Selbstkritik in reizenden Häppchen

von Beatrice Peter

Sich selbst zu thematisieren, gilt als Unding in den Medien. Mit ihren satirischen „News“ schafft die WOZ durch Medien- und Selbstkritik sogar einen Leseanreiz.

Kann es sich ein Medium leisten, sich selbst auf die Füsse zu treten? Laut Medientheoretikern ist Selbstkritik im Journalismus so gut wie unmöglich: Die Abhängigkeit des Unternehmens von Verlag und Inserenten, die Hemmungen, Arbeitskollegen öffentlich zu kritisieren und der systemische „blinde Fleck“ des Journalismus würden eine objektive Reflexion verhindern – erst recht wenn es das eigene Medium betrifft. In Anbetracht der wenigen selbstkritischen Beiträge, die sich meist auf Leserbriefe und Korrigenda beschränken, scheint sich die Theorie zu bestätigen.

Die Freiheiten der betonten Unabhängigkeit
Einen grossen Vorteil hat hier die WOZ als „die einzige unabhängige, überregionale linke Zeitung der Deutschschweiz“: Sie ist mit keinem anderen Medium „verbandelt“, wie Roman Schürmann, stellvertretender Chefredaktor, sagt – und hat somit nichts zu verlieren. Die Zeitung kann schiessen gegen wen sie will, ohne Verlagsinteressen beachten zu müssen. Dies wird auch getan: Im satirischen Format „WOZ-News“ nimmt sich die Zeitung regelmässig die sprachlichen Fehltritte der Kollegen vor – und lässt sich selbst dabei nicht aus. In rund jeder zehnten Meldung werden die eigenen Stilblüten und Grammatikfehler vorgeführt. Neben sprachlichen Details geht es aber durchaus auch um heiklere Themen. Beispielsweise stellt die, in der linken Wochenzeitung betont hoch gehaltene, feminine Form kein Tabu dar, wenn die politische Korrektheit der Titelzeile „STUDENTiNNENPROTESTE“ gegen ihre Ästhetik abgewogen werden muss.

Humor fördert die Kritiklust der Leser
Die augenzwinkernde Selbstkritik wirkt sich laut Schürmann positiv aufs Image aus und ist Leseanreiz: „Uns wird immer wieder gesagt, dass die ‚WOZ-News‘ gerne gelesen werden.“ Bei so einem hohen Beachtungsgrad den Lesern die eigenen Fehler aufzuzeigen, ist mutig. Doch genau damit scheint die WOZ ihren „blinden Fleck“ überwinden zu können. Weil sie Transparenz beweist und eine gewisse Selbstironie an den Tag legt, traut sich der aufmerksame Leser und die aufmerksame Leserin auch eher, ein kritisches Mail in die Redaktion flattern zu lassen – Reaktionen, die wiederum auf der Medienseite der WOZ aufgenommen werden.

2 Gedanken zu „Selbstkritik in reizenden Häppchen

  1. Ursula Ammann

    Mit ihrer Selbstkritik zeigt die WOZ auf, wie ein Problem zur Stärke gemacht werden kann. Dass aber der „blinde Fleck“ durch diese Selbstkritik überwunden wird, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr könnten innerhalb der Selbstkritik wieder „blinde Flecken“ entstehen. Es ist anzunehmen, dass Detailfehler wie Stilblüten, die sogar noch etwas lustig anmuten, eher thematisiert werden als Schuldeingeständnisse bezüglich Recherchemethoden oder Arbeitsbedingungen.

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  2. Antonio Haefeli

    Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Medienkritik im Satire Format an sich eine gute Sache ist. Dass dabei eine Tendenz zur „Verharmlosung“ und „Verniedlichung“ entstehen könnte, sehe ich jedoch als ziemlich negativen Nebeneffekt. Denn über ernstzunehmende Recherchefehler oder schlechte Arbeitsbedingungen zu lachen, scheint dann doch nicht unbedingt förderlich für funktionierenden Medienjournalismus.

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