Autoriseren Dossier

Die New York Times hat Ende September 2012 bekannt gegeben, dass sie fortan auf das Autorisieren von Interviews verzichtet. Dies hat den Hintergrund, dass die oder der Interviewte – in vielen Fällen  auch ein Presseverantwortlicher oder eine Presseverantwortliche – die Aussagen nicht nur richtig stellt und präzisiert, sondern auch weich spült, entschärft und ab und zu gar versucht, PR-gefärbte Textkosmetik zu betreiben. Anders als beispielsweise beim Fernsehen oder Radio, sind davon vor allem Printmedien betroffen, weil hier das gesprochene Wort von der Journalistin oder dem Journalisten noch gedreht werden kann, die Aussagen also nicht derart unmittelbar sind wie beim Radio und Fernsehen.

In der journalistischen Praxis herrscht nicht selten Unsicherheit bis Ratlosigkeit, was nun zu autorisieren ist und was nicht. Dies kommt daher, dass die Journalistinnen und Journalisten einen unterschiedlichen Ausbildungsstand haben. Zudem fehlen in manchen Redaktionen Richtlinien oder sie werden von der Chefredaktion unzureichend bis gar nicht bekannt gemacht. Es müssten daher klare Richtlinien her, was die Redaktion über Interviews und Wortlautzitate hinaus autorisieren lässt. Im Zweifelsfall soll man solche bei der Chefredaktion einfordern.

Rechtsanwalt Philip Kübler, Vorstandsmitglied von Medienkritik Schweiz und ehemaliges Mitglied des Presserats, sagt über das Autorisieren:

Es geht juristisch um die Einwilligung des Verletzten zu einer (möglichen) Persönlichkeitsverletzung. Diese liegt namentlich im Eingriff ins Recht am eigenen Wort: Der Gesprächspartner hat sich gegenüber einer Medienschaffenden mit seinen eigenen Worten geäussert. Hat sich jemand aber gegenüber einem Journalisten geäussert in der Absicht, die Äusserung erscheine als Interview oder Zitat, dann hat er eine Einwilligung in diesen Persönlichkeitseingriff erteilt. Kann die Einwilligung widerrufen werden, zum Beispiel weil späteren Anpassungswünschen nicht entsprochen wird? Und gilt das Widerrufsrecht jederzeit? Im schweizerischen Recht ist man sich hier nicht einig. Es ist nach meiner Auffassung zumindest dann vertretbar, dass die Medien eine einmal erteilte Einwilligung für verbindlich halten, wenn der Zitierte keine sachlichen Gründe hat, um in der Autorisierungsschlaufe nachträgliche Änderungen zu erzwingen. Solche guten Gründe sind z.B. neue Erkenntnisse: Das Gesagte stimmt nicht (mehr). Oder die Gefahr, dass sich der Sprechende mit seiner zu publizierenden Äusserung strafbar macht oder andere wichtige rechtliche Nachteile in Kauf nehmen müsste (z.B. Zivilverfahren oder behördliche Untersuchung).

Journalistinnen und Journalisten sind keine Unschuldsengel. Zitate in Berichten und Antworten in Interviews werden von ihnen frisiert, indem sie sie zuspitzend verkürzen, Relativierungen weg lassen, Zitate aus dem Zusammenhang schälen oder gar jemandem etwas in den Mund legen, das er oder sie gar nicht gesagt hat. Manchmal steckt keine Absicht dahinter. Es handelt sich um ein Missverständnis.  Deshalb ist es wichtig und richtig, wenn Auskunftspersonen verlangen, ihre wörtlichen und indirekten Zitate in Berichten vor dem Druck zu autorisieren. Gerade, wenn über komplexe Sachverhalte geschrieben wird. Denn sonst steht der oder die falsch Zitierte ziemlich blöd da. Hier besteht aus journalistischen Warte wieder eine Gefahr. Fachleute neigen dazu, alle Eventualitäten abzudecken und, oder die von Fachbegriffen entschlackte Version wieder mit Fachwörtern aufzublähen. Sie denken eher an die Wirkung unter Kollegen als an die Verständnisschwierigkeiten bei den Leserinnen und Lesern. Eine gute Journalistin / ein guter Journalist findet aber bestimmt einen Kompromiss.

Die nachfolgende Liste soll den Nebel etwas lichten:

Mediendebatte ausgelöst nachdem die New York Times angekündigt hat, Zitate künftig nicht mehr autorisieren zu lassen.

  • Es gilt das autorisierte Wort – Sven Preger über entschärfte Interviews – Link zum Bericht
  • Ein Plädoyer dafür, Interviews autorisieren zu lassen – Thomas Tuma, Wirtschaftsressort-Leiter des Spiegel im Spiegelblog – Link zum Plädoyer
  • Klare Linie. Die „New York Times“ lässt Zitate nicht mehr autorisieren – Konrad Ege, Evangelischer Pressedienst Deutschland (epd medien Nr. 39 vom 28. September 2012) – Link zum Bericht
  • Schluss mit der Selbstzensur – Kommentar von Financial Times Deutschland Korrespondent Klaus Max SmolkaLink zum Kommentar
  • Gesagt ist gesagt – Umfrage unter Chefredaktorinnen und Chefredaktoren von Claudia Thöny für persoenlich.com – Link zur Umfrage
  • Es gilt das gestrichene Wort – Beitrag des Medienmagazins Zapp (NDR) über Autorisierung von Interviews – Link zum Beitrag

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