Blattkritik für Fortgeschrittene

von Silvan Gruber

Trotz stetig steigendem Zeitdruck und allgemeiner Ressourcenknappheit ist die Blattkritik aus nahezu keiner Redaktion wegzudenken. Der tatsächliche Erfolg dieser subjektiven Kollegenkritik bleibt aber oftmals aus. Dies, weil entscheidende Faktoren vernachlässig werden. Doch wie sieht eine substanzielle und pragmatisch orientierte Blattkritik eigentlich aus?

Die interne Blattkritik gilt in Redaktionen gemeinhin als wichtiges Instrument zur Qualitätssicherung. Doch im Laufe der Zeit hat sich aus der inhaltsreichen Konfrontation mit dem eigenen Schaffen auf vielen Redaktionen eine triviale Debatte entwickelt. Es versteht sich von selbst, dass die erschwerten Umstände in der Medienbranche ihren Teil dazu beitragen. Dennoch: „Auch in hektischen und wirtschaftlich schwierigen Zeiten kann eine strukturierte und zielgerichtete Blattkritik stattfinden“, schreibt beispielsweise Ulf Grüner, Autor des Buches „Qualitätsmanagement in Redaktionen“.

Fokussieren statt abschweifen
In einer substanziellen Blattkritik werden Schwerpunkte gesetzt. „Diese reichen von gewählten Titeln und Bildern über Bildlegenden bis hin zu spezifischen Formulierungen“, erläutert Grüner. Folglich stehen während der internen Blattkritik ausschliesslich diese Punkte im Vordergrund. Dadurch können belanglose Diskussionen eingeschränkt und Zeit gespart werden. Zudem bekommen die Journalisten ein besseres Gespür für die redaktionellen Ansprüche. Damit die täglichen Sitzungen nicht zu langweiligen Repetitionsstunden verkommen, empfiehlt es sich, die Schwerpunkte wöchentlich zu ändern und anzupassen.

Gute Kritik ist konstruktiv
Verschiedene Faktoren entscheiden darüber, ob die geübte Kritik angenommen wird und dem Journalisten sowie dem Team positive Impulse für die zukünftige Arbeit vermittelt. Ein unerlässlicher Bestandteil der erfolgreichen Blattkritik ist dementsprechend die positive Grundhaltung der Teilnehmer. Dies gilt sowohl für die Kritiker als auch für die kritisierten Journalisten. Dabei werden neben Beanstandungen und Verbesserungsvorschlägen immer auch die positiven Aspekte hervorgehoben. Überdies ist die Kritik stets begründet und persönliche Beziehungen und Differenzen werden aussen vor gelassen.

Während der Blattkritik sind alle gleich(gestellt)
Die Rangstufe und Reputation des Kritikers haben massgeblichen Einfluss darüber, wie die Kritik aufgefasst wird. Dies führt konsequenterweise dazu, dass kritische Äusserungen von erfahrenen Journalisten einen höheren Stellenwert haben, als diejenigen von jüngeren oder Praktikanten. Dieser Status quo ist aber unbegründet. Obwohl Berufserfahrung diesbezüglich mit Sicherheit eine Rolle spielt, sind auch andere Meinungen zu berücksichtigen. Denn eine fundierte Blattkritik lässt verschiedene Sichtweisen zu und beschränkt sich nicht auf die Ansicht einer einzelnen Person. Aus diesem Grund sollte die Kritik auch nicht ausschliesslich von erfahrenen Journalisten oder dem Chefredaktor geführt werden. Alle Journalisten sollten die Möglichkeit haben, sich entsprechend einzubringen.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

Ein Gedanke zu „Blattkritik für Fortgeschrittene

  1. Maria-Anna Wieland

    Diese Lösungsansätze tönen ja schön und gut. Sind sie aber wirklich umsetzbar? Und wenn ja, auch wirklich fördernd? Fokussieren, Schwerpunkte setzen erleichtert vielleicht die Arbeit des Kritikers und ergibt bestenfalls auch ein konstruktives Ergebnis. Aber schlussendlich werden auch über spezifische Formulierungen und Bildlegenden zeitraubende, belanglose Diskussionen geführt, denn die Kritikfähigkeit (in beide Richtungen) der Redakteure wird dadurch nicht verbessert. Dieses Problem mit der Gleichstellung aller Beteiligten zu lösen, erleichtert das Feedback wiederum nur für gewisse Betroffene, aber regelt nicht wie die Kritik ankommt und vor allem nicht, wie sie umgesetzt wird. Ausserdem ist es kaum machbar, eine solche «Regelung» einfach einzuführen, wenn die Redakteure nicht individuell davon überzeugt sind, dass Blattkritik auch wirklich unabdingbar und nützlich ist. Eine solche Überzeugung ist nämlich genau der ausschlaggebende Faktor für die Akzeptanz und Umsetzbarkeit einer konstruktiven Kritik. Schlussendlich ist aber auch ein totaler Wille zur Durchführung einer guten Blattkritik nicht darüber erhaben, dass Journalismus von Menschen und nicht von Maschinen gemacht wird und es deshalb unmöglich ist, persönliche Differenzen auszublenden. Denn auch wenn dies beispielsweise der Kritiker macht, bleibt beim Kritisierten ein ungutes Gefühl zurück. Ob er will oder nicht.

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