfüllen und somit unabhängig sein? Die Antwort lautet klar nein. Machen wir die Journalisten nicht zu besseren Menschen, als sie sind. Wie andere Arbeitnehmer stehen auch Journalisten in erster Linie ihrem Arbeitgeber gegenüber in der Pflicht.

In der Ausgabe der Weltwoche vom 10. Juli 2014 unterscheidet Kurt Zimmermann Journalisten, die gegenüber ihrem Arbeitgeber unabhängig sind, von jenen, die ihm gegenüber unterwürfig sind. Zimmermann schreibt „Früher gab es das nicht. Journalisten waren keine opportunistischen Lakaien. Sie liessen sich von ihren Verlagsmanagern nicht ergeben für deren kommerzielle Zwecke verwenden.“ Und weiter: „Journalisten haben, anders als sonstige Angestellte, zwei Dienstherren. Zum einen dienen sie ihrem Arbeitgeber, von dem sie abhängig sind. Zum Zweiten dienen sie der Öffentlichkeit, die von ihnen Unabhängigkeit verlangt. Ist das tatsächlich so? Meines Erachtens nein.

Journalisten sind auch nicht bessere Menschen. Ich halte es für vermessen wenn wir von ihnen erwarten, dass sie – neben dem Erfüllen des Arbeitsauftrags – ebenfalls der Öffentlichkeit als kritische und unabhängige Berichterstatter dienen müssen und notfalls auch gegen die Interessen ihres Arbeitgebers handeln.

Klar scheint mir, dass die Tätigkeit eines Journalisten – wie vielleicht die Arbeit als Professor oder Priester – für viele Menschen eine Berufung darstellen kann. Auch ist es mehr als lobenswert, dass sich die Branche gewisse Standesregeln gibt. Und ich schliesse keinesfalls aus, dass Journalisten aufrichtig und kritisch sind bzw. sein können. Aber am Ende werden auch die Journalisten überlegen, wo sie welchen Gegenwert für ihren Arbeitseinsatz erhalten – und dies nicht nur in Geldeinheiten, sondern auch hinsichtlich Reputation, Gestaltungsfreiheit, Freizeitplanung und dergleichen. Vielleicht ist es deshalb für einige qualifizierte Arbeitskräfte interessant, von den klassischen Redaktionen in die Kommunikationsabteilungen von Unternehmen oder in PR-Unternehmen zu wechseln.

Ich halte die von Kurt Zimmermann formulierte Aussage, in alten Zeiten hätte für aufrichtige Journalisten das öffentliche Interesse Priorität gehabt und heute sähen sich die Journalisten lediglich als Firmenvertreter (so sie denn bezüglich alten Zeiten tatsächlich zutrifft) nicht für etwas Schlechtes oder zu Korrigierendes. Im Gegenteil. Ein Verlag entscheidet, wie er sich in der Medienlandschaft mit seinen Produkten positioniert. Wenn sich ein Verlag dem Qualitätsjournalismus verschreibt und unabhängiges Arbeiten verlangt, dann haben die Journalisten diesen Anforderungen zu genügen. Wenn nicht, dann nicht. Die Informationsvielfalt für die Bürger entsteht nicht zwingend innerhalb eines Blatts, sondern vor allem auch in der Vielfalt der Publikationsorgane. Diese können sich durch eine ausgewogene oder zugespitzte Berichterstattung, mittels Hintergrundberichterstattung fernab der Tagesaktualität oder auch auf anderem Wege in der Medienlandschaft differenzieren. Somit entsteht für die Bürger Medien- und Meinungsvielfalt. Für einen sogenannten öffentlichen Auftrag, wie er im Journalismus oft pauschal erwähnt wird, muss sich letztlich jeder Verlag selber entscheiden.

Man sollte also die Journalisten nicht zu besseren Menschen machen, als sie sein können. Von einer Kommunikationsabteilung eines Unternehmens erwartet man auch nicht per se, dass sie das Engagement eines neuen Kapitalgebers ausgesprochen neutral und ausgewogen kommuniziert. Dafür sind andere „Kommunikationsabteilungen“  zuständig – nämlich die Medien. Medien wiederum können nicht nur „klassische Unternehmen“ kritisch beleuchten, sie können auch ein konkurrierendes Medienhaus unter die Lupe nehmen und darüber schreiben. Dass das betroffene Medienhaus bzw. die dort tätigen Journalisten dies vornehmen müssen, scheint mir nun tatsächlich zu viel verlangt.


Stefan Vannoni ist Ökonom und stellvertretender Leiter allgemeine Wirtschaftspolitik & Bildung des Wirtschaftsverbandes economiesuisse. Er ist Vorstandsmitglied von Medienkritik Schweiz.

Ein Gedanke zu „Medienvielfalt bedingt nicht unabhängige Journalisten

  1. Matthias Giger

    Lieber Stefan
    So habe ich die Sache noch nicht gesehen. Das würde also heissen, dass sich im Vergleich zu früher eher die Einstellung vieler Verleger gegenüber dem veränder hat, was ihr journalistisches Produkt soll. Dies scheint mir auch die plausiblere Sichtweise. Sie entspricht jedenfalls mehr den Erfahrungen, die ich gemacht habe. Die Loblieder auf die Unabhängigkeit werden vor allem in der – auch erforderlichen – soliden journalistischen Grundausbildung angestimmt und immer, wenn es um das Selbstverständnis geht oder es gilt, sich selbst oder anderen auf die Schulter zu klopfen (z.B. in Form von Preisen für ausserordentliche journalistische Leistungen). Ausserordentlich sagt es ja schon: im Berufsalltag ist es das wichtigste, die Zeitung zu füllen. Dass früher mehr Gewicht auf der Unabhängigkeit lag, ist gut möglich. Berufsrollenverständnisse befinden sich jedoch nicht in einem Vakuum, sondern in dynamischen Systemen.

    Doch ich muss eine Lanze für den Journalismus brechen. Es ist noch heute so, dass journalistische Unabhängigkeit ein wichtiges Gut ist: immer dann wenn versucht wird, die kritische Berichterstattung über einen guten Inseratekunden zu verhindern. Zum Glück handeln noch heute viele Journalistinnen und Journalisten in solchen Fällen gegen die Interessen der Insterateabteilung. Kluge Verleger stärken ihnen den Rücken, denn sie wissen, dass die Glaubwürdigkeit andernfalls aufs Spiel gesetzt wird.

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