Medien im Umbruch – Bereicherung oder Verarmung?

von Kathrin Reimann

Haben die SRG und private Medienunternehmen mehr gemeinsame Interessen, als die bisweilen aufgeregt geführte öffentliche Debatte den Eindruck entstehn lassen könnte? An einer Podiumsdiskussion der Uni Zürich suchten Spitzenvertreter von SRG, Verlagen, Behörden und Wissenschaft nach Antworten.

Die Petition zur Halbierung der Rundfunkgebühren („Gebührenmonster“) ist für Bakom-Direktor Martin Dumermuth Teil des aktuellen Wahlkampfes. „Es ist aber sinnvoll, dass man die Rolle des Service public diskutiert“, sagt er. Auch die SRG-Spitze nahm die Forderung gelassen auf. „Nur 140 000 Unterschriften ist ein gutes Zeichen“, sagte SRG-Präsident Jean-Bernard Münch. Deshalb nehme er die Petition nicht ernst. Was er aber durchaus ernst nimmt, ist die Infragestellung des Service public und dessen zukünftige Rolle. Für Publizistikprofessor Ottfried Jarren ist die Frage nach den Gebühren und den Preisen für institutionalisierte Leistungen ein starkes Zeichen des Medienumbruchs. „Welchen Preis wollen die Leute noch dafür bezahlen?“, ist für ihn die grosse Frage. Für Tamedia-Präsident Pietro Supino ist klar: “Gewisse Online-Angebote werden zwar kostenlos bleiben, wer aber den gesamten Service nutzen will, muss bezahlen“. Für ihn spielt dabei die SRG eine wichtige Rolle: „Wenn sie dieselben Angebote kostenlos, also gebührenfinanziert, anbietet, haben wir natürlich ein Problem.“ Eine Etablierung dieses Bezahlsystems werde so schwierig.
[callout title=Prominentes Podium]Zu einer Diskussion über die „schweizerische Medienlandschaft im Umbruch“ lud das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich am 24. Mai mehrere prominente Medienvertreter nach Zürich ein. Bakom-Direktor Martin Dumermuth, Publizistikwissenschafts-Professor Otfried Jarren, Medienjournalist Nick Lüthi, noch-SRG-Präsident Jean-Bernard Münch sowie Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino diskutierten unter der Leitung von Josefa Haas in der Aula der Universität Zürich. Zur Sprache kamen bekannte und erwartbare Themen wie etwa die aktuellste Infragestellung des Service public, die Online-Werbetätigkeit der SRG sowie der gesellschaftliche und qualitative Nutzen von „20 Minuten“.[/callout]

Gemeinsame Plattform schaffen
Jean-Bernard Münch streitet den Vorwurf ab, privatwirtschaftliche Anbieter durch konvergente Internetplattformen konkurrenzieren zu wollen: „Unsere Aufgabe ist es, gegen ausländische Konkurrenz anzukämpfen“, sagt er. Die SRG sei an einem starken Medienplatz Schweiz interessiert, den Verlegern solle es gut gehen und die Pluralität der Medien erhalten bleiben. Zeitungsähnliche Produkte wolle man nicht herstellen, lediglich News. „Wir möchten eine gemeinsame Plattform für die Schweiz bilden“, sagt Münch. Damit könne man sich gegen ausländische Distributionskanäle schützen und den Medienplatz Schweiz stärken. Durch das Statement, man sei bereit, der SRG die Türe ins Internet weiter zu öffnen und Werbung zuzulassen, habe der Bundesrat die Idee rund um ein Kooperationsmodell lanciert, ja sogar provoziert, weiss Bakom-Direktor Dumermuth. Diese Diskussion sei aber durch die Darstellung des Internets als definiertes Medium belastet worden. „Das Internet ist aber eine Kommunikationsplattform, die viele Möglichkeiten bietet“, sagt Dumermuth. Per Rechtsdefinition hier Grenzen zu ziehen sei schwierig. Deshalb müssten die SRG und die Verleger nach neuen Arrangements suchen, wie das auch schon bei Einführung der Fernsehwerbung oder des Teletextes geschehen sei. „Die Geschichte zeigt, es braucht Zeit und Geduld, um neue Arrangements und neue Lösungen zu finden.“

Ausländische Invasion auf dem Schweizer Markt
Ottfried Jarren glaubt nicht an tragfähige Finanzierungsmodelle im Netz, da keiner die dominante Position erreichen könne und freie Angebote immer existieren würden. „Wir verdienen bereits gutes Geld im Internet“, entgegnet Pietro Supino. Einerseits mit kommerziellen Angeboten, andererseits mit journalistischen. Die Qualität dieser Inhalte erfülle zwar noch nicht alle Anforderungen, habe sich in den letzten sechs Monaten aber entwickelt. Die Redaktionen sollen deshalb ausgebaut werden, um die Qualität wie den wirtschaftlichen Ertrag zu steigern. Wer kein Geld mit Onlinewerbung generieren soll, so sind sich Schweizer Verleger einig, ist die SRG. „Diese Einstellung ist doch typisch“, meint Jean-Bernard Münch und vergleicht die Situation mit der Invasion der Discounter Aldi und Lidl in der Schweiz. „Die schlimmste Konkurrenz sind grosse ausländische Distributionskanäle, welche die Hersteller der Inhalte verdrängen.“ Im Fernsehen sei man schon so weit, dass die Fenster der ausländischen Anbieter mehr Werbegelder generieren würden. Münch verteidigt die Kombination von Werbegeldern und Gebühren vehement, bei einem Verbot würden die Aufträge an ausländische Sender mit Schweizer Fenster verloren gehen: „In der Schweiz sind wir vielleicht ein Gigant, international betrachtet aber ein Zwerg.“

Neue Art des Service public …
Den Vorwurf der Einführung eines „Kurzfutterjournalismus“ lässt sich Pietro Supino nicht gefallen. Im Gegenteil, der Tamedia-Verwaltungsratspräsident lobt die Gratiszeitung „20 Minuten“ in höchsten Tönen. Sie sei mit 1.9 Millionen Lesern die grösste nationale Plattform, jeder Vierte hierzulande lese sie. „Nebst stark unterhaltenden Elementen bietet sie auch Information mit guter und hoher Qualität“, sagt er und vergleicht das Angebot mit der Tagesschau. Die Themen seien dieselben, die Informationen in „20 Minuten“ sogar noch dichter. „Für eine breite Bevölkerung und vor allem für junge Menschen ist dieses Angebot sehr wichtig“, sagt er, noch nie hätten so viele junge Menschen eine Zeitung gelesen. Dabei entstehe ein Integrationseffekt, welcher als öffentliche Funktion nicht unterschätzt werden dürfe. Den von Münch als „notwendiger denn je“ bezeichneten Service public übernimmt also in gewisser Weise die Gratiszeitung. Und Supino sieht noch mehr Vorteile, die „20 Minuten“ den Schweizern gebracht haben soll: „Der Medienmarkt wurde bereichert“, sagt er. Durch das kostenlose Angebot müssten Bezahlprodukte mehr bieten. Sie hätten sich deshalb weiterentwickelt, was die gesamte publizistische Qualität in der Schweiz gesteigert habe. „Das Angebot der Medienlandschaft Schweiz ist so reich wie nie zuvor, die Qualität war niemals besser.“

… oder gar keiner mehr?
Bahnt sich hier etwa ein „Switch“ an? Wird das kommerzielle Projekt „20 Minuten“ zum neuen Service-Public-Träger und dafür der Service-Public-Hort SRG zum kommerziellen Akteur, der sein Programm zusehends an die ausländische Konkurrenz anpasst? Schwer vorstellbar; auch wenn Gratiszeitungen durchaus positive Aspekte wie die Gewinnung von neuen Lesern und inhaltliche und thematische Optimierungen bei Abonnementszeitungen mit sich gebracht haben, bleiben sie vor allem Unterhaltungs- und nicht Informationslektüre. Der forcierte Wettbewerb hat die Kommerzialisierung verstärkt, der wirtschaftliche Druck führt zu Personalentlassung. Der Kampf um Aufmerksamkeit und Anzeigenkunden wird verstärkt, der professionelle, argumentativ vertiefte Journalismus, der sich an der Aufgabe zur freien Meinungs- und Willensbildung orientiert, geschwächt. Daran könnte wohl auch eine gemeinsame Kommunikationsplattform wenig ändern; eine solche würde die Branche wohl eher schwächen denn stärken. Und, wie es Medienrechtler Urs Saxer aus dem Plenum verlauten lässt, an die rechtlichen Grenzen des Kartellgesetzes stossen.

3 Gedanken zu „Medien im Umbruch – Bereicherung oder Verarmung?

  1. Rafaela Roth

    Wow – richtig gut gemischtes Podium!
    Da kann es nur spannend werden, wenn sich Politik, Wissenschaft, Verleger und Journalisten zum Diskutieren an einen Tisch setzen.
    Den öffentlich-rechtlichen Medien zu verbieten, Gewinn aus Werbung zu machen, ist wohl unrealistisch, doch einschränken sollte man sie schon. Die SRG ist ein nicht konkurrenzierbarer Gigant für die privatwirtschaftlichen Anbieter in der Schweiz- online und auch sonst. Die SRG sollte nicht die Privaten ausbooten, nur um mit den Internationalen mithalten zu können. Da würde man lieber mal ein paar kreative TV-Formate kreieren, die man dann verkaufen könnte.

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  2. Adrian Plachesi

    Die SRG hat gemäss ihrem Auftrag in der Verfassung nicht die Aufgabe Onlinejournalismus zu betreiben. Bevor die Gebührendiskussion geführt wird, müsste eigentlich die Politik klar Stellung beziehen und vorschreiben, ob die SRG innerhalb des Service public Onlinejournalismus zu leisten hat. Generell ist die Frage nach der Höhe der Gebühren obsolet, solange man sich nicht einig ist, was die SRG zu leisten hat und wieviele Kanäle sie wo zu betreiben hat. Aehnlich verhält es sich mit Diskussionen über das Budget der Armee. Wie soll man ohne konkreten Auftrag genau wissen, was er kostet? Es ist klar, dass sich die SRG darum möglichst ausbreiten will und jede Chance zur Gewinnmaximierung nutzen will. Aus Sicht der Privaten und im Sinne der Medienvielfalt ist die aktuelle Entwicklung bedenklich.

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  3. Irina Fehlmann

    Was Onlinejournalismus betrifft wird es so oder so schwierig werden, journalistische Inhalte im Netz zukünftig kostenpflichtig anzubieten. Egal wer der Anbieter ist. Natürlich wäre es nur logisch, dass man für Online-News genau so bezahlt, wie für eine Zeitung. Allerdings haben wir uns längst daran gewöhnt, dass im Netz vieles kostenlos ist. Kaum jemand wird also bereit sein für Online-News Geld zu bezahlen, zumal es immer Portale geben wird, ob SRG oder nicht, welche Nachrichten im Internet kostenlos zu Verfügung stellen werden.

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