Dossier Weltwoche Strehle

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Dieses Dossier fasst den Verlauf der  durch den Weltwoche-Artikel vom 7. Februar über den Tagesanzeiger Chefredaktoren Res Strehle ausgelösten Diskussionen zusammen, kurz den Fall „Weltwoche Strehle“. Medienkritik Schweiz macht es sich zur Aufgabe, Debatten, die mit der Rolle der Medien und Medienmacher zu tun haben, zu dokumentieren. Dabei erhebt Medienkritik Schweiz keinen Anspruch auf Vollständigkeit, versucht aber dennoch die wichtigsten Beträge zum Thema zu sichten und daraus die wesentlichen Aussagen zu filtern.
Dossier: Matthias Giger / Andreas Jäggi

Der Weltwoche-Artikel, 7. Februar

Auf der Titelseite der Weltwoche Nummer 6 vom 7. Februar 2013 ist das Polizeifoto des Tages-Anzeiger-Chefredaktoren Res Strehle vom 12.1.1984 zu sehen. Darunter der Titel „Der ‚Tagi‘-Chefredaktor und die Terroristen“, Teaser: „Die irritierende Nähe des Journalisten Res Strehle (Polizeibild) zu Bombenlegern und linken Extremisten“ Diese Botschaft war an sämtlichen Kiosks und an den Kassen von Supermärkten mit Zeitschriftenauslage zu sehen. Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel trug die seitens der Weltwoche erhobenen Vorwürfe einem weiteren Publikum auf anderen Kanälen zu, beispielsweise in einem Radiobeitrag auf Roger Schawinskis Radio 1. Botschaft: Strehle sei knüppelhart im Umgang mit politischen Gegnern oder politisch unkorrekten Aussage (SVP-Twitterer), habe aber selbst eine nicht ganz uninteressante Vergangenheit.

Auf Seite 28 unter dem Titel „Der süsse Duft des Terrorismus“ dann erneut das Polizeifoto mit Bildlegende: „Mittendrin: Polizeibild nach Strehles Verhaftung am 12.1.1984.“ Der Artikel selbst ist als Leitartikel aufgebaut. Der Autor Philipp Gut (stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche) fragt zuerst, wie viel Verdrängung und Verklärung sich ein landesweit anerkannter Journalist und Chefredaktor leisten kann, der selbst Ehrlichkeit, Transparenz und Moral einfordere. Dann unterlegt er dies mit einem aktuellen Beispiel, dem Frontartikel des Tages-Anzeiger Chefredaktoren vom 31.12.2012. In diesem schrieb Res Strehle von der Wichtigkeit einer Renaissance der Moral, davon, dass die Medien diese unterstützen sollten. Dazu müssten sie aber ihre eigene Rolle kritische hinterfragen, da auch sie Existenzen an den Rand führen könnten. Gut verweist auf den Fall des Kristallnacht-Twitterers und das zweiseitige Interview, Titel: „Ich erlebe seit letztem Sommer den sozialen Tod“, welches der Tagesanzeiger-Chefredaktor als Wiedergutmachung mit dem wegen seines geschmacklosen Twitter-Beitrages ins mediale Scheinwerferlicht Gezerrten.

Dann empfiehlt Philipp Gut dem Tagi-Chefredaktoren vor der eigenen Haustüre zu kehren. Er rollt die Vergangenheit von Res Strehle auf, nennt alles, was ihm an Fakten in die Finger geriet. Mutmasst über Verbindungen, darüber was Strehle gewusst haben müsse. Gut lastet Strehle Zitate aus den Achtzigerjahren an, in denen Res Strehle revolutionäre Gewalt als Antwort auf staatliche Repression bezeichnet haben sollte. (Auf Facebook wird später reklamiert, Gut habe Strehle falsch zitiert – was nicht alle so sehen, beispielsweise Nick Lüthi). Auch, dass Strehle keine Stellung zu den im Artikel erhobenen Vorwürfen bezogen hat, kommt in Guts Weltwocheartikel zum Ausdruck. Diese Botschaft wurde mit einem aktuellen Porträtfoto des Tagi-Chefredaktoren und der Bildlegende „Keine Antworten: Journalist Strehle“ hervor gehoben. Strehle wird im Text als Terrorversteher tituliert. Guts Ausstieg: Nicht auszumalen, wenn der Tagi-Chefredaktor mit denselben Massstäben die eigene Vergangenheit ins Visier nähme, die der Tagi beim Kristallnacht-Twitterer angewandt habe.

Erste Reaktionen von Insidern

Auf Twitter verwiesen am Mittwochabend mehrere auf Seitenaspekte zur Weltwoche-Front-Geschichte von Vize-Chefredaktor Philipp Gut über den Tages-Anzeiger Chefredaktoren Res Strehle (Weltwoche-Artikel sind ab dann online):
Peter Burkhard, Journalist der Sonntagszeitung „Der Sonntag“, twitterte:

Aus aktuellem Anlass: Wie Markus Somm einen Radikalinski-Text von Res Strehle unterstützte, woz.ch/0915/medien/ge…

— Peter Burkhardt (@PeterBurkhardt) 6. Februar 2013

Medienjournalist Nick Lüthi verwies, darauf, dass die Vorwürfe gegen Strehle nicht ganz neu waren:

Was die Weltwoche über Tagi-CR Res Strehle schreibt, stand vor einem Jahr bereits in der BaZ zu lesen bit.ly/14EQ6VZ /via @ronniegrob — Nick Lüthi (@nick_luethi) 6. Februar 2013

Er fügte diesen Link an (Teil über Res Strehle beginnt etwas unterhalb).

Auf Twitter noch mehrheitlich Funkstille am Donnerstag, 7. Februar

Am Erscheinungstag hatten die medienkritischen Blogs nicht auf den Weltwoche-Artikel reagiert. Nur Wirtschaftsjournalist Gian Trepp bezeichnete in seinem Blog Guts Angriffe auf Strehle als unbewiesen, bezichtigte Strehle aber gleichzeitig der Lebenslüge. Er sei selbst schuld, dass die Weltwoche nun ein einseitiges, verzerrtes Bild zeichne, sein „2008 erschienenes autobiografisches Märchen ‚Mein Leben als 68er'“ sei Geschichtsklittering. Dieser Blogbeitrag wurde via Twitter aber erst am Freitag bekannt gemacht. Res Strehle hatte sich bis jetzt noch nicht zu Wort gemeldet. Er gibt später bekannt, den Artikel vor der Publikation gesehen zu haben. Da er aber lediglich drei Stunden Zeit für eine Stellungnahme hatte, habe er darauf verzichtet.

Freitagabend Strehles Kommentar

Auf Tages-Anzeiger.ch folgte am Freitagabend ein Kommentar von Res Strehle, in welchem der Chefredaktor den Weltwoche-Artikel als Kampagnenjournalismus bezeichnet. Darin sagte er auch, er behalte sich rechtliche Schritte vor. Dies wiederholte er gegenüber Tele Züri. Beides veranlasste den Newsdienst Kleinreport zu einem Hinweis. Spätestens ab jetzt hatte die ganze Kommunikationsszene Wind von der Causa Weltwoche Strehle bekommen. Freitagnacht um 22 Uhr schreib NZZ-Medienjournalist Rainer Stadler über den Fall Weltwoche Strehle. Er vergleicht darin Strehles Zeit bei der linken Wochenzeitung (WOZ) mit dem Muckraking-Journalismus (Muckraking=Schmutz aufwühlen) der USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als Rebellen von einst in die Machtzentralen vorstiessen hätten neue Muckraker in ihrer Vergangenheit herum gewühlt. Am Donnerstag habe es Res Strehle getroffen, so Rainer Stadler.

Samstag, 9. Februar – Die Diskussion nimmt im Internet Fahrt auf

Auf Twitter, in den Blogs und deren Kommentaren ging am Freitag los. Viktor Giacobbo twitterte beispielsweise:

Sonntag, 10. Februar – Das Thema  wird von Presse und TV aufgegriffen

Am Sonntag wurde das Thema auf NZZ am Sonntag und in „Der Sonntag“ aufgenommen, am Abend widmete sich die Sendung Sonntalk (Tele Züri) – Sendung leider nicht abrufbar – diesem Thema.
Da wurde durchs Band verurteilt, besonders, weil das Ganze 30 Jahre zurückliege (Verjährung). Dieses Argument brachte Moderator Markus Gilli in der Sendung Talk täglich vom Donnerstag, 14. Februar (Gäste: Philipp Gut, Weltwoche und Kommunikationsexperte Kaspar Loeb). Man hält Weltwochejournalist Philipp Gut vor, dass er kaum Beweise lieferte für Res Strehles Terrorverständnis, sondern Mutmassungen.

Dominique von Burg, Präsident des Presserates, verurteilt das Vorgehen der Weltwoche, was Tweets und Kommentare nach sich zog:


Nick Lüthi thematisiert dies in der Medienwoche am Montag, schreibt von einem Dilemma von Presserats-Mitgliedern – auf Aktualität nicht reagieren zu können, weil sie dann nicht mehr unabhängig urteilen können. Peter Studer, ehemaliger Presserats-Präsident und ehemaliger Tages-Anzeiger Chefredaktor, entgegnet, dass sich Mitglieder des Presserates sehr wohl äussern können, um auf Aktualität zu reagieren. Auch er habe dies in seiner aktiven Zeit als Präsident des Presserates getan und sei dann beim jeweiligen Fall in den Ausstand getreten. Dem wiederum widerspricht Markus Schär. Studer habe Fälle Presserat-Urteile gefällt, nachdem er schon darüber referierte (nachzulesen in den Kommentaren zu Nick Lüthis Beitrag in der Medienwoche). NZZ-Medienjournalist Rainer Stadler geht in seinem Medienblog-Beitrag am 15. Februar darauf ein und stellt zusätzlich die These auf, der Presserat sei vorderhand für jene da, die sonst nicht gehört werden. Als Chefredaktor des Tages-Anzeigers habe Strehle genügend Mittel, sich zu wehren.

Im oben erwähnten NZZ am Sonntag Artikel steht im Kasten, dass der Tages-Anzeiger im Zusammenhang mit einem Beitrag aus dem Jahr 2010 eine Entschädigungszahlung von über einer Viertelmillion Franken geleistet haben soll. Dies als Hintergrund zum aktuellen Fall rund um die Entschuldigung des Tages-Anzeigers für den Fall mit dem Kristallnacht-Twitterer.

Montag, 11. Februar – Hauptthema verliert an Fahrt

Auf Persönlich.com erscheint ein Interview mit Weltwoche Chefredaktor Roger Köppel. Ebenfalls ein Wortgefecht in „Roger gegen Roger“ mit Roger Schawinski und Roger Köppel. Hier wird deutlich, dass Roger Köppel seinerzeit als Chefredaktor des Tages-Anzeiger Magazins Res Strehle als Stellvertreter geholt hat. Schawinski bleibt zunächst überraschend zahm und lässt Köppel Vorwürfe wiederholen. Dann aber hält er ihm bzw. Gut vor, Strehle als Terroristen bezeichnet zu haben – in Polizeifoto und Bildunterschrift. Später sagt Schawinski, dass er Res Strehle in zwei seiner Sendegefässe eingeladen habe. Dieser habe aber abgelehnt. „Er will die Sache totschweigen“, urteilt Schawinski. Köppel kündet an, das Thema in der nächsten Weltwoche-Ausgabe weiterzuführen. Schawinksi stellt fest, dass in den Zeitungen praktisch nichts mehr komme, man wolle offensichtlich der Weltwoche kein weiteres Podium geben.

Woche 2: Zweiter Artikel, erneut Reaktionen

Wie angekündigt, erscheinen in der Weltwoche vom 14. Februar ein weiterer Artikel über Res Strehle. Auch das Editorial handelt vom Chefredaktor des Tages-Anzeigers und in derselben Ausgabe sind auch zwei alte Texte von Res Strehle abgedruckt. In einem Videobeitrag hat Roger Köppel den zweiten Artikel über Res Strehle angekündigt und auf den ersten zurück geblickt. Viel Neues steht nicht im zweiten Artikel. Der Autor Philipp Gut rekapituliert die Reaktionen auf den ersten Artikel. Dann vertieft er die Analyse früherer Schriften Strehles und versucht, Strehle in einen antijüdischen Kontext zu stellen.

Die Reaktionen am Donnerstagabend: In der Sendung Talk täglich vom 14. Februar spricht Moderator Markus Gilli mit Philipp Gut, dem Autor der beiden Artikel über Strehle, und Kommunikationsexperte Kaspar Loeb. Gilli bleibt neutral. Die Sendung bringt keine wesentlich neuen Erkenntnisse. Ebenfalls am Donnerstag: Ein Kommentar zur Sache auf NZZ-online von Tamedia-Verleger Pietro Supino. Er stellt sich hinter Res Strehle. NZZ-Medienjournalist Rainer Stadler dazu.
Bei Twitter und Facebook halten sich die Reaktionen in Grenzen. Es scheint, als ginge Res Strehles Strategie auf, sich konsequent nicht zu äussern, und dass das Thema ist bald gegessen ist.

Verschwörungstheorie der Sonntagspresse vom 17. Februar

„Der Sonntag“ liefert eine ausführliche Verschwörungstheorie. Christoph Blocher versuche via Weltwoche, beim Tages-Anzeiger Einfluss zu gewinnen.Am 18. Februar erscheinen auf der Plattform „Medienwoche“ zwei Artikel mit den Meinungen von Nick Lüthi, der Verständnis für das Schweigen von Res Strehle zum jetzigen Zeitpunkt zeigt und von Ronnie Grob, der ein Plädoyer dafür hält, Fehler einzugestehen. Diese beiden Beiträge werden am Folgetag im Blog von Andreas Gossweiler kritisiert. Dieser wirft der Weltwoche vor, unredlich vorzugehen, zu lügen. Darauf müsse Strehle nicht antworten, so Gossweiler.

Donnerstag 21. Februar – Dritter Weltwoche-Artikel

In der Weltwoche vom 21. Februar folgt der dritte Artikel über Res Strehle, der nur noch die positiven Reaktionen auf die ersten beiden Artikel in den Medien zusammenfasst, sowie weitere Stellen auflistet, in welchen sich Tages-Anzeiger Chefredaktor Res Strehle als Linker zu erkennen gebe.

Freitag, 22. Februar – Das Interview im Schweizer Journalist

Am Freitag erscheint ein grosses Interview im Schweizer Journalist, bei dem es hauptsächlich um den Fall „Weltwoche Strehle“ geht. Im Editorial schreibt der Chefredaktor Markus Wiegand, der das Interview mit Res Strehle geführt hat, dass man mit Res Strehle eine Titelgeschichte geplant habe und krankheitsbedingt (Wiegang hatte Grippe) ihn zimelich kurzfristig anfragte. Seine einzige Bedingung sei gewesen, dass sich das Gespräch nicht überweigend um die Angriffe der „Weltwoche“ drehen sollte, sondern auch die vorbesprochenen Themen beinhalten sollte wie Zusammenlegung Print/Online, Stellenabbau, Entschuldigung beim Kristallnacht-Twitterer und Einführung einer Paywall. Wiegand hält fest, dass das Interview unerwartet harzig verlief. Sein Anliegen sei es gewesen, mit Res Strehle über dessen Vergangenheit zu sprechen. Wer als führender Publizist anderen Fragen stellt, sollte sich auch selbst Fragen zu den Widersprüchen seiner Biografie gefallen lassen. Wiegand vermerkt in seinem Editorial:

Res Strehle nutzte seine Antworten dann hauptsächlich dafür, zu erklären, warum er die Debatte über seine Vergangenheit derzeit nicht führen will. Das wirkte nicht sehr souverän. Auch wenn die „Weltwoche“ eine brachiale Form der Berichterstattung gewählt hat, fällt auf: Res Strehle hat sich auch zuvor nicht öffentlich mit seinen radikalen Positionen früherer Tage auseinandergesetzt. Er hat geschwiegen.

Der Titel des Interviews im Schweizer Journalist: „Jetzt srpicht Strehle“.
Danach gefragt, was er am Weltwoche kritisiere, sagt Strehle: „Es ist eine klassische Form von Kampagnenjournalismus. Die ‚Weltwoche‘ arbeitet mit unglaublich vielen Unterstellungen, Fehlern und emotionalen Zuspitzungen. Es ist ganz interessant zu sehen, wie man sich fühlt, wenn man einmal Objekt von Kampgagnenjournalismus wird. Ich bin in guter Gesellschaft mit Roger de Weck, Peter Zumthor und Philipp Hildebrand.“ Wiegend fragt: Herr Strehle, wie radikal waren Siein den 80-er Jahren? Und Strehle antwortet, er sei in all der Zeit journalistisch tätig gewesen. Man könne Hunderte Seiten von ihm lesen. Er habe nicht das Bedürfnis, das im Detail erneut zu erläutern. Wiegand: Die „Weltwoche“ zielt auf Ihre Einstellung zur Gewaltfrage. Manches, was Sie damals geschrieben haben, werweckt den Eindruck, dass Sie Gewalt als Mittel der Politik nich abgelehnt haben. Strehle: Ich stehe auf dem Boden von Demokratie und Rechtsstaat und habe mich in meiner Erklärung dazu auch geäussert. Ich war an keiner der erwähnten Gewalttaten beteilig. Wiegand: Aber Sie haben sich scheinbar von Gewalt als Mittel der Politik auch nie distanziert. Strehle: Wieso muss ich mich distanzieren von irgendwas? Weil es die „Weltwoche“ diktiert? Wiegand: Werden Sie sich irgendwann äussern? Strehle: Diesen Zeitpunkt will ich mir offenlassen.

Wiegand: Warum haben Sie die 80er-Jahre [in „Mein Leben als 68er] ausgeklammert? Strehle: Weil es in dem Buch um 68 ging. Es erschien ja 2008 zum 40-Jahre-Jubiläum. Wiegand: Wissen Sie, Herr Strehle, ich habe jetzt als einziger Journalist die Chance, Ihnen dazu Fragen zu stellen. Und das Thema interessiert nicht nur die „Weltwoche“, sondern auch andere bis hinein in Ihre Redaktion. Strehle schweigt. Weigand: Sie wollen mir sagen: das ist Ihre persönliche Sache? Strehle: Genau. Wiegand: Herr Strehle, wir Journalisten sind immer ziemlich weit vorne, wenn es darum geht, in den Biografien von Politikern und Wirschaftsführern Brüche zu beschreiben, um zu erklären, was sie tun. Das, was Sie selbst bei anderen dulden, lehnen Sie jetzt selbst ab. Strehle: Ich will nicht ausschliessen, dass ich mich zu dieser Debatte äussere. Aber nicht vor dem Hintergrund des krassen Kampagnenjournalismus der „Weltwoche“.

Wiegand: In Ihrem 68-er Buch deuten Sie einmal eine „Radikalisierung“ an. Gleichzeitig schreiben Sie zuvor, dass Sie radikale Pazifisten gelesen haben, bei denen man sich fragt, wie weit kann Pazifismus zum Beispiel in Zeiten des Nationalsozialismus gehen… Strehle: … das sind ja interessante Debatten, oder? Das hat mich immer beschäftigt. Es gibt auf die Gewaltfrage nicht nur eine apodiktische Antwort: ja oder nein. Die Skala zwischen der Gewaltfreiheit eines Dalai Lama und dem militärischen Weg der kurdischen
Arbeiterpartei PKK oder dem Wiederstand gegen den Nationalsozialismus ist breit. Es wäre interessant zu diskutieren, was in welchen historischen Situationen mehr Erfolg verspricht. Wiegand: Wann sind Sie radikalisisert worden? Strehle: Ich hatte verschiedene Phasen in meinem Leben mit unterschiedlichen Erfahrungen. Es gibt keine Radikalisierung, die an einem Punkt passierte. Es gab 68 als spannende Periode, es gab 80 als interessante Periode, vielleicht 89. Das sind die Kristallisationspunkte meiner politischen Biographie. Wiegand: Und wann haben Sie den Weg der Entradikalisierung angetreten? Strehle:

Es gab einen biographischen Prozess, der mich dahin geführt hat, wo ich heute stehe. Was ich bedauere, das habe ich verschiedentlich auch gesagt: Es gab Zeiten, in denen ich dogmatisch war und ideologisch argumentierte. Das hatte vielleicht auch sein Gutes: Heute sehe ich jede Form von Dogmatismus kritischer.

Wiegand spricht an, dass er den Eindruck habe, Strehle sei das Vergangenheitsthema unangehnehm. Strehle verneint und bringt erneut das Argument, dass er sich vom Kampagnenjournalismus der Weltwoche jetzt nichts sagen will. Wiegand: Aber Sie fragen Führungsfiguren wie Christoph Blocher oder Sergio Ermotti auch nicht, wann ihnen gerade eine Debatte passt. Strehle: Noch mal: Ich bitte Sie, meine Souveränität in dieser Frage zu respektieren. Wiegand: Okay, wenn Herr Blocher oder andere morgen sagen, ich finde das jetzt aber gerade nicht so gut, dass Sie mir eine Debatte aufzwingen wollen, dann akzeptieren Sie das ab heute, oder was? Strehle: Das hängt davon ab, welche Fakten auf dem Tisch sind.

Wenn die Fakten stark genug sind, dann schreiben wir. Bei der „Weltwoche“ sind die Fakten über mich dünn und die Emotionalisierung ist stark. Wir postulieren das Gegenteil: starke Fakten und zurückhaltend in der Wertung. Ich darf Sie darauf hinweisen, dass aufgrund einer Personenverwechslung über mich geschrieben wurde, ich hätte mit einem Bombenleger sympathisiert.

Das Interview im Schweizer Journalist wird von Nick Lüthi auf der Plattform Medienwoche kommentiert.

Am Samstag, 23. Febraur erscheint im Tages-Anzeiger Magazin ein längerer Artikel von Daniel Binswanger, in dem sich Binswanger auf die beiden Weltwoche-Artikel von Gut bezieht..Im Teaser schreibt er:

Die „Weltwoche“ hat gegen Res Strehle eine Diffamierungskampagne lanciert. Skandalträchtig ist jedoch nicht die linke Vergangenheit des „Tages-Anzeiger“-Chefredaktors, sondern die Tatsache, dass  die „Weltwoche“ systematisch alle journalistischen Anstandsregeln missachtet.

Im ersten Abschnitt bezeichnet er Guts Artikel als:

stümperhafte, böswillige, niveaulose Propagandatexte

Diese würden eine verblüffede Menge an Fehlern, Falschunterstellungen und unbegründeten Insinuierungen enthalten, so Binswanger weiter. Das Polizeibild von Res Strehle belege nichts, ausser eine Verhaftung. Binswanger hält fest: Spätestens 1994 hätte das Polizeibild vernichtet werden sollen, sattdessen muss es von einem Fahnder der Stadt- oder Kantonspolizei kopiert worden sein und fand nach 29 Jahren auf illegale Weise den Weg zur „Weltwoche“. Weiter: „Ziel von Guts Elaborat ist es, den Nachweis zu führen, dass Strehle dem Linksterrorismus nahestand, ihn befürwortete und zu zahlreichen rechtskräftig verurteilten Terroristen enge Beziehungen unterhielt. Die Indizien für die behauptete Terrornähe Strehles sind allerdings mehr als spärlich.“ Etwas weiter unten im Text schreibt Binswanger: „Der Kern von Guts Argument besteht darin, dass Strehle über lange Jahre in einer WG in einer Genossenschaft an der Neptunstrasse gewohnt hat, dass in diesem Haus Personen mit terroristischen Aktivitäten ein und aus gegangen sein sollen und dass folglich Strehle deren terroristische Aktivitäten gekannt, untersützt und gutgeheissen haben soll.“ Quellen gebe Gut keine an für die Behauptung, dass militante Linke wie Nicola Bortone oder Giorgio Bellini in der Neptunstrasse ein und aus gegangen seien, argumentiert Binswanger. Mangelnde Quellen führt Binswanger auch gegen Guts Argumentation Strehle habe freundschaftliche Beziehungen zu Linksradikalen unterhalten.

Zum Nachruf Strehles auf die Linksaktivisitin Barbara Kistler schreibt Binswanger:

Aus diesem vor zwanzig Jahren geschriebenen Nachruf spricht sicherlich ein Respekt, der angesichts der RAF-Sympathhien von Barbara Kistler aus heutiger Perspektive befremdet. Aber schon in diesem Text unterstreicht Strehle, dass niemand Kistler zu folgen bereit war. Selbstverständlich erwähnt Gut diese Tatsache mit keinem Wort.

Zum zweiten Weltwoche Artikel vom 14. Februar schreibt Daniel Binswanger, im Wesentlichen wiederhole Philipp Gut darin seine Geschichte des Linksterrorismus, von der weiterhin kaum erkennbar sei, welchen Bezug sie zur Person Res Strehle haben soll. Zwei neue Vorwürfe würden darin erhoben: 1. Dass sich Strehle mit dem Linksintellektuellen Niklaus Meienberg überworfen habe, weil ihm dieser zu wenig radikal gewesen sei. Hier verweist Binswanger auf eine Wortmeldung von Marianne Fehr auf Facebook vom 14. Februar. Die Meienberg-Biographin hält fest: „In der heutigen ‚Weltwoche‘ wird so getan, als hätt ich mit dem Autor P. Gut über Res Strehles politische Gesinnung Ende der Achtzigerjahre gesprochen. In Tat und Wahrheit zitiert er aus meiner Meienberg-Biographie. In der betreffenden Passage geht es darum, wie Meienberg sich selber politisch positioniert. Alles, was Gut Strehle unterstellt, ist im Buch nicht enthalten, sondern erfunden.“ Binswanger vermerkt:

Offenbar hat Gut hier ein frei erfundenes Lügengebäude gezimmert, in der verzweifelten Hoffnung, Strehle irgendwie zu beschädigen.

Es komme noch schlimmer, so Binswanger:

Strehle und Kistler unternehmen den anerkennenswerten Versuch, einen Artikel gegen wirtschaftlich motivierten Antisemitismus zu schreiben – aber Philipp Gut bringt es fertig, dieses Unternehmen als sein exaktes Gegenteil darzustellen und als antisemitisch zu denunzieren. Eine böswilligere Fehllektüre ist mit dem besten Willen kaum mehr denkbar.

Das Schweizer Fernsehen zeigt am Montag, 25. Februar ein Interview mit Roger Köppel, das Roger Schwainksi führt (ab 10:35 geht es um den Fall Weltwoche Strehle). Schawinski greift Köppel mit demselben Argument an, wie bereits Binswanger (unsauberer Journalismus, verfälschtes Zitat, bei 14:00). Neue Erkenntnisse bringt das Gespräch aber nicht hervor. Zwei Tage darauf meldet sich René Zeller in der NZZ zu Wort. Seine These: Die Diskussion ist aus dem Ruder gelaufen, Weltwoche und Tages-Anzeiger führen einen ideologischen Stellungskrieg, bei dem es schon lange nicht mehr um die Sache geht.

Ausläufer Strafanzeige

In der Weltwoche vom 28. Februar erscheint kein Artikel mehr zum Thema in der Weltwoche. Am Sonntag, 3. März, kündet die NZZ am Sonntag an, dass die Kantonspolizei Zürich bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige eingereicht hat. Dabei geht es um Fotos des Polizei-Erkennungsdienstes, welche die Weltwoche in der Ausgabe vom 7. Februar publizierte.

5. März Vorläufiges Ende oder doch nicht?

Am Dienstag, 5. März schreibt NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler in seiner Kolumne „In Media ras“ über die Debatte:

Sie verlagerte sich relativ schnell in die Zirkel von Branchenmedien. Und geriet dabei zur hässlichen bis kleinlichen Keilerei – wie in einer Journalisten-WG, deren Mitglieder sich auseinandergelebt haben, aber doch nicht voneinander lassen können.

Christoph Mörgeli will Aktionärsrede halten
Am Sonntag, 17. März meldet Blick.ch, dass SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli eine Tamedia-Aktie erworben hat und gedenkt, an der Aktionärsversammlung Fragen zu Res Strehles Vergangenheit zu stellen.

Donnerstag, 20. Juni – Presserat nimmt ausführlich Stellung

Nachdem Presserat-Präsident Dominique von Burg in den Ausstand getreten ist, weil er sich aktuell zum Fall „Weltwoche Strehle“ geäussert hat – gemäss Presserat eine gängige Strategie, um aktuell Bezug zu nehmen und dennoch der gründlichen Stellungnahme nicht vorzugreifen – hat Vizepräsident Max Trossmann an der Jahrespressekonferenz des Presserats vom 20. Juni 2013 den Entscheid des Presserats kommuniziert:

Beim Chefredaktor einer wichtigen Zeitung besteht ein öffentliches Interesse daran, dessen beruflichen Werdegang und seine politische Vergangenheit kritisch zu beleuchten. Denn Strehle ist eine öffentliche Person. Auch eine öffentliche Person geniesst aber den Schutz ihrer Persönlichkeit. Deshalb müssen der Journalist und die Redaktion sorgfältig zwischen dem Persönlichkeitsschutz und dem Anspurch der Öffentlichkeit auf Information abwägen. Hier hat die „Weltwoche“ versagt.

Der Presserat bejahe also in seiner Stellungnahme, dass es sich Res Strehle als Chefredaktor einer meinungsbildenden grossen Tageszeitung gefallen lassen muss, dass seine politische Vergangenheit kritisch aufgegriffen wird. Und die „Weltwoche“ führe zu Recht an, mit Strehles Ernennung zum Alleinchefredaktor der aus Print und Online zusammengeführten „Tages-Anzeiger“-Redaktion habe sie einen aktuellen Anlass für die Artikel gehabt. Aber, und nun komme das grosse Aber des Presserats: Das öffentliche Interesse an der politischen Biografie eines Chefredaktoren rechtfertige es nicht, zwei fast 30-jährige Polizeifotos zu veröffentlichen und damit die Persönlichkeit Strehles zu verletzen, präzisiert Max Trossmann. Das öffentliche Interesse berechtige die „Weltwoche“ auch nicht, in Kombination mit weiteren Bildern verurteilter Gewalttäter und Terroristen die durch Fakten nicht belegte, die durch Fakten nicht belegte und damit die Tatsachen entstellende These zu vertreten, Strehle habe als möglicher Mitwisser und (ideeller) Unterstützer von politischer Gewalt eine „irritierende Nähe zu Bombenlegern und linken Extremisten“ gehabt. „Diese These ist durch Fakten kaum gestützt. Die ‚Weltwoche‘ insinuiert, belegt aber nicht“, so Max Trossmann.

Max Trossmann greift auch den Punkt der Stellungnahme bei schweren Vorwürfen auf, da die „Weltwoche“ nach Einschätzung des Presserats eindeutig schwerwiegende Vorwürfe erhob:

Selbst wenn ein Chefredaktor die Gepflogenheiten der Branche kennt, geht es laut Presserat auch nicht an, ihm schwere Vorwürfe zu Jahrzehnte zurückliegenden Vorgängen erst wenige Stunden vor Redaktionsschluss zur Stellungnahme zu unterbreiten. Zudem seien schwere Vorwürfe ‚präzis‘ zu benennen.“ Zum Vorwurf, Strehle habe damals von terroristischen Aktivitäten von Mitbewohnern in einer Wohngemeinschaft zumindest Kenntnis gehabt, hätte die ‚Weltwoche‘ deshalb konkrete Namen nennen müssen.

In Bezug auf die Strafanzeige, die Res Strehle gegen Unbekannt wegen der Herausgabe der Polizeifotos gestellt hat (Verfahren ist gemäss SDA inzwischen sistiert, mangels Eruierbarkeit): Dies sei nicht Sache des Schweizer Presserats. Der Presserat habe im Gegenteil ein Interesse daran, dass vertrauliche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, wenn diese von öffentlichem Interesse sind, solange sie nicht mit unlauteren Methoden (Erpressung, gewaltsam, …) beschafft worden sind. Der Presserat gehe davon aus, dass die Polizeifotos der „Weltwoche“ zugespielt wurden, somit also keine unlauteren Methoden angewandt wurden. Da Res Strehle nichts von diesen Polizeifotos wusste, sei der Reiz nachvollziehbar, diese Fotos dann auch zu veröffentlichen. Doch auch hier gelte es, sorgfältig das Interesse der Öffentlichkeit und den Persönlichkeitsschutz gegeneinander abzuwägen, so Max Trossmann.

Die SDA hat auf den Entscheid des Presserats Bezug genommen und bei Res Strehle und Roger Köppel (Herausgeber und Chefredaktor der „Weltwoche“) nachgefragt, wie die Werbewoche berichtet. Während Res Strehle den Entscheid mit Befriedigung zur Kenntnis nimmt, wirft Roger Köppel dem Presserat vor, den Aufarbeitungsprozess um Strehles Vergangenheit abzuwürgen.

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2 Gedanken zu „Dossier Weltwoche Strehle

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