Demokratie ohne Medien

von Andreas Jäggi

Unter dem provokativen Titel «Wie funktioniert Demokratie ohne klassische Medien» fand am 5. Dezember im Lilienberg Unternehmerforum die Tagung des Vereins Medienkritik Schweiz statt. Keiner der Vortragenden konnte sich zwar für das Jahr 2030 eine Schweiz ohne journalistische Medien vorstellen, aber die Veranstaltung beleuchtete doch einige Argumente, welche die Gleichung Medien = Demokratie in Frage stellten.

Unter Journalisten, in der Medienwissenschaft und auch in der allgemeinen Öffentlichkeit gilt es fast als Glaubenssatz: Die Medien sind die Basis unserer Demokratie. Nur sie sind in der Lage, den Diskurs der verschiedenen Teilöffentlichkeiten wie etwa der Politik, der Wissenschaft, der Kirche und der Wirtschaft  in der Arena der elektronischen und gedruckten Medien zusammenzuführen und damit den Lesern ein breites Meinungsspektrum zu präsentieren, es zu sortieren und zu bewerten, damit sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ihre eigene Meinung bilden können.

Klassische Medien auf dem Rückzug

Hans-Peter Rohner, ehemaliger Verwaltungsratspräsident der Publigroupe machte den Medienwandel der vergangenen 40 Jahre in seinem Eingangsreferat deutlich. Nach Zeitungssterben, Konzentration der Medienhäuser, Abwanderung des Werbefrankens ins Internet sind wir nun in der Phase der zunehmenden mobilen Mediennutzung.

Zwar sieht auch Rohner noch in 15 Jahren kein vollständiges Verschwinden von Zeitung und klassischem Fernsehen, doch würde sich die jetzige Entwicklung weg von den klassischen Medien ungebremst fortsetzen. «Wir leben heute in einer Mediengesellschaft, die rund um die Uhr funktioniert. Offene Kommunikationsplattformen lösen autoritäre Medien ab, die Fragmentierung der Gesellschaft akzentuiert sich und das Bewegtbild – nicht in der Form gewohnter TV-Programme – hat jetzt schon klare Leadfunktion.»

Denkt man diese Entwicklung weiter, so ist eine demokratische Gesellschaft durchaus mit nur noch wenigen, ja vielleicht sogar keinen journalistisch und redaktionell organisierten Medien denkbar. Dieses Gedankenexperiment führte Philip Kübler, Präsident des Vereins Medienkritik Schweiz, in seinem Vortrag aus. Er kommt zum Schluss, dass der Prozess der Meinungsbildung durchaus von Organisationen wie Schulen, Vereinen, Parteien, NGO und sozialen Medien übernommen werden kann. Das so vermeintlich Undenkbare sei also durchaus vorstellbar, ja vielleicht in einigen Jahrzehnten Realität.

Wer kann es besser als die Medien?

Doch, so muss die logische Anschlussfrage lauten: Ist dieser neue Meinungsbildungsprozess ohne Medien besser als das jetzige System? Und hier ist doch mehr als ein Fragezeichen angezeigt. Das erste muss hinter der Überlegung stehen, wer denn die Qualität der nötigen Hintergrundinformationen sicherstellt. Findet nur noch das Laute, Modische oder Unterhaltende sein Publikum und bleibt das vermeintlich langweilige Sachgeschäft und die grundsätzlichen Überlegungen zu unserer wirtschaftlichen und demokratischen Zukunft auf der Strecke? Und wer tritt der immer stärker werdenden Organisationskommunikation von Staat und grossen Unternehmen entgegen, welche ihre PR-Abteilungen laufend ausbauen und professionalisieren? Und schliesslich: Wo findet in Zeiten einer möglichen Existenz-Krise noch überlegtes, unparteiisches und sachkundiges Argumentieren statt?

Als dritte Referentin befasste sich Dr. Michelle Beyeler, Privatdozentin an der Universität Zürich, mit den Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung über die neuen sozialen Medien. Diese böten tatsächlich neue Chancen der Einflussnahme von unten. Es sei jedoch zu beobachten, dass über diese Medien überdurchschnittlich häufig politische Aussenseiter zu Wort kommen und vor allem Formen des politischen Protests gefördert werden. Zudem verstärkten diese Medien die zentrifugalen Kräfte der Gesellschaft, in dem sie Gleichgesinnte sammelten und ein echter pluralistischer Meinungsaustausch weder gefragt noch gefördert werde. Nach wie vor seien die konventionellen Medien besonders auch für Politiker berechen- und beeinflussbarer. Die hergebrachte gegenseitige Abhängigkeit von Politik und Medien funktioniere in der Schweiz nach wie vor und werde so schnell auch nicht durch die neuen Formen verdrängt.

Medien als Versicherung unserer Demokratie

Als Fazit der Tagung kann festgehalten werden: Die schweizerische Demokratie braucht Foren, in denen unterschiedlichste Meinungen aufeinanderprallen und diskutiert werden, die Orientierung bieten und allen leicht zugänglich sind. Solche neuen Foren entstehend jedoch zunehmend ausserhalb der traditionellen Medienlandschaft. Doch angesichts der Herausforderungen, ja auch der Gefahren der neuen Medienwelt sind wir gut beraten, einem unabhängigen schweizerischen Mediensystem Sorge zu tragen. Es wird in 15 Jahren sicherlich anders aussehen als heute, doch wenn es den Medien gelingt, ihre Funktion für unsere Demokratie durch Qualität unter Beweis zu stellen, werden wir auch 2030 noch auf Produkte journalistischer Arbeit zählen können. Dies auch im Sinne einer Versicherung für unsere Demokratie, wie es Philip Kübler prägnant formuliert hat.

Ein Gedanke zu „Demokratie ohne Medien

  1. Matthias Giger

    Die zentralen Merkmale eines wie auch immer gearteten Mediensystems sind Unabhängigkeit, Informationskompetenz auf Sender- wie Rezipientenseite, Quellentransparenz und Offenheit (dem Diskurs sowie neuen Sichtweisen gegenüber), wenn es gilt, zum Funktionieren der Demokratie beizutragen.

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