Gründungserfolg wider den Branchentrend

von Heidrun Gehrke

Beim Wort „Medienkrise“ winkt Remo Leupin, Redaktionsleiter der Zeitschrift BeobachterNatur ab: „Es ist ungefähr die 90. Zeitungskrise, seit ich Journalist bin.“ Womit er sagen will: Von Krise wird schon lange geredet, Zeitungen und Zeitschriften gibt es immer noch.

Gross ist die Auswahl an Magazinen zu Naturthemen – trotzdem gibt es noch Marktlücken. Bild: Heidrun Gehrke

Redaktionsleiter Remo Leupin spricht mit Blick auf den Print-Neuling BeobachterNatur schon von der „erfolgreichsten“ Zeitschriftenlancierung in der Schweiz: „Das hat es noch nie gegeben, dass eine Zeitschrift in kurzer Zeit eine solch hohe Leserzahl erreicht.“

Wie erklärt er sich den Erfolg? Zum einen sei die Marke Beobachter etabliert und besitze Glaubwürdigkeit, das verhelfe auch dem Schwesterblatt zu Publizität. Für Remo Leupin kommt es zudem auf das „Wie“ an: „Gute Ansätze, aussergewöhnliche Ideen, pfiffige Gestaltung und manch überraschende wissenschaftliche Erklärung – das funktioniert“.

[callout title=Nach einnem Jahr 30’000 Auflage] Der Beobachter hat eine verkaufte Auflage von über 300’000 Exemplaren und wird von rund 960’000 Lesern genutzt. Das Tochterblatt BeobachterNatur kann zum Einjährigen eine Auflage von über 30’000 Exemplaren vorweisen und wird von 391’000 Lesern genutzt. BeobachterNatur arbeitet mit einer eigenständigen Redaktion, in der vier fest angestellte Wissenschaftsredakteure und 20 freie Mitarbeiter und Autoren beschäftigt sind.[/callout]

Neue Rezepte sind gefragt
Mit der seit einem Jahr erscheinenden Zeitschrift BeobachterNatur wird der Schweizer Markt der Publikumszeitschriften um einen naturbezogenen Titel reicher: Das Magazin verzeichnet eine wachsende Leserschaft und dies in einer Zeit, in der allgemein gern von „ernüchterter Stimmung“ im journalistischen Printsektor die Rede ist. „Die Kunst ist es, den Stoff so aufzubereiten, wie man ihn sonst nicht bekommt“, geht Leupin auf das Konzept ein. Der Leser wolle verstehen, wie die Relativitätstheorie funktioniert, aber auf eine verständliche Art, das heisse als Geschichte erzählt, die die Menschen erreicht. „Im Internet finden die Menschen das, wonach sie suchen, aber auch nicht mehr.“ Print hingegen könne in der Vielfalt eine Nische besetzen und im Gegensatz zur schieren Menge das Besondere bieten. „Naturzeitschriften leben von der Inszenierung“, sagt Remo Leupin, Redaktionsleiter von BeobachterNatur. „Man muss die Schönheit der Natur nicht nur beschreiben, sondern sie auch zeigen“.

Trotz grosser Vielfalt noch Marktlücke
Aus der Schönheit der Natur schöpfen diverse Magazine ihre Themen: Schweizer Garten, ecoLife, Natürlich leben, Animan, Bioterra – nun spriesst mit BeobachterNatur ein weiterer Titel aus dem weiten Feld zwischen Nachhaltigkeit, Wandern, Garten, Natur und Wissenschaft. 2009 erschien das erste „Natur“-Heft, damals als Beilage zum etablierten Beobachter. Inzwischen ist es ein eigenständiger Titel, der laut Leupin von 391000 Menschen gelesen wird. Im Nachbarland Deutschland boomen Titel, die Lifestyle und Natur vereinen; ein ganz anderes Feld beackert das Blattkonzept des BeobachterNatur: „Wir vertreten nicht den ‚Loha‘-Gedanken: Auf Teufel komm raus konsumieren und nebenher ein bisschen die Welt retten“, sagt Leupin über einen Lebensstil, mit dem durch ein bestimmtes Konsumverhalten und gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit gefördert werden soll.

Wissensvermittlung mit Nutzwert
BeobachterNatur sei auch kein „Kampfblatt“ für die grüne Ecke. Die Zeitschrift setze auf Wissensvermittlung auf einfach verständliche Art, will sinnlich Natur vermitteln und naturwissenschaftliche Themen „nutzwertorientiert“ aufbereiten. Wäre angesichts vieler ähnlich lautender Titel und einer eher ernüchterten Stimmung auf dem Zeitschriftenmarkt weniger nicht mehr? Der Journalismus befinde sich in einem Umbruch, sagt Leupin und nennt als Beispiel die Gratiskultur im Internet und das Aufkommen von Gratiszeitungen. Das bekämen insbesondere Tageszeitungen zu spüren.
Anders sieht es Leupin für den Magazinjournalismus in der Schweiz. „Prognosen sind schwer, wer weiss, vielleicht sieht’s in einem Jahr ganz anders aus, als wir heute denken.“ Dem Internet die Schuld zuzuschreiben, greife jedoch zu kurz. Insbesondere junge Leser, die der Allensbacher Computer- und Technikanalyse 2010 zufolge vermehrt ins Internet abwandern, griffen zu – damit ist der BeobachterNatur entgegen Trend aufgestellt: Viele neue Leser von BeobachterNatur sind nach Angabe von Remo Leupin im Alter ab 30 Jahren.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch

Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen

Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur.

Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil.

Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main.

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

Ein Gedanke zu „Gründungserfolg wider den Branchentrend

  1. Lian Voggel

    Meiner Meinung nach sind Special-Interest-Zeitschriften der Markt der Zukunft. Sie liefern dem interessierten Leser die Informationen zu einem bestimmten Themenbereich auf dem Silbertablett. Das in diesem Zusammenhang gern angeführte Argument, dass sämtliche Informationen im Internet erhältlich seien, halte ich aus mehreren Gründen nicht für schlagkräftig. Zum einen muss man sich die Informationen selbst zusammensuchen, zum anderen ist vertiefte Recherche nötig, wenn man die Quelle und die Richtigkeit eruieren möchte. Der Vorteil der Special-Interest-Zeitschriften ist, dass die Artikel gut recherchiert sind und journalistisch aufbereitet sind. Wie Remo Leupin, der Redaktionsleiter von Beobachter Natur schreibt, sind gute Bilder ein Muss. Generell möchte ich das Internet als Informationsquelle für besondere Interessen aber nicht ausschliessen. Wenn iPads und Co. den Markt erst einmal vollständig erobert haben, werden mit Sicherheit auch Special-Interest-Zeitschriften vermehrt online angeboten und gelesen werden. Für qualitativ hochstehende Medienprodukte, sei es gedruckt oder online, sind die Leser bereit zu bezahlen.

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