SRF Arena/Reporter – altes Pferd mit neuen Hufen

Matthias Giger, 12. Juni 2017

Ob die gestrige Pilot-Sendung SRF «Arena/Reporter» die Meinungsbildung zur Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) voran gebracht hat und wieweit es dem neuen Sendungskonzept überhaupt gelingt, diesen durch den Service Public vorgegebenen Auftrag zu erfüllen? Das ist eine gute Frage – für die Medienforschung. Fest steht, dass das neue Sendekonstrukt, das aus zweimal «alt» «neu» macht, gleich mehrere zentrale medienkritische Fragen aufwirft:

  1. Ist Christa Rigozzi mangels einer fundierten journalistischen Ausbildung aus der unparteilichen Rolle geschlüpft oder gehört dies zum Konzept der neuen Sendung?
    In einer journalistischen Ausbildung lernt man, dass es nicht zur Rolle einer Journalistin oder eines Journalisten gehört, von aussen herein gebrachte Meinungen anwaltschaftlich in ein Podium hinein zu tragen. Vielmehr solle dies, so die Lehrmeingung, neutral weitergeleitet werden. Formen, bei denen ein anwaltschaftliches Vorgehen möglich ist, sind der Kommentar und das Interview.
  2. Ist es sinnvoll, im Anschluss an einen Film, der einen Einzelfall zeigt, ein Thema allgemein zu diskutieren oder müsste mehr mit Fakten gearbeitet werden, die eine Einordnung ermöglichen? Ein derartiges Konzept hat beispielsweise die Sendung «Hart aber fair», bei der die Zuschauer auf der Webseite nach der Sendung auf recherchierte Fakten zu den in der Sendung gemachten Statements zugreifen können.
  3. Taugt die «Arena» noch als Gefäss für die Meinungsbildung oder hat sich bei Politgrössen nicht längst herum gesprochen, dass man in der Sendung maximal drei Botschaften vermitteln kann – und nur dann, wenn man im Wort-Hick-Hack immer und immer wieder in dieselbe Kerbe schlägt? Die «Arena» erweckt schon länger den Eindruck, vielmehr Bühne für Politikerinnen und Politiker zu sein als der Meinungsbildung der Bevölkerung zu dienen.
  4. Wie attraktiv ist dieses Wort-Hick-Hack noch für die Zuschauer? Drückt nicht eher die Diskussions-Unkultur die Quote der «Arena» in den Keller als die Absenz von Quotengaranten?
  5. Welche Bedürfnisse werden damit bedient? Es scheint, dass die «Arena» vor allem das menschliche Bedürfnis nach Wortgefechten befriedigt als das Bedürfnis nach Meinungsbildung. Aber sind nicht längst die Social Media und Online-Kommentarspalten in die Fussstapfen der Talk-Sendungen getreten, bei denen Leute für ihre Meinung ausgebuht und ausgelacht wurden? Schliesslich können diese das Bedürfnis nach Aufregung genauso gut, wenn nicht besser befriedigen, da man dabei gleich selbst in den Ring steigt.
  6. Ist es klug, bei diesem neuen Konzept auch noch die Stimme des Publikums abzuholen oder verderben zu viele Köche nicht den Brei? Kann man eine Diskussion vernünftig führen, wenn alle 10 Minuten Meinungen von aussen hinein gebracht werden, die bereits abgehandelte Aspekte wieder aufnehmen?
  7. Zeigt die medienkritische Frage, welche Jonas Projer dem Autoren des Reporter-Films stellte, nicht gleich die Schwäche des neuen Konzeptes auf? Er fragte ihn, ob er den Hauptdarsteller bewusst ausgewählt habe, um die Argumentation der KESB-Kritiker zu schwächen. Hier wären wir wieder bei Frage 2. Wahrscheinlich würden die beiden Sendungen losgelöst voneinander besser funktionieren.

Über diesen sechs Fragen schwebt die Frage, ob wir gestern nicht Zeugen einer von Pannen durchzogenen Notoperation der schwächelnden «Arena»-Senung waren. Daraus ergeben sich wiederum mehrere Fragen:

  1. Wieso hängt SRF so sehr an der «Arena»? Die Sendung hat nun doch schon mehrere Renovationen hinter sich. Wäre es da nicht besser, ein neues, besser auf die heutigen Bedürfnisse zugeschnittenes Format auf den Weg zu bringen, als ständig an der alten Dame «Arena» herum zu doktorn?
  2. Wie effizient ist ein solches Sende-Gefäss-Recycling? Das ist eine generelle Frage, die der Fall «Arena» aufwirft. Hier würden Zahlen Aufschluss geben, über die sich eine von Beginn an neu aufgebaute Sendung mit einem wiederverwerteten Format desselben Genres vergleichen lässt. Auch das wäre ein Thema für die Medienforschung.
  3. Fehlt es der hiesigen TV-Branche an gut ausgebildeten Leuten, die innovative Sendekonzepte entwickeln können, welche auch den Bedürfnissen des Publikums entsprechen?
  4. Oder sind es am Ende doch eher andere Faktoren, die echte TV-Innovationen verhindern?  Das könnten Faktoren sein, die auch grosse privatwirtschaftliche Unternehmen immer wieder scheitern lassen. Der amerikanische Professor Henry C. Lucas Jr. hat solche Faktoren identifiziert. Dazu zählen Widerstände gegen Veränderungen seitens des Managements oder der Belegschaft (resistance to change), Abstreiten der Probleme bzw. von Kritik oder Fehleinschätzungen durch betriebsblindes Übersehen der Tragkraft von neuen Entwicklungen (denial / lack of imagination), bereits getätigte hohe Investitionen, die nicht vergebens sein sollen (sunk costs) oder eine bekannte Marke, die nicht über Bord geworfen werden soll (brand) und damit jedoch Neuem in der Sonne steht.  (Vgl. Henry C. Lucas Jr.: Surviving disruptive technologies oder The Search for Survival: Lessons from Disruptive Technologies)

 

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

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