Prof. Dr. Matthias Künzler an der Tagung von Medienkritik Schweiz zum Thema Standortbestimmung der Medienkritik.

Prof. Dr. Matthias Künzler an der Tagung von Medienkritik Schweiz zum Thema Standortbestimmung der Medienkritik.

Wer übt heute alles Kritik? Akteure und Entwicklung der Medienkritik in der Schweiz

von Matthias Künzler
(Referat am Jahresanlass des Vereins Medienkritik Schweiz in Zürich am 17.11.2016)

Die Frage, wie es um die Medienkritik in der Schweiz steht, beurteilte der Medienwissenschaftler und heutige SRF-Ombudsman Roger Blum (2010) vor sechs Jahren äusserst negativ: „Wie aber steht es um diese «fünfte Gewalt», um die Medienkritik in der Schweiz? Ganz elendiglich. Es herrscht entweder Wüste oder eine heillose Zersplitterung.“

Diese ebenfalls negative Einschätzung teilte letztes Jahr Christian Lüscher (2015), ehemaliger Tages-Anzeiger-Journalist, wenn auch aus gegenteiligen Gründen: „Medienkritik ist ein schwieriges Feld. Und sie verkommt leider zum Volkssport. Das sollte aufhören.“ Die dauernde negative Kritik an den Medien würde den Leistungen des Journalismus nicht gerecht und dem Ansehen des Berufsstands schaden.

Und heute? Herrscht ein Mangel an Medienkritik oder eher ein Zuviel? Und wie ist es um die Qualität der Medienkritik selbst bestellt?

Typologie medienkritischer Akteure in der Schweiz

Widmen wir uns zunächst der ersten Frage nach der Breite der Medienkritik in der Schweiz. Zur Beantwortung dieser Frage benötigen wir zunächst etwas Systematisierung. In einer Vereinfachung der Kategorisierung von Beuthner/Weichert (2005: 24) kann sich Medienkritik auf drei Ebenen beziehen:

  • Kritik an Inhalten/Aussagen
  • Kritik an der Profession und Branche (und damit u.a. an Arbeitsprozessen, dem Verhalten von Unternehmen etc.) und
  • Kritik an der Rolle der Medien in der Gesellschaft, was u.a. Kritik an medienpolitischen und medienökonomischen Entwicklungen beinhaltet.

Die Akteure lassen sich unterscheiden in Akteure, die innerhalb der Medien bzw. des Journalismus tätig sind, und Akteure, die ausserhalb der Medien tätig sind.

Innen:

  • Journalistinnen und Journalisten, die Medienjournalismus betreiben
  • Social-Media-Aktivisten/Blogger, die sich regelmässig mit Medienthemen beschäftigen[1]
  • Institutionen der Selbstregulierung und Selbstorganisation.

Aussen:

  • Akteure der Regulierung (Regulierungsbehörden), Verwaltung und Politik
  • Organisationen (zumeist Vereine), deren Ziel das Betreiben von Medienkritik ist
  • Kommunikationswissenschaft, die mit Studien, Organisation von Anlässen etc. ebenfalls zur Medienkritik beiträgt.

Beide Systematisierungen lassen sich nun in einer Tabelle kreuzen. Dies erlaubt es, die verschiedenen medienkritischen Akteure entsprechend zuzuordnen.

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Die Kategorisierung macht deutlich, dass eine grosse Vielfalt an Akteuren, inner- und ausserhalb des Journalismus Medienkritik betreiben. Diese Akteure beschäftigen sich mit unterschiedlicher Intensität mit den verschiedenen Aspekten der Medienkritik (also mit Medieninhalten, der Profession/Branche und gesellschaftlichen Fragen). In ihrer Gesamtheit ist das Angebot an Medienkritik deshalb durchaus breit und vielfältig.

Dennoch ist auf ein Ungleichgewicht innerhalb der medialen Öffentlichkeit hinzuweisen. In den traditionellen Massenmedien existieren institutionalisierte Rubriken für Medienkritik nur bei wenigen klassischen Massenmedien. Zwar greifen auch Massenmedien ohne Ressort immer wieder medienkritische Themen auf, allerdings sporadisch. Fachspezialisten, Medienschaffende und alle an Medien interessierte Personen steht hingegen ein breites Angebot an print- und onlinebasierten Fachjournalen sowie Inhalten von Social-Media-Aktivisten zur Verfügung. Dieses Ungleichgewicht zwischen massenmedialen Inhalten und Fachjournalen ist möglicherweise problematisch, da die massenmediale Berichterstattung nach wie vor einen Verstärkereffekt für Special-Interest und Social-Media-Angebote hat. Andererseits ist davon auszugehen, dass sich Personen mit Entscheidungsgewalt im Medienbereich zum grossen Teil über die Fachjournale informieren.

Zur Kritik der Medienkritik

In Anbetracht der Breite der medienkritischen Akteure stellt sich die Frage nach der Qualität der Medienkritik. Die Beantwortung dieser Frage fällt an dieser Stelle eher subjektiv aus, da sie sich auf die Betrachtung von Einzelfällen stützt.

Zunächst bin ich in Bezug auf das Angebot nicht pessimistisch. Ein Grossteil der erwähnten medienkritischen Akteure scheint mir gute Arbeit zu leisten. Ich denke bspw. an die exzellente Hintergrundberichterstattung in den Fachzeitschriften, hintergründigen Kommentare in der Medienrubrik der NZZ, den kommunikationswissenschaftlichen Transfer auf dem EJO oder der transparenten Offenlegung von Entscheidungen durch den SRG-Ombudsman Roger Blum auf Twitter. Und gerade in diesem Jahr fiel mir die Medienkritik in mehreren Fällen als innovativ und unkonventionell auf:

  • Das Projekt „Radar Medienkritik eines Forscherteams der ZHAW und HTW Chur ist eines der ersten Forschungsprojekte, welche eine automatisierte Inhaltsanalyse zur Auswertung von schriftlichen Artikeln anwendet.
  • Eine von Vinzenz Wyss mitgeprägte Twitterdiskussion hat Boulevardjournalisten unter Druck gesetzt, bei der Namensnennung des mutmasslichen Mörders von Rupperswil zurückhaltend zu sein – was gelungen ist.

Es war denn auch dieser aussergewöhnliche Mordfall, der eine intensive medienkritische Berichterstattung über die Frage ausgelöste, inwiefern in einem solchen Fall Namen genannt und Fotos gezeigt werden sollen.

Keine bzw. kaum eine Debatte wurde hingegen über die Veröffentlichung von Fotos in zwei anderen Fällen geführt: Beim Zeigen der Trauer von Angehörigen beim EgyptAir-Absturz und dem Fotografieren von Terroropfern am Flughafen in Brüssel. Weshalb wurde kaum darüber diskutiert, ob unbekannte Opfer – Menschen wie Du und ich – in ihrem Leid in aller Öffentlichkeit gezeigt werden sollen?

Dank einer einzelnen Bürgerin bzw. einzelnen Bürger gab es über die Darstellung der Terroropfer auf dem Brüsseler Flughafen immerhin noch eine kurze Debatte. Er oder sie hat nämlich beim Presserat gegen die Veröffentlichung entsprechender Fotos geklagt. Allerdings hat der Presserat diese Klage mit der Begründung eines öffentlichen Interesses abgewiesen (vgl. dazu den Kommentar von Stadler 2016).

Dieses Beispiel weist meines Erachtens auf ein erstes Defizit der Medienkritik hin. Es mangelt an einer längerfristigen Einordnung scheinbar ähnlicher Fälle und ihrer scheinbar ungleichen Behandlung durch die Medien und die Medienkritik selbst. Für eine medienkritische Öffentlichkeit wäre es interessant zu erfahren, weshalb im Mordfall Rupperswil der Persönlichkeitsschutz offenbar höher gewichtet wurde als beim Zeigen von unbekannten Terroropfern und Trauernden im Ausland.

Ein zweites Defizit stellt meines Erachtens die Art der Kritik dar. Mein Eindruck ist, dass der überwiegende Anteil der Medienkritiker das Wort „Kritik“ überwiegend als Bemängeln von Zuständen versteht. Kritik kann jedoch auch Lob beinhalten. Zwar gibt es mittlerweile eine Reihe von Preisen und neuerdings ein Medienqualitätsranking, welche eine Form des Lobs darstellen. In den Texten und Debatten der medienkritischen Organisationen nimmt Lob jedoch nach wie vor einen untergeordneten Stellenwert ein. Könnte dem von Stellenabbau und „Lügenpresse“-Debatte bedrohten Journalismus nicht der Rücken gestärkt werden, indem über die besondere Qualität von gut recherchierten und kritisch hinterfragenden journalistischen Beiträgen diskutiert wird?

Ein solches Beispiel ist meiner Meinung eine Reportage der Schweizer Illustrierten über Panama. Während die Berichterstattung über die Panama-Papers eher datenlastig und komplex war, hat die Schweizer Illustrierte eine Bildreportage aus Panama veröffentlicht, welche die komplexen Zusammenhänge real fassbar macht: Auf den Bildern vom Inneren der Wolkenkratzer werden diese als Potemkin’sche Dörfer entlarvt: Die Gebäude stehen leer und befinden sich im Rohbau. In den Porträts der ortsansässigen Bevölkerung werden deren Alltagssorgen aufgrund der schlechten Infrastruktur erlebbar. Ich meine: Dies ist gut recherchierter Boulevard mit gesellschaftlicher Relevanz. Er hätte Lob als Ansporn zum Nachmachen verdient.

Als Drittes möchte ich auf den eingangs erwähnten Christian Lüscher zurückkommen. In der Zwischenzeit ist er Leiter des Unternehmensbereichs «Commercial Publishing» von tamedia geworden und hat dem Branchenportal Persönlich ein erstaunlich offenherziges Interview gegeben. Im Interview preist er die Dienste seiner Unternehmenseinheit u.a. damit an, einen «direktem Draht zu Mercedes-Benz» zu besitzen. Er erzählt darüber, wie er gemeinsam mit dem Leiter der Digitalentwicklung von 20-Minuten Kunden besuchte und ihnen erfolgreich eine «native-advertising»-Story auf den Newsportalen von tamedia verkaufte.

Eine solche Verwischung der Grenzen zwischen Journalismus und Corporate Communication hätte vermutlich noch vor 15 Jahren zu einem lauten Aufschrei innerhalb der Medienwelt geführt. Heute fühlen sich noch Werber provoziert – ob der neuen Konkurrenz.

Bei allem Verständnis für die Medienhäuser, ihre Geschäftsmodelle zu innovieren: Eine solch fundamentale Entwicklung, die zu einer Verwischung der Grenzen zwischen redaktionellen Inhalten und kommerzieller Kommunikation führt, bedarf einer breiten gesellschaftlichen Debatte.

Fazit mit drei Thesen

Kommen wir zur Beantwortung der eingangs gestellten Fragen:

1.) Gibt es eher ein Zuwenig oder Zuviel an Medienkritik?

Weder noch. In den letzten Jahren hat die Medienkritik einige Fortschritte gemacht: Es gibt eine Vielfalt an unterschiedlichen Akteuren, die sich unterschiedlichen Bereichen der Medienkritik widmen. Sie decken in ihrer Gesamtheit alle Bereiche von Medienkritik in der Breite ab.

Allerdings existiert in einzelnen Bereichen ein Ungleichgewicht: Eine kontinuierliche Medienberichterstattung in Form von regelmässigen Ressorts in den traditionellen Massenmedien ist gesamthaft eher mittelmässig ausgebaut. Vielfältig und gross ist jedoch das Angebot an Fachjournalen und Fachportalen, die vermutlich für Entscheider aus den Medien, Politik und Gesellschaft relevant sind.

2.) Ist die Medienkritik zu einem Medienbashing verkommen anstatt einen Beitrag zu einer konstruktiven Debatte zu leisten?

Nein, aber… Insbesondere die Fachzeitschriften/-portale berichten differenziert über die Medienentwicklung, gleiches lässt sich vermutlich für die Mehrheit der medienkritischen Akteure sagen. Auch die Wissenschaft liefert eine Vielfalt Erkenntnissen über die Medienentwicklung und –Qualität (z. B. Bakom-Programmanalysen, fög-Studie, Einzelstudien) und ist z. B. über die Organisation regelmässiger und sporadischer Veranstaltungen zunehmend um Wissenschaftstransfer bemüht (z. B. Journalismustag ; Multmedia-Festival). Eine Verzerrung herrscht jedoch bei der öffentlichen Wahrnehmung: Nicht alle medienkritischen Organisationen finden gleich viel Beachtung, allerdings sind auch nicht alle gleichermassen um eine solche Beachtung bemüht.

Damit sind wir beim Aber: Die medienkritischen Aktivitäten weisen in der Schweiz nach wie vor Verbesserungspotenzial auf, welches ich abschliessend in drei Thesen fasse:

  1. Medienkritische Organisationen sollten noch stärker dazu beitragen, kurzfristige medienkritische Aktivitäten und medienethische Fälle in einen grösseren Zusammenhang zu stellen.
  2. Medienkritik sollte nicht nur Defizite im Medienbereich feststellen. Sie sollte sich verstärkt aktiv mit positiven Beispielen aus dem Journalismus auseinandersetzen. Dies kann einem unabhängigen Journalismus den Rücken stärken und gegenüber dem Publikum den gesellschaftlichen und ökonomischen Wert des Journalismus vor Augen führen. Dies scheint mir in Zeiten schrumpfender Redaktionsbudgets, politischen und wirtschaftlichen Druckversuchen und einer „Lügenpressendebatte“ zunehmend wichtiger zu sein.
  3. Medienkritik sollte sich nicht nur an aktuellen Einzelfällen abarbeiten, sondern langfristige Entwicklungen mit möglicherweise tiefgreifender Wirkung für Medien und Gesellschaft identifizieren und unter Einbezug von Medienschaffenden, Medienmanagern, Politikern und Zivilgesellschaft breit debattieren.

Quelle und Bemerkung
[1]
Bei dieser Kategorie löst sich die Grenze zwischen innen und aussen auf: Ein Teil der Blogger sind JournalistInnen, andere stammen aus anderen Gesellschaftssystemen. Der Einfachheit halber werden Social-Media-Aktivisten hier der Kategorie „Innen“ zugeteilt.

Beuthner, Michael/Weichert, Stephan (2005): Zur Einführung: Internal Affairs – oder: die Kunst und die Fallen medialer Selbstbeobachtung. In: Beuthner, Michael/Weichert, Stephan (Hrsg.): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus.Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 13-41.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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