Betrübliche Bilanz des Blogger-Bundesrats

von Thomas Schlittler

Im März 2007 lancierte Moritz Leuenberger seinen persönlichen Blog. In diesem veröffentlichte er regelmässig auch Gedanken zur Medienbranche. Genau diese hat dem alt Bundesrat gegen Ende seiner Laufzeit aber die Freude am Bloggen genommen.

Bundesrat unter Bloggern (2008). Bild: Jürg Vollmer (cc)

Als Uvek-Chef war Moritz Leuenberger 15 Jahre lang der höchste Kommunikator der Schweiz. Als er im März 2007 mit einem eigenen Blog neue Kommunikationswege zu beschreiten begann, interessierte ihn vor allem, «ob sich ein Blog für den Meinungsaustausch eines Bundesrates mit anderen Menschen eignet oder nicht

Die Anfangseuphorie lässt nach
Die Antwort auf diese Frage gab Leuenberger in den folgenden Jahren gleich selbst: Während er in den Jahren 07/08 über 40 Einträge postete, flachten seine Aktivitäten im Jahr 2009 auf weniger als 30 Beiträge ab. In seinem letzten Amtsjahr bloggte der mittlerweile abgetretene Medienminister dann gerade noch vier Mal – inklusive Abschiedswort Ende Oktober 2010. Leuenberger kam offensichtlich zum Schluss, dass bloggen für einen Bundesrat nicht die optimale Kommunikationsform ist.

«Zuerst blieben wir unter uns»
Die Wehmut ist aus Leuenbergers Abschiedsworten an seine Blogger-Gemeinde deutlich herauszuspüren. Er gesteht, dass er sich im Blog «geborgen gefühlt» habe und schwärmt von der Anfangszeit, als die Blog-Leser und er «gegenseitig auf ihre Ideen eingegangen» seien. Gestört worden sei diese Idylle durch die Medien. Als diese den Blog entdeckten, fand praktisch jeder Beitrag seinen Weg in eine Zeitung und die Aussagen wurden «kommentiert und kolportiert». Als Folge dessen begann Leuenberger bei jedem Beitrag darauf zu achten, dass er in der Tagespresse nicht «zugespitzt, verfremdet oder zu einer unkorrekten Aussage gebogen» werden konnte. Dieser selbst aufgesetzte «Maulkorb gegen Missinterpretationen» habe ihm die Freude am Schreiben genommen.

Rückkehr nicht ausgeschlossen
Leuenberger verpackt in seinen Abschied also gleich noch eine letzte, persönliche Medienschelte und offenbart dem Leser somit einen weiteren Einblick in sein Verhältnis zur Presse. Die Offenheit, mit welcher Leuenberger in seinen Blog-Einträgen über seine Erfahrungen mit den Medien schrieb, ist ohnehin erstaunlich. Er zeigte nachvollziehbar auf, wie seine Aussagen von einigen Zeitungen teilweise verzehrt wurden. Dies schilderte er unter anderem anhand der Raser-Debatte: In dieser seien seine Aussagen von der Presse stark mitgeprägt – um nicht sogar zu sagen verfälscht worden. Des Weiteren veröffentlichte er Interviews, welche die Presse kurzfristig doch nicht gebracht hatte. Und zu guter Letzt machte er auch transparent, nach welchen Kriterien er die Kommentare auf seinem Blog aufschaltete.

Naive Hoffnung
Die Einstellung des Blogs ist also sicher ein Verlust – egal wer letztlich dafür verantwortlich ist. Nach dem Experiment steht aber auch fest, dass die Bloggerei eines Bundesrats in den etablierten Medien niemals unbemerkt bleiben wird. Dies zu glauben – oder zumindest zu hoffen – war doch sehr naiv von einem erprobten Medienprofi wie Leuenberger. Mit dieser Tatsache müsste sich wohl auch jedes andere Regierungsmitglied abfinden, welches in Zukunft in Leuenbergers Fussstapfen treten möchte.
Leuenberger hingegen besässe nun als Nicht-Bundesrat in der Formulierung seiner Meinungen und Voten grössere Freiheiten. Er hält sich wohl auch deshalb die Möglichkeit offen, eines Tages wieder in die Blogosphänre zurückzukehren.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

Ein Gedanke zu „Betrübliche Bilanz des Blogger-Bundesrats

  1. Lara Attinger

    Ich habe den Blog von Leuenberger während dessen Amtszeit nicht mitverfolgt und ihn erst jetzt im Nachhinein gelesen. Schade! Denn der ehemalige Bundesrat hat in diesem Blog einmal mehr bewiesen, dass er mit Sprache umzugehen vermag. Seine Beiträge sind wirklich spannend zu lesen – selbst wenn mittlerweile nicht mehr alle Themen aktuell sind. Durch das Medium und den Schreibstil fühlt man sich Leuenberger näher, als wenn man irgendeine Presseerklärung aus seinem (ehemaligen) Departement vorgesetzt bekommen hätte. Der Sinn des neuen Kommunikationswegs wäre also erfüllt gewesen. Von daher ist es doppelt schade, dass ihm die Lust am Schreiben mit der Zeit vergangen ist. Den Medien kann man in diesem Fall aber keinen wirklichen Vorwurf machen (abgesehen von den angeblichen Verzerrungen seiner Aussagen). Es ist nur logisch und legitim, dass der Inhalt eines Bundesrat-Blogs den Weg in die „reguläre“ Presse findet. Es kann ja nicht davon ausgegangen werden, dass jeder diesen Blog liest. Von daher war es sogar die Pflicht der Medien, die Blog-Statements von Leuenberger aufzugreifen. Die Naivität von Leuenberger in dieser Sache und dieses „aus-Protest-nicht-mehr-Schreiben“ wirkt daher doch eher befremdlich.

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