Was heisst Medienqualität? Kriterien, Sichtweisen und mögliche Antworten

von Matthias Künzler

Eintracht herrscht bei Medienkonsumenten, Politiker und Medienschaffenden im Wunsch nach qualitativ hochstehenden Medien. Zwietracht beginnt oft bei der Beurteilung der Qualität konkreter Medieninhalte.

Offenbar verbergen sich hinter dem Wunsch nach Medienqualität höchst unterschiedliche Beurteilungskriterien. Nur: Welche sind dies?

Germanwings-Absturz: Debatte um Qualität im Informationsjournalismus

Beginnen wir die Spurensuche nach Qualitätskriterien beim Informationsjournalismus. Die Berichterstattung um den tragischen, vermutlich vorsätzlich herbeigeführten Flugzeugabsturz der Germanwingsmaschine auf ihrem Flug von Barcelona nach Düsseldorf hat unter Journalisten, Medienkonsumenten und Medienkritikern eine kontroverse Diskussion um die Qualität des Nachrichtenjournalismus ausgelöst. Insbesondere die „Live-Ticker“ auf den Onlinemedien und die Namensnennung des für den Absturz verantwortlichen Co-Piloten wurden von Journalisten und Medienkonsumenten in den Leserforen kontrovers diskutiert (zur Kritik dieser Medienkritik der Kommentar von Stan Niggemeier).

Zu den Kritikern der „Live-Berichterstattung“ gehörten Zeit-Redaktorin Alice Bota und NZZ-Medienkritiker Rainer Stadler. Sie plädierten für einen bewussten Verzicht auf Tempo und Aktualität bzw. gegen die Namensnennung und Publikation des Fotos des Piloten. Dem widersprach Watson- und früherer 20-Minuten-Online Chefredaktor Hansi Voigt: Er verteidigte die Live-Berichterstattung, welche in seinem Medium zwischen geprüften und noch ungesicherte Fakten transparent unterschieden habe, um dadurch dem Bedürfnis nach Aktualität und redaktioneller Verarbeitung von Informationen gerecht zu werden. Die Namensnennung sei auf der Redaktion diskutiert worden.

Diese Debatte zeigt, dass auch Medienschaffende verschiede Qualitätskriterien unterschiedlich gewichten: Auf der einen Seite der Verzicht auf Tempo und Aktualität zugunsten einer Orientierung an höchsten medienethischen Standards. Auf der anderen Seite die Orientierung an Aktualität/Tempo, Offenlegung des Arbeitsprozesses durch Kennzeichnung geprüfter und ungeprüfter Informationen sowie Abwägen medienethischer Grenzen bei der Namensnennung.

Verständlichkeit, grafische Darstellung und Wertschätzung als Qualitätskriterien von Medienkonsumenten und Medienmanagern

Für einen Teil der Medienkonsumenten sind wiederum andere Qualitätskriterien von Bedeutung. Jugendliche Schülerinnen und Schüler aus der Ostschweiz betonten im Rahmen einer Gruppendiskussion im aktuellen, von der HTW Chur durchgeführten Forschungsprojekt „scoop-it 2.0“, dass für sie Verständlichkeit der Texte, schnelle Konsumierbarkeit, Übersichtlichkeit durch grafische Elemente sowie Multimedialität wichtige Qualitätskriterien sind.

Die Wertschätzung der Medien durch die Konsumenten, ausgedrückt durch den Quotenerfolg, ist für die meisten Medienmanager wohl das zentrale Kriterium bei ihrer Beurteilung der Medien. So kritisierte Ralph Büchi (heute „President International Ringier Axel Springer Media“) vor ein paar Jahren die Vergabe von Konzessionen für Privatradios durch den Bundesrat mit dem Argument, dass „der Erfolg eines Senders bei dessen Hörern keine Rolle“ gespielt habe.

Beitrag zur demokratiegerechten Öffentlichkeit als Qualitätskriterium des Mediensoziologen

Einer solchen Qualitätsbeurteilung hätten der kürzlich verstorbene Mediensoziologe Kurt Imhof und seine Mitarbeiter des foeg wohl widersprochen. Bei ihrer Messung der Medieninhalte im Rahmen ihres Jahrbuchs „Medienqualität Schweiz“ nehmen sie die Leistungen der Medien für den demokratischen Prozess zum Massstab. Thematische und regionale Vielfalt; Berichterstattung über Politik, Wirtschaft und Kultur ohne Personalisierung; Aktualität, die in einen längerfristigen Ursache-/Wirkungszusammenhang gestellt wird und eine sachliche statt moralisch-empörende Argumentation liegen ihrer Qualitätsbeurteilung zu Grunde.

Fazit: Vier Thesen zur Medienqualität

Die Beispiele verdeutlichen, dass Journalisten, Medienkonsumenten, Medienmanagern und Mediensoziologen unterschiedliche Vorstellungen zur Beurteilung von Medienqualität besitzen. Weitere solche Qualitätskriterien haben Andreas Jäggi und ich in beiliegendem Koordinatensystem zu verordnen versucht.

Koordinatensystem der Medienkritik

Koordinatensystem der Medienkritik | Darstellung: Matthias Künzler; Andreas Jäggi, Medienkritik Schweiz

Der Grund für diesen Bezug auf unterschiedliche Qualitätskriterien liegt meines Erachtens darin, dass

1.) Qualitätskriterien aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Werten abgeleitet werden. Diese Werte beziehen sich letztlich auf die Erfüllung von Leistungen für einen bestimmten Gesellschaftsbereich. Wird bspw. der Markt zum dominierenden Wert der Qualitätsbeurteilung erhoben, sind Reichweite, Profit oder Sicherung des Informationsbürfnisses für souveräne Konsumenten zentrale Qualitätskriterien. Steht hingegen die Leistung der Medien für die Demokratie im Zentrum, sind u.a. ein hoher Politikanteil, Forums-, Vermittlungs- und Wachhundfunktionen wichtige Kriterien.

2.) Medienkritiker leiten ihre Qualitätskriterien ebenfalls aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Wertvorstellungen ab. Mir scheint es, dass dieser „blinde Fleck“ der Medienkritik oft nicht offen gelegt wird. In dieser Sicht vorbildlich ist das bereits erwähnte foeg-Jahrbuch „Medienqualität Schweiz“, in dem die normativen Grundlagen der Medienkritik offen gelegt werden. In beiliegender Tabelle haben wir mögliche Bezugspunkte und dominante Werte von Medienkritik zusammengestellt.

Bezungspunkte der Medienkritik | Tabelle: Matthias Künzler; Andreas Jäggi, Medienkritik Schweiz

Bezungspunkte der Medienkritik | Tabelle: Matthias Künzler; Andreas Jäggi, Medienkritik Schweiz

3.) Kaum ein Medium kann alle Qualitätskriterien erfüllen, denn kein Medium kann sich gleichermassen an verschiedenen gesellschaftlichen Wertvorstellungen orientieren. Medien mit ausgeprägter Orientierung an den demokratischen Funktionen erzielen oft nicht die höchsten Reichweiten und umgekehrt.

4.) Solange in einem Mediensystem eine Vielfalt an unterschiedlichen Medientypen (z. B. überregionale Qualitätszeitung, öffentlicher Rundfunk, private Onlineportale) existieren, orientieren sich die Medien in ihrer Gesamtheit an einer Fülle an gesellschaftlichen Werten und erfüllen gemeinsam eine Vielzahl unterschiedlicher Qualitätskriterien. Sie erbringen damit als System Leistungen für verschiedene Gesellschaftsbereiche. Medienkonsumenten und Medienpolitik sollten deshalb vermehrt die Erhaltung einer Vielfalt an Medientypen einfordern.


Matthias Künzler (Prof. Dr.) ist Forschungsleiter am IMP – Institut für Multimedia Production an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich mit Medienkonvergenz, der Schweizerischen Medienlandschaft im internationalen Vergleich und Medienorganisationen. Er ist u.a. Autor des Sach- und Lehrbuchs „Mediensystem Schweiz“.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

2 Gedanken zu „Was heisst Medienqualität? Kriterien, Sichtweisen und mögliche Antworten

  1. Matthias Künzler

    Auf Twitter/Facebook kritisiert @VinzenzWyss , dass ich „den sinnvollsten systemtheoretischen Beitrag zum Thema“ „unterschlagen“ hätte: Zufälligerweise stammt dieser „sinnvollste“ Beitrag von ihm.

    Selbstverständlich zitiere ich Dich Vinzenz stets gerne. Mir in diesem Fall „Unterschlagung“ vorzuwerfen, geht aber etwas weit:

    1.) Mein Beitrag versteht sich als Diskussionsbeitrag für ein breiteres Publikum. Er stellt die zusammenfassende Verschriftlichung eines Referats dar, das ich in der Reihe „Unternehmerisches Gespräch“ am Unternehmerforum Lilienberg anfangs April gehalten habe.

    Dabei leiste ich zwar einen Beitrag zum Wissenschaftstransfer (was Dir ja stets ein Anliegen ist), schreibe aber keinen wissenschaftlichen Aufsatz. Deshalb vermeidete ich systemtheoretischen und anderen Jargon bis auf Ausnahmen tunlichst und verzichtete auf die Aufarbeitung des Forschungsstand. Ansonsten müsste ich eine Vielzahl weiterer wichtiger Texte von einer ganzen Reihe geschätzter Kollegen zitieren (u.a. Stephan Russ-Mohl, Roger Blum, Kurt Imhof / Marc Eisenegger et al., Klaus-Dieter Altmeppen, Marlies Prinzing, Ralf Hohlfeld, Hans Heinz Fabris,). Dies würde den gegebenen Rahmen sprengen. (Alle anderen, die ich nun namentlich nicht erwähnt habe, mögen mir verzeihen oder dürfen mich hier im Forum oder auf Twitter bashen @matkuenz).

    2.) Inhaltlich unterscheiden sich unsere Perspektiven aufs Thema. Ich beschäftige mich mit den Medienkritikern und versuche anhand (hoffentlich) anschaulicher Beispiele aufzuzeigen, dass Qualitätsmessungen und Medienkritik immer auf bestimmten, teilweise im Zielkonflikt stehenden gesellschaftlichen Werten basieren.

    Der Fokus Deines Artikels liegt hingegen viel stärker beim Journalismus und den Medien selbst: Du leitest aus der gesellschaftlichen Funktion des Journalismus Qualitätskriterien ab. Du stellst die These auf, dass Journalismus durch Narration Leistungen für unterschiedliche Gesellschaftssysteme erbringen und damit den Zielkonflikt bis zu einem gewissen Grad auflösen kann.

    Dieser innovative Gedanke ist es absolut wert, weiter zu diskutieren – dies wäre aber das Thema für einen anderen Blogbeitrag.

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  2. Vinzenz Wyss

    Es geht mir natürlich nicht um „meinen“ bestimmten Artikel. Vielmehr eben um die m.E. doch noch immer vielversprechende gesellschaftstheoretische Perspektive, die ja viele Kollegen bereits vor meinem Beitrag eingeführt haben (z.B. Hans-Jürgen Bucher oder Klaus Arnold). Meinen Artikel habe ich einfach als Hinweis auf die Perspektive verstanden haben wollen. Interessant finde ich übrigens noch immer Arnold, die drei groben Perspektiven (systemtheoretisch funktional; demokratierheoretisch und auf das Publikum bezogene Ansätze) unterscheidet und zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt. Aber ganz sicher finde ich Deine Systematisierung interessant und auch hilfreich.

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