Leserkommentare als ungenutzte Ressourcen

von Michael Steiner

Online-Redaktionen lesen zwar, was und wie ihre Leser Artikel kommentieren. Einen Einfluss auf die Berichterstattung haben die Publikumskommentare aber kaum.

Die Möglickeit, Artikel online zu kommentieren, wird vom Publikum intensiv genutzt. Längst beschäftigen grosse Redaktionen deshalb Mitarbeiter einzig damit, die Flut von Kommentaren durchzulesen, um beleidigende und diskriminierende Einträge zu entfernen. Stellt sich die Frage, ob Medien aus diesem Mehraufwand auch Nutzen ziehen können. Aus medienkritischer Sicht interessiert natürlich vor allem, ob die Kommentarfunktion von den Medien auch genutzt wird, um die journalistische Leistung zu verbessern.

Tagi: „Keinen Einfluss auf Redaktion.“
Eine kleine Umfrage bei verschiedenen Onlineredaktionen zeigt, dass erste Ansätze dazu bereits vorhanden sind. Von einer systematischen und intensiven Nutzung der Kommentarfunktion als Instrument der Medienkritik kann jedoch (noch) keine Rede sein. Marc Brupbacher, Leiter News bei „Tagesanzeiger.ch/Newsnetz“, sagt, die publizierten Kommentare hätten praktisch keinen Einfluss auf die Berichterstattung der Redaktion. Die Möglichkeit Kommentare abzugeben, werde vor allem als Nutzer-Service verstanden. Schreibfehler würden aber korrigiert, wenn ein Leser in einem Kommentar darauf hinweist, ergänzt Brupbacher. „Die Anzahl Kommentare zu einem Artikel dient auch als Gradmesser für Themen, welche den Leuten unter den Nägeln brennen.“

BaZ: „Kommentar kann Anstoss zu Recherche sein.“
Bei der Onlineredaktion der „Basler Zeitung“ heisst es, ein Kommentar könne schon mal Anstoss für weitere Recherchen sein. „Einen grossen Einfluss auf die Berichterstattung haben sie aber nicht“, sagt Redaktorin Karen Gerig. Da alle Kommentare gegengelesen werden, könne man aber diejenigen, die substanzielle Kritik beinhalten, an den entsprechenden Redaktor weiterleiten. Ein standardisiertes Verfahren zur medienkritischen Auswertung der Kommentare gebe es bei „baz.ch“ aber nicht.

BZ: „Redaktion liest Kommentare.“
Ein solches gibt es auch bei „bernerzeitung.ch“ nicht. Die Redaktoren würden aber das Geschehen in den Kommentarspalten verfolgen, sagt Redaktionsleiter Jon Mettler. Allenfalls würde ein Kommentierender kontaktiert, um einer interessanten Information nachzugehen, wenn ein Kommentar Anlass dazu gibt. Einen grossen Einfluss auf die Berichterstattung haben die Kommentare laut Mettler aber auch bei „bernerzeitung.ch“ nicht.
Die drei Newsnetz-Redaktionen von Tages-Anzeiger, Basler und Berner Zeitung weisen darauf hin, dass hitzige Diskussionen Anstoss für neue Artikel sein können, in denen der Inhalt der Diskussionen zusammengefasst wird.

NLZ: „Korrigieren Fehler, wenn Kommentare darauf hinweisen.“
Auf der Webseite der „Neuen Luzerner Zeitung“ gibt es erst seit Mitte Dezember die Kommentarfunktion. Wegen der noch geringen Erfahrung habe es darum auch noch keine direkten Impulse auf die journalistische Tätigkeit gegeben, sagt Redaktionsleiter Robert Bachmann. Formale und inhaltliche Fehler seien aber schon aufgrund von Kommentaren korrigiert worden. „Die Onlineredaktion setzt die Autoren über allfällige substanzielle Kritik in Kenntnis“, erläutert Bachmann. Für die Zukunft sei zudem geplant, jeden Kommentar zu einem Artikel automatisch an den entsprechenden Autor weiterzuleiten.

Leserbindung im Zentrum
Medienkritik durch Onlinekommentare wird in den Redaktionen zurzeit offenbar nur als Begleiterscheinung wahrgenommen. Im Zentrum scheint – durchaus nachvollziehbar – die Bindung der Leser an die Redaktion sowie die Interaktion mit den Lesern zu stehen. Offen bleibt, ob eine solche Haltung die Leser auch langfristig an die Redaktion bindet und ob dadurch nicht auch leichtfertig sinnvolle medienkritische Inputs ungeprüft bleiben. Sicher ist, dass die Kommentarfunktion unmittelbare Medienkritik aus unterschiedlichen Perspektiven, aus unterschiedlichen Haltungen und von unterschiedlichen Personen und Institutionen ermöglicht. Aus medienkritischer Sicht dürfte ein solches Potential darum durchaus mehr genutzt werden und einen grösseren Einfluss auf die journalistische Berichterstattung haben.

3 Gedanken zu „Leserkommentare als ungenutzte Ressourcen

  1. Stefan Luginbühl

    Aus eigener Erfahrung: Die Aussage vom Tagi stimmt nicht ganz, Kommentare gaben schon mehrmals den Anlass zu fortführenden Artikeln.

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  2. Peter Herzog

    habe auch das gefühl, zumindest einige konkrete beispiele hab ich schon erlebt.
    auch die praxis, leserkommentare in einem eigene artikel zusammenzufassen ist beim tagi anzutreffen…

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