„Der Journalismus hat gesündigt“

Interview mit Kurt Brandenberger von Stephanie Rebonati

Medienkritik sei oft destruktiv in der Schweiz, sagt der langjährige Reporter Kurt Brandenberger im Interview mit „Medienkritik-Schweiz“. Als Meister der alten Schule spricht er überraschend positiv über die Web-2.0-Generation. Neue publizistische Produkte wie Ringiers iPad-Magazin „The Collection“ sollten vermehrt lanciert werden.

Stephanie Rebonati: Die Zukunft des Journalismus liegt Online, hat kürzlich der Journalist und Berater David Bauer in 10 Thesen für einen besseren Onlinejournalismus festgehalten. Finden Sie das auch?

Kurt Brandenberger: Das ist ein kühner Gedanke. Zwei Sachen werden passieren: Bessere Schreiber und längere Texte werden zunehmend auch online anzutreffen sein. Gleichzeitig wird der traditionelle Magazinjournalismus wieder kommen. Das heisst: Lange Texte und Bildstrecken für ein Publikum, das lesen will, lesegewohnt ist und auch eine gewisse Bildung hat.

Welche Art von Magazinen wird wieder kommen?

Stark zielorientierte Magazine für Leute, die politische Informationen hintergründig und analytisch vermittelt bekommen möchten.

Woher stammt Ihre These?

Aus Forschung, Geschichte und Erfahrung. Damals als das Radio erfunden wurde, sagten alle, dass die Zeitung sterben würde. Dasselbe, als der Fernseher kam – das stimmte beide Male nicht. Wir stehen an einem Punkt, wo medial sehr viel läuft und wir müssen neue Modelle ausprobieren.

[callout title=Kurt Brandenberger]Mit der Gründung des Pressebüro Index verschrieb er sich 1978 dem kritischen Wirtschaftsjournalismus. Später arbeitete er als Redaktor und in verschiedenen Leitungsfunktionen bei „Das Magazin“, der „Weltwoche“ und bei „Facts“. Kurt Brandenberger ist seit über 30 Jahren in der deutschsprachigen Medienwelt als Journalist tätig und ist Gastodzent am Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM in Winterthur und an der Schule für Angewandte Linguistik SAL in Zürich. [/callout]

So wie Ringier mit ihrem monothematischen iPad-Magazin «The Collection»?

Das ist ein sehr guter Versuch für ein junges Zielpublikum. Die Nutzung der neuen Medien ist einfach, entscheidend sind deren Inhalte. Es sollte mehr solche Versuche geben. Monothematisch ist aber immer ein Risiko, ob im Blatt oder Netz.

Magazine digitalisieren finden Sie als leidenschaftlicher Printjournalist «sehr gut»?

Was in der ganzen Medienkritik falsch läuft, ist, dass man immer das eine gegen das andere ausspielen will. Das ist völlig falsch. Die Diskussion muss anders laufen. Nicht wer ist besser, sondern wie kann man es nutzen? Welche Inhalte sind gefragt? Das schnelle Onlinemedium kann durchaus exzellente inhaltliche Sachen bieten mit Bildern, Video und Schauplätzen. Man muss nur schauen, wo die Stärken liegen.

Magazin- und Onlinejournalismus beissen sich: Ein Magazin bietet die hintergründige Kür, das Onlinemedium die schnellen Pflichtnews.

Beissen tut sich das nicht. Online können ganze Bildergeschichten produziert werden wie in einem Magazin auch – in diesem Punkt ist online starke Konkurrenz. Geht es darum, lange Texte aufmerksam zu lesen, ist und bleibt das bedruckte Blatt besser als der Bildschirm. Von einem Magazin will ich Mehrwert. Gut erzählte, unterhaltende und hintergründige Geschichten von hoher Qualität, die nachhaltig Wirkung hinterlassen.

Muss der Journalismus eine Renaissance durchleben?

Der Journalismus hat in den letzten Jahren gesündigt, indem er keine Geschichten mehr erzählt hat. Schauen Sie mal beim «Tages-Anzeiger», die haben gut vier Leute, die das beherrschen. Constantin Seibt ist ein Markenartikel, weil er Geschichten erzählt. Tageszeitungen müssen sich besinnen, dass Geschichten neben dem Kurzfutter eine Ergänzung sein müssen. Erzählte Geschichten haben für mich überall eine Zukunft, die Leute lesen das gerne.

Kann der Onlinejournalismus von der Magazinkultur lernen?

Die Onlinemedien sind puncto Schnelligkeit und News unschlagbar. Dass sie angereichert werden müssen, ist ein Must. Der Onlinejournalismus muss fähig werden, Geschichten zu erzählen, nicht nur Newsfeeding machen. Das ist eine Chance für die einzelnen Plattformen.

Agieren Blogger im Netz als Geschichtenerzähler?

Für uns Leser sind die persönlichen Geschichten von Bloggern wichtig, auch wenn die meisten keine Journalisten sind. Blogger umgehen den Gatekeeper spontan, schnell, sie sind Querdenker. Das reichert die mediale Diskussion an.

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