Die Pharisäer der Medienkritik

von Ursula Ammann

Zuspitzung, Dramatisierung, Skandalisierung sind journalistische Formen, die regelmässig zu Fehlleistungen führen. Doch auch die Medienkritik, die solche Verfehlungen zurecht kritisiert, bedient sich gerne dieser zweifelhaften Methoden – und verspielt damit ihre Glaubwürdigkeit.

In der Debatte um Radio- und Fernsehgebühren machen die Boulevard-Medien auf nahezu inflationäre Weise Gebrauch von Kraftausdrücken und Kriegsmetaphern. Unter dem Deckmantel der Medienkritik entstehen vor allem bei Blick, Sonntagsblick und Blick am Abend skandalträchtige Geschichten wie diese: Die von „Zwangsgebühren“ gebeutelten TV-Zuschauer formieren sich zu einem „Aufstand“ und treten zusammen mit den Petitionärinnen von Radio- und Fernsehgebühren: 200 Franken sind genug zum „Gebührenkampf“ gegen den „Staatssender“, die SRG an. Der „Mediengigant“ versuche derweil, die „Kritiker auszuschalten“, wie der Sonntagsblick schreibt. Das „Gebührenmonster SRG“ – ein Begriff, den Blick am Abend auch mal von den Petitionärinnen entlehnt – wird ja schliesslich „mit Zwangsgebühren gefüttert“.

Widerspruch zur Funktion der Medienkritik
Auch die Medienkritik steht in einer Konkurrenzsituation. Auch sie will gelesen werden. Auch sie muss deshalb um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit werben. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Medienkritik sich einer reisserische, dramatisierende Sprache zurückgreift, um nicht in der Informationsflut unterzugehen. Doch steht dies nicht im Widerspruch zu ihrer Funktion? Die Medienkritik hat zum Ziel, andere Medien im Interesse der Öffentlichkeit zu beobachten und journalistische Fehlleistungen wie beispielsweise Zuspitzung, Skandalisierung und Dramatisierung zu thematisieren. Darf denn Medienkritik selbst zu Mitteln greifen, die sie bei anderen Medien kritisiert?

„Gute Geschichten“ im Vordergrund
Gerade weil die Medienkritik nach den selben Prinzipien funktioniert wie der übrige Journalismus fragt man sich in der Fachwelt, ob die Medien selbst überhaupt die Aufgabe der Kontrolle über andere Medien übernehmen können. In einem Vortrag am Unternehmerforum Lilienberg sagte Medienökonomin Gabriele Siegert vom publizistischen Institut der Universität Zürich einmal, die Medienkritik verliere immer dann ihre moralische Berechtigung, wenn sie sich um Aufmerksamkeit zu gewinnen jener Mitteln bediene, deren Gebrauch sie bei den anderen kritisiere. Bei der Kritik der Boulevard-Medien an der SRG ist dies zwar nicht der Fall: Am dramatisierenden und zuspitzenden Gebrauch der Sprache ist jedoch zu erkennen, dass die „gute Geschichte“ im Vordergrund steht. Die differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema fehlt vollständig. Dies macht die Kritik unglaubwürdig.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

Ein Gedanke zu „Die Pharisäer der Medienkritik

  1. Ronnie Grob

    Ich verstehe nicht recht, warum man nicht auch eine bildhafte Sprache verwenden soll. Natürlich ist ein „Gebührenmonster“ übertrieben und boulevardesk, aber auch nicht mehr als eine mögliche Art der Anschauung. Warum nicht von „Zwangsgebühren“ reden, wenn es a) Gebühren sind, die b) unter Zwang eingezogen werden?

    Ich glaube, wir reden hier meistenteils über Stilfragen – wichtig sind aber die Inhalte. Entscheidend ist, dass Formulierungen trotz Maximierung oder Minimierung keine falschen Fakten portieren. Und „Pharisäer der Medienkritik“ sind für mich ganz andere Leute.

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