Watchblogs steigern die Qualität der Medien

von Raphael Mahler

Blogs bieten ein neues Forum für Medienkritik. In den USA wird diese Möglichkeit bereits rege und erfolgreich genutzt. Doch welche Rolle spielen Watchblogs für deutschsprachige Medien? medienspiegel.ch und bildblog.de zeigen, wie es gehen könnte.

Sie heissen Buzzmachine, Gawker oder Newsbusters; Medienblogs, bilden in den USA einen festen Bestandteil der Medienkritik. Sie werden auch als Watchblogs, bezeichnet, in Anlehnung an Watchdogs, also Wachhunde. Und dies ganz zurecht. Ihre Arbeit hat Gewicht und zeigt Wirkung: So verkündete beispielsweise der US-Fernsehmoderator Dan Rather seinen vorzeitigen Abschied als Moderator bei CBS, nachdem Blogger Fehler in einer von ihm mitverantworteten Reportage über Präsident Bush aufgedeckt hatten. In Europa ist diese Form von Medienkritik noch nicht so stark etabliert. Dennoch gibt es Beispiele, die zeigen, dass dieses neue Forum auch bei uns Wirkung zeigt.
Rund 40 bis 50’000 Besucher verzeichnet das deutsche „Bildblog“ pro Tag. Ursprünglich gegründet, um der Boulevardzeitung auf die Finger zu schauen, hat das Blog sein Spektrum seit 2009 erweitert. Inzwischen berichtet Bildblog über Zeitungen, TV-Sender oder Agenturen – auch über solche aus der Schweiz. Betrieben wird der Blog von verschiedenen Medienjournalisten. Unter anderen auch vom Schweizer Ronnie Grob, der täglich die Kolumne „6 vor 9“ verfasst.

„Bild“-Zeitung liest „Bildblog“
„Medienblogs steigern die Qualität unsere Medien“, ist Ronnie Grob überzeugt. Auch wenn die Plattformen noch nicht den Stellwert haben wie in den USA, sind sie für Ronnie Grob kein Tropfen auf den heissen Stein. „Bild verbessert beinahe täglich ihre Beiträge im Web, nach dem wir Fehler gefunden und publiziert haben.“ Das sei doch das beste Beispiel, dass Medienblogs zur Qualitätssteigerung beitragen. Die publizierten Artikel auf Bildblog sind von ganz unterschiedlicher Natur. Mal handeln sie von Schreibfehlern, mal von einseitiger Berichterstattung oder auch von schlecht recherchierten Fakten.

Mehr Dienstleister als Kontrolleur
Etwas kleinere Brötchen backt man in der Schweiz. Einer der hierzulande bekanntesten Medienblogs ist der „Medienspiegel“. Dieses Watchblog muss sich mit etwa 400 Besucher pro Tag begnügen. Gemessen an der Einwohnerzahl der beiden Länder begegnen sich die beiden Blogs aber auf Augenhöhe. Das Rollenverständnis von Medienspiegel und Bildblog ist jedoch verschieden.
Während der Bildblog den Medien auf die Finger schaut und auf Fehler verweist, sieht sich Martin Hitz, der Betreiber des Medienspiegels, mehr als Dienstleister. „Ich will eine Plattform bieten, auf der über Medien und deren Erzeugnisse diskutiert werden kann.“ Es sei aber nicht explizit sein Ziel die Medien damit zu verbessern. Dennoch hofft er mit seinen Beiträgen die Leser und Journalisten zum Nachdenken zu bewegen. Das dies oftmals gelingt sieht Martin Hitz an den Kommentaren. „Es entstehen häufig angeregte Diskussionen.“

„Mehr Mut zum Scheitern“
Martin Hitz und Ronnie Grob lesen ihre Blogs gegenseitig. Auf einen Vergleich lassen sie sich aber nicht ein. „Man kann die beiden Seiten kaum vergleichen, da der Medienspiegel kein typischer Watchblog ist“, sagt Ronnie Grob. Darüber sind sich beide einig. Zudem sei die Blogger-Szene in der Schweiz noch nicht so weit wie in Deutschland. „Es gibt zu wenige Journalisten in der Schweiz, die sich getrauen ihre Ansichten öffentlich darzulegen“, findet Grob, der in Berlin lebt. Dass der fehlende Mut ein Problem ist, glaubt auch Martin Hitz. Man brauche bei so einem Projekt den Mut zum Scheitern und Durchhaltewillen.

Ob Medienblogs in unseren Breitengraden jemals den gleichen Stellenwert wie in den USA erlangen wissen beide nicht. Für Ronnie Grob ist jedoch klar: „Die Internet-Revolution ist noch nicht vorbei. Man betrachte nur das Beispiel Wikileaks.“

5 Gedanken zu „Watchblogs steigern die Qualität der Medien

  1. Pascal Schwyn

    Der deutsche „Bildblog“ profiliert sich dadurch, dass er einerseits wage oder falsche Informationen überprüft und andererseits auf grammatikalische Fehler (welche in diesem Medium en masse vorhanden sind) hinweist. Ein Service für den Leser und ein Anstoss zur Qualitätssicherung. Eine ähnliche Plattform würde ich mir auch für das einheimische Boulevard-Medium – dem Blick – wünschen. Durch die rasanten Publikationen und zahlreichen Primeure (gerade im Ressort Sport) macht sich die Online-Plattform bei der Leserschaft beliebt. Allerdings hinterfragt jeder, der nicht jeden Quatsch glaubt, diese Informationen. Hier könnte ein ähnliches Modell wie der „Bildblog“ bestimmt zu einer Verbesserung (evt. auch der Glaubwürdigkeit?) beitragen. Aber die Schweizer Blogs – zumindest die Bekanntesten – wollen ja die Medien nicht verbessern…

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  2. Janko Skorup

    Ich frage mich, wie viel die Blogs wirklich zur Qualitätssteigerung beitragen. Es ist ja schön und gut, dass die Beiträge im Netz von z.B. Bild nachträglich verbessert werden, nachdem auf Fehler hingewiesen wird. Aber meiner Meinung nach sollten gravierende Fehler schon im vor der Publikation erkannt und verbessert werden! Ich kann mir vorstellen, dass Blogs wie der bildblog die Online-Redakteure von Bild noch fahrlässiger arbeiten lassen, weil diese denken, dass es ja dann schon noch eine Kontrollinstanz gibt. So werden nur Symptome des Problems behoben, nicht aber das Problem bei der Wurzel gepackt. Was wir brauchen ist mehr Qualität in den Redaktionen und sorgfältigere Arbeit von Anfang an. Und das kann nur mit weniger Zeit- und Spardruck geschehen.
    Ausserdem sprechen Blogs zwar die Medien direkt an, aber ich Frage mich, wie stark das vom Publikum wahrgenommen wird. Dass z.B. Zeitung A schlechte Online-Arbeit leistet und dann in einem Blog gerügt wird. Wenn es dann wirklich eine Abnahme der Klicks auf Zeitung A gibt, dann denke ich dass die Blogs eine echte Wirkung erzielen, nämlich wirtschaftlichen Druck auf Zeitung A. Wenn dies nicht der Fall ist, würde ich jetzt Blogs nicht zu hoch loben.

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  3. Pascal Wettstein

    Ich stimme mit Janko überein. Medienkritische Blogs werden doch vor allem von Leuten aus der Medienbranche gelesen und verfolgt. Ausser es werden von einem Blogger skandalöse Fakten ans Licht gebracht habe ich nicht das Gefühl, dass das Dokumentieren von Journalistischen Fehlleistungen einen grossen Einfluss auf die Leser hat.

    Es gibt jedoch einen Kanal, durch welchen sich diese Blogs die Aufmerksamkeit eines Teils der Leserschaft erringen kann: Social Media. Immer mehr fällt auf, wie Leser sich über die Berichterstattung gewisser Medien zum Beispiel auf Facebook aufregen und ihren Ärger kundtun. Es ist völlig richtig, dass ein Blog mit 400 Lesern in der Medienlandschaft nicht viel Resonanz hat. Allerdings währe es möglich, dass diese 400, durch die Nutzung ihrer jeweiligen Social Media Kanäle ein weitaus Breiteres Publikum erreichen.

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  4. daMasta

    CH hat ca. 8mio Einwohner, DEU 80mio-> Faktor 10
    Medienspiegel 400 Besucher, Bildblog 40.000-> Faktor 100

    „Gemessen an der Einwohnerzahl der beiden Länder begegnen sich die beiden Blogs aber auf Augenhöhe.“

    Hä?!

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