Debatte mit Defiziten

von Florian Imbach

Unterdessen ist sie wieder etwas abgeflacht. Doch zwischenzeitlich hatte die Debatte über die Qualität in den Schweizer Medien ihren Namen verdient. Das Essay von Pietro Supino als Replik auf das Jahrbuch von Kurt Imhof diente dabei als Katalysator. Noch ist aber nicht alles gesagt.

Im August veröffentlichte die Forschergruppe um den Soziolgen Kurt Imhof das „Jahrbuch Qualiät der Medien“. Darin kamen die Forscher zum Schluss, dass es um die Qualität der Schweizer Medien nicht gut stehe. Die prekäre finanzielle Situation führe zu einer „Qualitätserosion in der grossen Tradition der schweizerischen Publizistik“. Die unmittelbare Reaktion von Vertretern der kritisierten Medienhäuser war ablehnend, auf die konkret kritisierten Punkte der Forschungsarbeit wurde nicht Bezug genommen.

Supino lockt Kritiker aus dem Bau
Es sollte fast drei Monate dauern, bis die die inhaltliche Auseinandersetzung um das Jahrbuch in Gang kam. Tamedia-Verleger Pietro Supino griff Ende Oktober die Forschungsarbeit in einem längeren Essay unter dem Titel „ Die Qualität unserer Presse“ wieder auf, das er im hauseigenen „Magazin“ publizierte. Daraufhin folgte eine Replik Kurt Imhofs mit dem Titel „Wehe dem, der die Kritiker kritisiert!“, die das Blog medienspiegel.ch veröffentlichte. Tags darauf schaltete sich Rainer Stadler, Medienjournalist der NZZ, in den Diskurs ein mit dem Artikel „Ein Verleger sieht rosa“. Die Diskussion schien anzuziehen, auf die Diskursbeiträge meldeten sich viele Interessierte mit Kommentaren und auch Leserbriefen. Am 3. November folgte ein Beitrag von Gottlieb Höpli auf dieser Plattform.

Intelligente Repliken
Doch findet hier wirklich ein Dialog statt? Nehmen die Exponenten Bezug aufeinander? Supinos Essay, das im Netz belächelt wurde (Medienspiegel.ch: „Prozac, anyone?“) nimmt Argumente der Imhof-Studie explizit und implizit auf und erwidert mit eigenen Argumenten. So zitiert der Verleger die Feststellung der Studie, es gebe einen «Vormarsch qualitätsschwacher Medien» und entgegnet, dass sich die Mediennutzung in den letzten Jahren verändert habe und das Angebot an Informationen nie so vielfältig und breit war wie heute. Auch auf eine der Hauptfolgerungen Imhofs, die Demokratie sei in Gefahr, geht Supino ein. Leider nicht mit einem Gegenargument, sondern mit der Aufforderung an die Wissenschaft, dies zu beweisen. Nebst der inhaltlichen Bezüge, die in Supinos Text zu finden sind, fällt das Argumentationsmuster leider wieder zurück auf die grundsätzliche Ablehnung, die bereits unmittelbar nach der Veröffentlichung zu vernehmen war. So meint Supino pauschal: „Diese Vorwürfe sind überzogen und vom wissenschaftlichen Standpunkt aus fragwürdig.“ Die Wissenschaftlichkeit und Glaubwürdigkeit der Studie anzuzweifeln, bedeutet, sich der inhaltlichen Auseinandersetzung zu entziehen.

Wer antwortet Imhof?
Expliziter erwidert Imhof. Beinahe die ganze Replik Imhofs besteht aus Bezügen zu Supinos Schrift. Der Medienforscher scheut sich auch nicht, dem Verleger teilweise Recht zu geben: „Zudem weist er [Supino] auf die fehlende Forschung über die Wirkung der Medien in den Köpfen des Publikums und auf den wachsenden PR-Einfluss auf die Redaktionen hin. Mit diesem letzten Punkt hat Supino Recht.” Und auch wenn Imhof seine Replik dazu benützt, wieder auf die aus seiner Sicht wertvollen Inhalte seiner Arbeit einzugehen und Werbung zu machen, so ist es doch über weite Teile eine ehrliche Auseinandersetzung mit Supinos Kritik, als Ganzes also durchaus als Dialog zu bezeichnen. Spannend wäre es nun, eine Antwort Supinos auf die Argumente Imhofs zu lesen.

Medienkritiker gefordert
Denn das muss man dem Verleger zugestehen. Er hat eine Diskussion gestartet. Und obwohl seine Argumente eher einfacher Natur sind, so sind die Repliken, die er provozierte, sehr fundiert. So hat etwa Rainer Stadler in einem NZZ-Beitrag ausführlich Supinos Hauptargumente zerpflückt und vermeintlich kausale Zusammenhänge entkräftet. Beispielsweise: „Sind die offenbar stabilen politischen Kenntnisse der Jugendlichen und das höhere Wissen in der Bevölkerung eine Leistung der Medien? Man darf zweifeln. Diese Verdienste muss man vielmehr unserem Bildungssystem zuschreiben. Wenn überdies das allgemeine Bildungsniveau wächst, bedeutet dies für die Medien, dass sie mit einem kompetenteren Publikum konfrontiert sind und entsprechend ihre Wissenskräfte stärken müssten, um mithalten zu können.“ Zu wünschen wäre, dass der Dialog nun nicht abbricht und auch Imhofs oder Stadlers Argumente erwidert werden. Die Medienkritikszene Schweiz ist gefordert.

Dieser Beitrag wurde am von in Aktuell veröffentlicht. Schlagworte: , , , , , .

Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

Ein Gedanke zu „Debatte mit Defiziten

  1. Pingback: Debatte mit Defiziten | Medienkritik Schweiz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.