Wenn Verleger und Wissenschaft sich streiten…

von Gottlieb F. Höpli

…dann ist das nicht unbedingt ein negatives, sondern ein löbliches Indiz dafür, dass die Debatte um die Qualität der Medien hierzulande in Gang gekommen ist. Und das ist schon einmal positiv, mehr noch: Es ist dringend notwendig.

Denn unbestritten ist, dass die Medien das Bild der Welt in unseren Köpfen formen. Die «Mediatisierung» der Gesellschaft sei neben der Globalisierung der wichtigste Einflussfaktor auf die moderne Demokratie – also nicht parlamentarische Strukturen oder etwa die Parteien, weder die linken noch die rechten. Das meint eine internationale Forschergemeinschaft, die den Wandel der Demokratie im 21. Jahrhundert untersucht.
Dass Publizistik nichts mit Wissenschaft zu tun habe, wie Roger Schawinski kürzlich in einer Diskussion über das Jahrbuch «Qualität der Medien» von Professor Kurt Imhof behauptete, ist also eine wohl eher abwegige These. Der Abwehrreflex der Medienunternehmer auf die kritische Zustandsbeschreibung Imhofs war überhaupt erstaunlich heftig.

Dass die Bezahlmedien in der Krise seien, der Journalismus immer weniger Ressourcen zur Verfügung habe und einen Reputationsverlust erleide, die Gratismedien eine Gefahr für die Demokratie darstellten – so Imhofs Quintessenz –, das stellten prominente Verleger sogleich pauschal in Abrede. Verkehrte Welt: Während sich die Medienwissenschaft darüber Sorgen macht, dass bisherige Finanzierungs- und Geschäftsmodelle zerbröseln, machten sich Verleger Sorgen über die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft: «Diese Vorwürfe sind überzogen und vom wissenschaftlichen Standpunkt aus fragwürdig,» schrieb «Tages-Anzeiger»-Verleger Pietro Supino in einem langen Artikel (TA-Magazin vom 23. Oktober). Sein Fazit: «Die Qualität der Presse ist nicht in Gefahr.»

Supino setzt sogar noch einen drauf: Die These Imhofs (wir haben darüber berichtet), wonach vor allem die Gratismedien die Demokratie gefährdeten, sei «Unsinn». Das ist denn doch etwas starker Tobak vom Verleger des Goldesels «20minuten». Denn wenn die vorwiegend jungen Nutzer von Gratismedien und Internet mit der trügerischen Gewissheit aufwachsen, Information sei grundsätzlich gratis, dann haben die Medien durchaus ein Problem. Es wäre zielführender, wenn Supino den jungen Leuten die angelsächsische Erkenntnis nahe legen würde, «There is no such thing as a free lunch» (niemand lädt Dich zu einem Essen ein, der nicht etwas von Dir will).

Zum Gratis-Lunch werden die Medien dafür von der boomenden Branche der PR- und Kommunikationsbeauftragten eingeladen, von denen es bald mehr gibt als Journalisten. Das ist eine kritische Erkenntnis, in der sich der Verleger und der Wissenschafter ausnahmsweise einig sind. Vielleicht ist das ja – «Casablanca» lässt grüssen – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Ein Gedanke zu „Wenn Verleger und Wissenschaft sich streiten…

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