Konstruktiver Journalismus – eine Initiative mit Potenzial

von Rena Zulauf

„NEWS: NOBODY LIKES YOU.“ So bringt der Glasgower Künstler David Shrigley das Mediengeschäft in einer überspitzen, künstlerischen Weise auf den Punkt. Er spricht damit die Kontroll- und Kritikfunktion der Medien an (das Tun und Lassen von Funktionsträgern und anderen soll überprüft werden), er bringt aber auch trefflich den Empörungsjournalismus und – für mich als Medienrechtlerin insbesondere mit dem „You“ – den Persönlichkeitsschutz auf den Punkt.

Bild des Glasgower Künstlers David Shrigley

Quelle: David Shrigley 2006

Empörungsjournalismus folgt einem ökonomischen Prinzip. In Zeiten, in denen die Medien aufgrund der Digitalisierung und neuer Anbieter auf dem Markt unter Druck geraten, ist der Empörungsjournalismus aus ökonomischer Perspektive die logische Konsequenz. Allerdings schadet er langfristig sich selbst. Constantin Seibt schreibt in einem Artikel für den Tages-Anzeiger: „So ökonomisch diese Sorte Story ist, so tödlich ist sie auf lange Sicht. Erstens, weil sich Zeitungen ein Publikum der Verlierer heranzüchten. Denn verbitterte Leute sind immer Verlierer. Und sie sind immer illoyal: Sie werden sich bei der ersten Gelegenheit mit gleich grosser Wut auf den Lieferanten des Empörungsstoffs stürzen wie auf den Stoff selbst. Zweitens, weil die Medien sich irrelevant machen“ (Constantin Seibt, Die Produktion von Angst, TA vom 27.5.2015). Wenn die Relevanz in der Berichterstattung fehlt, so schadet das indessen nicht nur den Medien, sondern auch der öffentlichen Meinungsdebatte.

Konstruktiv, aber nicht unkritisch

Im Oktober 2014 veröffentlichte Ulrik Haagerup das Buch „Constructive News: Why negativity destroys the media and democracy – And how to improve journalism of tomorrow“ (deutsche Übersetzung im Oberauer Medienfachverlag erhältlich). Ulrik Haagerup ist ein bekannter dänischer Investigativjournalist, heute Nachrichtenchef des öffentlich-rechtlichen dänischen Rundfunks, von 1994 – 2007 u.A. Chefredaktor von Jyllands-Posten, der Zeitung, die im Jahr 2005 internationale Bekanntheit erlangte, nachdem sie mit der Veröffentlichung von 12 Karikaturen des Propheten Mohammed den bis heute anhaltenden „Karikaturen-Streit“ auslöste. Die Befunde von Ulrik Haagerup sind beachtlich: Der Journalismus müsse positiver und lösungsorientierter werden, um weiterhin das Publikum zu gewinnen. Konstruktiver Journalismus soll indessen, so Haagerup, keineswegs unkritisch sein, soll also „Skandal!“ wo angebracht ausrufen, im Vergleich zum herkömmlichen Journalismus aber einen Schritt weiter gehen und nach Lösungen suchen. „Constructive News“ sollen vermitteln, Brücken schlagen und Medienschaffende sowie Mediennutzer inspirieren. Haagerup verlangt von Journalistinnen und Journalisten mithin das, was diese von den Protagonisten ihrer Berichterstattung fordern: Nämlich Verantwortung zu übernehmen, Perspektiven aufzuzeigen, zu vermitteln und somit letztlich im Rahmen der Möglichkeiten selbst zu handeln.

Konstruktiver Journalismus setzt demnach beim Urelement des Journalismus an, bei der Recherche. Journalistische Recherche hat gemeinhin unvoreingenommen und ergebnisoffen zu erfolgen. Der Schweizerische Presserat benutzt und konkretisiert den Begriff in seinen Richtlinien ganze neun Mal. Erstaunlicherweise setzt er den Begriff aber ausschliesslich in Zusammenhang mit der Problemorientierung (Unabhängigkeit bei der Recherche, Transparenz beim Recherchegespräch, Archivrecherchen haben besonders kritisch zu erfolgen etc.), nicht aber mit der Lösungsorientierung. Das Selbstverständnis des Journalismus scheint sich darauf zu beschränken, vornehmlich Zuschauer und Kritiker zu sein. Dabei liegt es eigentlich auf der Hand: Wer am Recherchieren ist, erkennt womöglich dank der Vertiefung in ein Thema und dank dem Kontakt und dem Austausch mit mehreren Protagonisten unterschiedlicher Meinungen neue Auswege aus einem Meinungsstreit. Er hat die Möglichkeit, sich konstruktiv in die Debatte einzubringen.

Vom „Marketplace of Information“ zurück zum „Marketplace of Ideas“

Bild von Rena Zulauf in Anlehnung an David Shrigley

Quelle: Rena Zulauf 2015

Ulrik Haagerups These hat etwas Attraktives. Sie bringt dem Journalismus eine neue Dimension, die mit
Blick auf die vorstehend angesprochenen Umwälzungen im Medienbereich m.E. genauer geprüft werden sollten. Es ist dem konstruktiven Journalismus unbenommen, in der stilistischen Aufbereitung gleich wie der traditionelle Journalismus kritisch, emotional und optisch auffallend aufzutreten. Er geht aber einen Schritt weiter und verwirklicht das öffentliche Interesse, welches nicht nur an der blossen Informationsvermittlung, sondern mehr noch an Lösungsvorschlägen besteht. Ein entsprechendes eigenständiges Angebot wäre m.E. sehr zu begrüssen, weil es neues Potenzial für Medienschaffende, neue Perspektiven für Konsumentinnen und Konsumenten sowie ein reizvolles Umfeld für die Werbewirtschaft bringen würde. Ein derartiges neues Produkt würde sich zudem von bisherigen Medienerzeugnissen abgrenzen, damit dem wichtigen, von Dietrich Pestalozzi angesprochenen Konkurrenzgedanke folgen und sich schliesslich ganz an einem der Grundpfeiler der Medien orientieren, nämlich am „Marketplace of Ideas“.

 


Foto Dr. Rena Zulauf

Dr. Rena Zulauf, Rechtsanwältin, LL.M.

Rena Zulauf studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich sowie an der Fordham University in New York, NY (USA). Sie führt in Zürich eine Anwaltskanzlei mit Schwerpunkt Medienrecht. Rena Zulauf ist zudem Lehrbeauftragte für Medienrecht an verschiedenen Hochschulen und Fachhochschulen, Managing Partner von CopyrightControl sowie Autorin von Publikationen im Bereich des Medien- und Kommunikationsrechts.

2 Gedanken zu „Konstruktiver Journalismus – eine Initiative mit Potenzial

  1. Klaus Lanske

    Ein 10-Punkte Kriterienkatalog für solche “positiveren” Nachrichten findet sich auch im Büchlein “Medienverantwortung durch Nachrichtenauswahl” von Peter F. Jedlicka.

    Klaus Lanske

    Antworten
  2. Peter Eberhard

    Es braucht weder „positiven“ noch „negativen“ Journalismus, sondern schlicht und einfach eine faktentreue Darstellung (schon klar, ist nicht immer einfach), und die Meinung des Journalisten gehört in den Kommentar (ja gerne konstruktiv).

    Antworten

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