Ich brauche keine Tageszeitung mehr, um mein Weltbild zu bestätigen

von Silvio Blatter

Früher habe ich die Zeitung gelesen, heute konsumiere ich Medien. Mein Nutzungsverhalten hat sich schleichend verändert. Wobei ich mich früher nie als User und Konsument sah, sondern als Abonnent. Meine Zeitung sah ich nicht als ein kommerzielles Produkt, sondern als Kulturgut. Im Morgengrauen hörte ich manchmal den Zeitungsausträger, das Klappern des Briefkastens. Es war vergleichbar dem Zeitzeichen von Radio Beromünster, nach dem die Schweizer ihre Uhren richteten.

Selbstverständlich ging ich beim Zeitungslesen davon aus, dass ich kompetent informiert werde, und stellte die Haltung und Meinung meiner Zeitung nicht in Frage. Meine Zeitung war überparteilich und nicht tendenziös, sie war seriös und verantwortungsbewusst. Sie wählte aus, ordnete ein, gewichtete, gestaltete. Sie schuf Kontext und war eine Währung, der ich Vertrauen schenkte.

Fast-News und der Hunger danach
Dass Zeitungslesen Spaß machen sollte: Auf diesen Gedanken wäre ich nie gekommen. Es ging mir damals nicht um Unterhaltung und Spaß, sondern um Information.
Wenn ich mit der Tram fahre, lese ich 20Minuten. Ich finde die Zeitung unterhaltsam und informativ im von der Redaktion gesteckten Rahmen: 20 Minuten. Das Blatt hält, was es verspricht. Das gilt auch für McDonalds. Und so wie ich nach dem Fastfood immer Hunger habe, werde ich von den Berichten in 20Minuten nicht satt.

Vom bewussten Zeitungsleser…
Ich las vierzig Jahre meine Zeitung (den Tages-Anzeiger, für den ich gern auch schrieb), Bund nach Bund, ich war im Bild. Ich wusste, welcher Filmkritiker meinen Geschmack teilt, welcher Kolumnist mich nervt, welcher Inlandredakteur mich ärgert und wer den Durchblick hat (genauso wie ich). Ich schätzte die Auslands-Korrespondenten, erkannte die Redakteure an ihrer Schreibe, und ich las den Chefredakteur, seine Editorials. Gefiel mir etwas gar nicht, brachte ich das zum Ausdruck.

Das war schon in der Phase 2, da war ich über dreißig. Und ich gebe zu: Die Journalisten, die meine eigene Meinung bestätigten, waren in meinen Augen die besten. Ihnen schrieb ich ein hohes Einschätzungsvermögen zu und die Gabe der scharfsinnige Analyse, sie waren Meister der Recherche, die Fakten stimmten, ihre Urteile waren schlüssig, und sie konnten schreiben.

In Phase 1, von sechzehn bis dreißig, half mir der TA (der schon die Zeitung meiner Eltern war), eine Meinung zu bilden, mich in der Welt zurechtzufinden. Zumindest in den TA-Ressorts Politik, Kultur, Sport u. Wirtschaft. Ich suchte als junger Mann Kontext, ich wollte alles wissen und alles in größeren Zusammenhängen verstehen. Ich arbeitete an meinem Weltbild; und die Zeitung war neben der Literatur mein wirksamstes Werkzeug.

… zum entgleisten Onlinemedien-Nutzer
Inzwischen (Phase 3) surfe ich gezielt und beliebig durch Onlineausgaben. Ich weiß danach nicht, habe ich dies und das in der NZZ, im TA, im Blick, in der Zeit, im Spiegel, in der FAZ oder in der Süddeutschen gelesen, vielmehr überflogen und aufgeschnappt, gar zufällig entdeckt. Und will ich einen Bericht überprüfen, bleibt er unauffindbar. Manchmal mache ich verblüffende Funde. Ich folge einem verlockenden Link und weiß nach ein paar Klicks, die ich nicht zähle, nicht mehr genau, wie eine bestimmte Sache in meinen Kopf gelangt ist: verdeckte Quellen, verschwundene Pfade, ohne Kontext.

Ich verliere mich. Ich meide Facebook und Twitter. Ich wundere mich über die Masse unbedarfter Kommentare. Ein Sammelsurium von Volksdummheiten. Klick. Ich war ein seriöser und loyaler Zeitungsleser und bin ein unseriöser und illoyaler Surfer und Follower geworden. Klick. Foren, Blogs. Ungefilterter Blödsinn. Ein Klick trennt Gold und Schrott. Das Zusammengestoffel von Information und Inhalt macht trotzdem auch Spaß. Es ergeben sich unvermutet Zusammenhänge und Einblicke, und täglich stoße ich auf umwerfende Bilder. Der Klick hebt den Weg auf und die Zeit. Leisten kann ich mir das Wildern nur (bilde ich mir ein) weil ich einen soliden Grundstock besitze, mir angelesen habe in den Phasen 1 und 2.

Neuorientierung und die neue Freude an der unverbindlichen Bereicherung
Was ich zusammensetze, ist ein persönliches Puzzle. Es gibt nicht die Wahrheit, es gibt nur Geschichten. Ich will schon lange nicht mehr alles verstehen müssen, ich brauche keine Tageszeitung mehr, die mein Weltbild bestätigt und festigt. Das wirkt entspannend. Ich kapiere Vieles nicht, und die vielen Meinungen, die von meiner eigenen abweichen, nehme ich mit einem interessierten Aha zur Kenntnis. Manchmal mit einem müden Lächeln. Ja, manchmal klicke ich den Mist ganz einfach weg. Und manchmal denke ich um und orientiere mich neu und ändere meine Meinung. Ich glaube, die Muster begriffen zu haben, und weiß, dass Muster sich verändern.

Die bunte Vielfalt verdrängt den Hintergrund
Meinen gegenwärtigen Medienkonsum möchte ich nicht allgemein empfehlen. Er hat etwas Unbefriedigendes. Vor allem untergräbt er den Qualitätsjournalismus und ignoriert die große journalistische Anstrengung, den verantwortungsbewussten Anspruch, dass jede Ausgabe der Zeitung (oder jedes Magazin und Nachrichtenjournal), eine Ganzheit sein soll. Trotzdem möchte ich keine Online-Ausgabe abonnieren. A) meine Augen haben schon genug Bildschirm. B) Zeitunglesen frisst Zeit, die ich lieber in Bücher investiere. In allen Phasen war das Buch mein wichtigstes Medium. Das gedruckte Buch ist ein Qualitätsmedium, das verschiedene Kontrollen durchlaufen hat.

P.S. Lesen Sie z.B. FINSTERE ZEITEN, zur Krise in Griechenland, die erhellenden Essays von Petros Markaris. Sie wissen nach der Lektüre garantiert mehr und verstehen Zusammenhänge, die Lektüre ist ein intellektuelles Vergnügen und die Texte haben auch die richtige Länge.


Silvio_radeltSilvio Blatter (69) ist Schriftsteller, Maler, Kolumnist und Autor zahlreicher Romane.
Zuletzt erschien: Wir zählen unsere Tage nicht, Piper

Ein Gedanke zu „Ich brauche keine Tageszeitung mehr, um mein Weltbild zu bestätigen

  1. Gianni

    Wunderbar zusammengefasst. Liest sich wie Butter. Ich bin in Phase 1, was aber ihrer Phase 3 entspricht. Ich versuche aber schon, Phase 4 am Horizont zu erahnen. Die, in welcher die Onlineausgaben qualitativer Zeitungen hinter Paywalls verschwinden und die 20minuten Diarrhö die Meinung in der Schweiz bildet.

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