Für einmal der Falsche

von Manuel Peter

Satire erfordert Fingerspitzengefühl. Insbesondere dann, wenn sich in satirischen Sendungen Menschen mit wenig Medienerfahrung vor dem Publikum exponieren. Bis anhin fanden die SF-Haussatiriker Giacobbo/Müller stets eloquente und medienaffine Personen als Gesprächspartner. Nicht so für die Sendung vom 1. Mai. Der Auftritt von Slam-Poet und SP-Politiker Mathias Frei lag an der Grenze zur Peinlichkeit.

Viktor Giacobbo kündigte Mathias Frei als Lokalpolitiker an, „der nicht nur ein SP-Gemeinderat in Frauenfeld ist, sondern auch ein Poetry Slammer“, ein Wortkünstler also. Frei gab dann auch vor dem Polit-Talk sein Gedicht „Irgendsoöppis wienes Gedicht, nur ohni Poesie“ zum Besten. Der Thurgauer mag zu den Vorreitern in der Slam-Poetry-Szene gehören, doch bei diesem Fernsehauftritt hatte er sich im Vorfeld wohl zu wenige Gedanken über sein Zielpublikum gemacht. Denn dieses erwartet bei Giacobbo/Müller humoristische oder eben ironische, satirische Darbietungen, die auch einmal einen Lacher vertragen. Bei Freis Gedicht über eine Liebesgeschichte im ländlichen Thurgau gab es keinen einzigen.

Peinliche Gesprächssituation
Vielleicht hatte der unangemessene Vortrag Frei aus der Fassung gebracht. Vielleicht hatte ihn die Präsenz der beiden Medienprofis Viktor Giacobbo und Mike Müller eingeschüchtert. Auf jeden Fall brachte ihn bereits die dritte Frage im anschliessenden Gespräch aus dem Konzept. Dabei wollte Giacobbo nur wissen, ob Frei als Lokalpolitiker denn keine Karriereabsichten habe. Zu mehr als einem „Zurzeit habe ich genügend zu tun“ und einem verlegen nachgeschobenen „Ja“ reichte es Frei nicht. Und auch im weiteren Verlauf des Gesprächs attestierten ihm die Zuschauer zu keiner Zeit, dass er neben seinen zwei Beschäftigungen als Poetry Slammer und Politiker auch noch als Journalist bei der Thurgauer Zeitung arbeitet. Auch bei der Frage „Wie schaffst du den Kapitalismus in Frauenfeld ab?“ hatte der Wortkünstler seine Probleme und fand keine Antwort. Nach fünf Minuten beendete Giacobbo die peinliche Gesprächssituation mit dem letzten Einspieler der Sendung. Mathias Frei konnte einem fast schon leidtun.

Es gab aber solche, die vom TV-Auftritt Freis begeistert waren. Darunter sein Arbeitgeber, die Thurgauer Zeitung. Diese verfasste dazu einen Bericht und titelte „So ehrlich wie er war noch keiner im TV bei Giacobbo/Müller“. Zudem war davon die Rede, wie Frei die Moderatoren zu begeistern vermochte. Nach der Sendung soll er sogar gesagt haben: „Ich wollte auf keinen Fall versuchen, lustiger zu sein als die zwei. Sonst verliert man.“ Frei war nicht lustiger und hat trotzdem verloren.

3 Gedanken zu „Für einmal der Falsche

  1. Ursin Tomaschett

    Ja, er war wahrscheinlich der Falsche und Ja, er konnte einem Leid tun und Ja, das G&M-Publikum dürfte sich auch schon besser unterhalten gefühlt haben. Stellt sich aber freilich – mehr allgemein, denn auf G&M bezogen – die Frage, ob dem Rezipienten ausschliesslich medienaffine Personen serviert werden sollen. Zwar vermögen diese punkto Professionalität, Eloquenz etc. zu überzeugen, doch bleiben dann viele schräge, spannende, kreative, andersdenkende (beliebig fortführbar..) Persönlichkeiten auf der Strecke. DRS 3 strahlte ehedem ein recht langes Interview mit Sophie Hunger aus, die oft zur Antwort gab: „Das kann ich im Moment nicht beantworten“, „Das weiss ich jetzt nicht“ etc. Doch macht die gute Frau Musik, die ausserordentlich gut sein soll. Soll sie wegen ihrer bisweilen nicht ganz konformistischen Art künftig geflissentlich ignoriert werden beziehungsweise der Hörer, der sie gerne auch mal sprechend statt singend hört, auf sie verzichten müssen? Schwierige Gratwanderung, meine ich.

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  2. Lukas Langhart

    Auch ich bin der Meinung, dass Mathias Frei nicht gerade zum Gelingen der G/M-Sendung beigetragen hat. Die Moderatoren mussten sich ja quasi rechtfertigen, weil sie „nur“ einen Lokalpolitiker eingeladen hatten. Die Ausrede: Er ist ja noch ein Slampoet – und bei G/M steht man eben auf Slam-Poetry. Schade, dass Frei weder als Dichter noch als politischer Gesprächsgast zu überzeugen vermochte. Aus beiden Perspektiven lautet das Fazit: Frei hatte nichts zu sagen.

    Allgemein gilt: Natürlich sollen nicht nur mediengeile (und/oder -affine) Personen ins Fernseh- oder Radiostudio eingeladen werden. Schliesslich muss es immer in erster Linie um Inhalte gehen. Doch es gibt eben verschiedene Sendegefässe, und da kann ein wenig Selektion schon nicht schaden. G/M ist ganz klar eine auf Humor basierende Unterhaltungssendung. Wer/was nicht unterhält und keinerlei Pointenpotenzial mitbringt, hat darin nichts verloren. In einem „Club“ zum Thema „Die Medien als Instrument der Politik“ hätte Frei als journalistisch tätiger Lokalpolitiker hingegen sicherlich etwas beizutragen. Ohne dass man danach über ihn lacht, was er eigentlich nicht verdient hat.

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  3. Jennifer Zimmermann

    Ich schliesse mich den vorhergehenden beiden Kommentatoren an, dass auch medienunerfahrene Leute ihren Platz in den Medien haben sollten. Genau das macht die Sache doch interessant – auch Leute sprechen zu hören, die nicht nur druckreife Sätze von sich geben. Auch möchte ich gerne ein gutes Wort für Frei als Slammer einlegen. Ich habe ihn schon mehrmals live gesehen und mich jedes Mal super unterhalten. Ich glaube seine meist sehr derben Texte sind einfach nicht für’s Fernsehen gemacht und darum hat er diesen Text offensichtlich dem zart besaiteten Publikum angepasst. Überhaupt hat der Reiz des Poetry Slams sehr viel mit dem Publikum und der Stimmung zu tun und diese lässt sich nun mal schlecht in ein Fernsehstudio übertragen.

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