„Manchmal sind wir unbequem – auch für Kollegen“

Interview mit Patrik Müller von Fabienne Huber

Die meisten Zeitungen verzichten heute auf eine Medienseite. Für den „Sonntag“ käme dies nicht in Frage. Denn: „Medienkritik interessiert die Leser sehr wohl.“ Davon ist Chefredaktor Patrik Müller überzeugt. Doch Kollegen zu kritisieren, habe auch seine Tücken, sagt Müller im Interview.

Patrik Müller, Chefredaktor Sonntag. Bild: zvg.

Der Sonntag ist eine junge Zeitung und hat – entgegen dem Trend – eine Medienseite eingeführt. Warum?
Primär aus zwei Gründen: Erstens ist das Thema zu wichtig, als dass man darauf verzichten könnte. Zweitens braucht man natürlich einen kompetenten Betreuer der Medienseite. Mit Kurt-Emil Merki haben wir einen Medienjournalisten mit viel Erfahrung. Dieses Wissen wollte ich nutzen, um dem Leser die Medienbranche zugänglich zu machen.

Andere Zeitungen argumentieren, dass sich die Leser nicht wirklich für Medienthemen interessieren. Ist das beim „Sonntag“ anders?
Die Leser schätzen die Medienseite sehr. Das merken wir auch an den Rückmeldungen und Reaktionen, die wir erhalten. Meiner Meinung nach wird das Interesse der Leser an der Medienseite generell unterschätzt. Darum begreife ich nicht, wieso sonst fast niemand eine Medienseite hat. Denn die Medien sind bei den Leuten sehr wohl ein Gesprächsthema.

Was für einen Nutzen haben die Leser von ihrer Medienseite?
Die Menschen haben gegenüber den Medien ein grosses Unbehagen. Sie haben das Gefühl, von den Medien beeinflusst zu werden. Die Macht der Medien wir von den Lesern oft überschätzt. Hier kann die Medienseite Erklärungs- und Einordnungshilfe bieten. Dies ist heute wichtiger denn je.

Wie werden die Medienthemen beim „Sonntag“ ausgewählt?
Da ist Kurt-Emil Merki federführend. Aber die Inputs kommen aus der ganzen Redaktion. Journalisten interessieren sich schliesslich für Journalismus. Man sieht also viele verschiedene Autoren auf der Medienseite.

Viele Journalisten tun sich schwer damit andere Journalisten zu kritisieren. Welches sind Ihre Erfahrungen?
Viele Medienhäuser sind sich nicht gewohnt, kritisiert zu werden. Das merken wir an den teils heftigen Reaktionen. Dies zeigt uns aber auch, dass wir mit unserer Kritik in die richtige Richtung gehen und etwas auslösen.

Wie gehen Sie denn damit um, wenn der „Sonntag“ in die Kritik gerät?
Für mich war es ein Lernprozess. Am Anfang bin ich sauer geworden und fand es ungerecht, was über uns geschrieben wurde. Inzwischen nehme ich das gelassen. Wenn wir kritisiert werden – ob von einer anderen Zeitung, Bekannten oder kritischen Organisationen wie persönlich – nehmen wir die Kritik auf, sprechen darüber und lassen sie je nach dem mit einfliessen.

Wenn Journalisten andere Journalisten kritisieren, ist es oft heikel. Wie werden solche Themen beim „Sonntag“ gehandhabt?
Es ist effektiv viel heikler, weil es direkte Konkurrenten im Markt sind. Man muss noch subtiler vorgehen. Wir haben auch schon einige gute Geschichten nicht gebracht, weil es zum Beispiel andere Sonntagszeitungen betroffen hätte und wir sagen mussten, es wäre komisch, wenn diese Geschichte bei uns publiziert werden würde. Aber auch hier: Manchmal sind wir unbequem, auch für Kollegen.

Ist es denn richtig, gewisse Themen aus Angst vor den Reaktionen zurückzuhalten?
Man muss immer aufpassen, wenn man aus dem Glashaus heraus mit Steinen wirft. Da auferlege ich uns eine gewisse Zurückhaltung. Und oft sind es gar nicht die Reaktionen, wovor man zurückschreckt, sondern gewisse Abhängigkeiten. Bei einem kleineren Medienhaus, wie der AZ ist dies kein so grosses Problem. Aber Tamedia zum Beispiel ist ein riesiges Verlagshaus. Da wird der Kritikradius stark eingeschränkt. Schliesslich würde es nicht sehr glaubwürdig wirken, wenn die Sonntagszeitung die Berner Zeitung kritisieren würde.

Sie sprechen das Problem der Medienkonzentration an?
Ja, ich denke, dass dies einen grossen Einfluss auf die Medienkritik hat. Früher war es einfacher, da man viel unabhängiger war. Heute sind viele Zeitungen stark eingeschränkt bei der Frage wen und was sie kritisieren können, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken.

Wenn Sie ihre eigene Medienseite kritisch betrachten. Was könnten Sie besser machen?
Eine intensivere Recherche wäre sicher wünschenswert. Das ist aber oft eine Frage der Ressourcen. Es gäbe viele spannende Medienthemen, die genau daran scheitern. Ausserdem sollte man sich nicht zu sehr in Detailgeschichten verstricken, sondern auch grosse Themen, wie z.B. „die Unabhängigkeit des Journalismus“ aufgreifen.

Wie wichtig schätzen Sie Medienkritik in der heutigen Gesellschaft ein?
Medienkritik kommt nicht mehr so häufig vor, vor allem die Tageszeitungen berichten kaum mehr darüber. Dabei leben wir heute in einer Mediengesellschaft. Und gerade darum ist Medienkritik heute wichtiger denn je.

7 Gedanken zu „„Manchmal sind wir unbequem – auch für Kollegen“

  1. Pete

    wenn verlag und redaktion angeblich unabhängig funktionieren, würde es die glaubwürdigkeit der tagi-redatkion doch eher steigern, wenn sie die BZ kritisieren würde…

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  2. Silvan Gruber

    Ein Schritt in die richtige Richtung

    Es versteht sich von selbst, dass Medienkritik in der heutigen, schnelllebigen Zeit besonders wichtig ist. Demnach kann das Vorgehen vom Sonntag als vorbildlich bezeichnet werden. Denn: Wie nun Patrick Müller bestätigt, können Medienseiten sehr wohl interessant und ein fester Bestandteil eines Printmediums sein. Es kommt natürlich immer darauf an, wie und welche Themen selektioniert werden. Das ist meines Erachtens der zentrale Punkt. Schafft es eine Zeitung, kritische Inhalte und Diskurse so zu verarbeiten, dass sie eine breite Öffentlichkeit interessieren, können auch die Medienseiten überleben. Schliesslich kann der Gesellschaft ein gewisses Grundinteresse an der Medienbranche nicht abgesprochen werden. Es liegt also an den Medien selbst, dieses Grundinteresse zu berücksichtigen und entsprechend aufzugreifen.

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  3. Andy Frei

    Man muss sich ja nicht zwingend ins Glashaus setzen. Wer Kritik verteilt, muss sie auch einstecken können und dafür ist ein solides Haus der bessere Rückhalt. Oder anders gesagt: Zuerst vor seiner eigenen Türe kehren. Wenn alles sauber ist und auf festen Grundmauern steht, sollte es auch kein Problem sein, andere Medien zu kritisieren, wenn dies angebracht ist.

    Ich glaube vor was viele Journalisten und Medienkritiker mehr Angst haben, ist das sich rasch wandelnde Umfeld. Die Jobs sind nicht mehr sicher und schon morgen könnte das vom Journalisten kritisierte Medienhaus ja ein potentieller neuer Arbeitgeber sein.

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  5. Lukas Langhart

    Sonntag-Chefredaktor Patrik Müller sagt, seine Redaktion habe „einige gute Geschichten nicht gebracht, weil es zum Beispiel andere Sonntagszeitungen betroffen hätte.“ Solche Geschichten zu publizieren wäre „komisch“. Mit Verlaub: Diese Haltung ist äusserst bedenklich. Denn sie schränkt den Radius der journalistischen Medienkritik zusätzlich ein, wo er doch ohnehin schon sehr eng ist. Wer, wenn nicht der „Sonntag“, soll einen Skandal über die „SonntagsZeitung“ oder die „NZZ am Sonntag“ aufdecken? Im einen Fall sicher kein Tamedia-Titel, im anderen Fall sicher keine Zeitung der NZZ-Gruppe. Denn dass sich die verschiedenen Titel eines einzigen Unternehmens gegenseitig kritisieren, ist unnatürlich und damit für die Leserschaft unglaubwürdig. Wieso? Weil die Leserinnen und Leser nicht auf den Kopf gefallen sind, daher wissen, dass etwa der „Tages-Anzeiger“ und die „SonntagsZeitung“ im gleichen Haus geschrieben werden und im Falle künstlich kritischer Haltung eins und eins zusammen zählen können. Welche Kritik ist folglich die glaubwürdigste? Vielleicht diejenige, die von einer unabhängigen Stelle kommt. Aber welche unabhängige Stelle verfügt über ein Publikationsorgan, das von der breiten Masse konsumiert wird? Eben. Bleibt noch eine Art der Kritik: diejenige der Konkurrenz. Auch hier sind die Absichten klar, man will sich gegenseitig ein wenig eine reinwürgen, weshalb sollte der Konkurrenzkampf auch nicht mit journalistischen Waffen ausgefochten werden, denn genau das macht die Konkurrenzkritik zur glaubwürdigsten aller Kritiken, die ausserdem gerne gelesen wird, weil sie unterhaltsam ist. Sofern gute Argumente geliefert werden. Aber das ist Grundbedingung für jede Kritik. Wenn nun aber die Chefredaktion die Konkurrenzkritik unterbindet, wenn auch nur in gewissen Fällen, wird die Konkurrenzsituation verheimlicht. Das ist Betrug am Leser und Verfälschung des Marktes. Über die Absichten der Chefredaktion lässt sich dabei nur spekulieren. Vielleicht wollen sie sich gegen oben alle Karrieretürchen offen halten?

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  6. Michael

    Möglicherweise sollte sich Herr Chefredaktor Patrick Müller auch mit seinem eigenen Versagen und jenem eines Teils seiner Journalisten auseinander setzen. Deshalb wäre eine offene Selbstkritik (und eine Entschuldigung) über die Verletzung der journalistischen Standesregeln eigentlich angebracht.

    Der Schweizerische Presserat hat die Zeitung ‚Sonntag‘ den Journalisten Toni Widmer und eben Chefredaktor Patrick Müller für einen Artikel vom 27.6.2010 verurteilt. Sie haben gegenüber einem Kinderrechtsaktivisten schwere Vorwürfe erhoben, ohne ihn zu einer Stellungnahme zuzulassen. Darüber hinaus wirft dieser dem ‚Sonntag‘ vor, falsche Tatsachen zu verbreiten – was der Presserat mangels Unterlagen jedoch nicht verifizieren konnte. Das Urteil findet sich unter http://www.presserat.ch/28500.htm

    Über die Gründe eines so servilen Journalismus lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise streben diese Journalisten mittelfristig einen sicheren und gut bezahlten Job als Pressesprecher bei einem Amt an; da ist es ratsam, sich mit der Obrigkeit gut zu stellen…

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  7. Pingback: Am Sonntag schiessen wir gegen die SRG | Medienkritik Schweiz

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