„Medienkritik ist eine gute Marktlücke“

Interview mit Roger Köppel von Lea Klauser und Maria Wieland

Es gibt kaum eine Ausgabe, in der die Weltwoche nicht gegen die SRG schiesst. Doch auch andere Medien werden von der „gefährlichsten Redaktion“ – wie sie sich selber nennt – nicht verschont. Wir haben mit Roger Köppel über Kolumnen, Korrekturen und Medienkritik in der Weltwoche gesprochen.

Herr Köppel, die Weltwoche kritisiert gerne und viel. Aber ist die Weltwoche auch medienkritisch?
Roger Köppel: Ja, sehr. Wir sind doppelt medienkritisch: Explizit indem wir andere Zeitungen kritisch anschauen, auf Fehlleistungen aufmerksam machen und implizit, indem wir bewusst andere Positionen einnehmen und dadurch sehr stark die Debatte mit anderen Medien lancieren.

Das von der Weltwoche am häufigsten kritisierte Medienhaus ist die SRG. Weshalb haben Sie sich so stark auf die SRG eingeschossen?
Die Aufgabe eines Journalisten besteht vor allem darin, sich kritisch mit dem öffentlichen Sektor zu beschäftigen, da dieser übermässig viel Macht besitzt. Die SRG ist ein Teil unseres Staates, der über Zwangsgebühren finanziert wird, sie hat spezielle Konzessionen, hat eine unglaubliche Meinungsmacht – damit müssen sich Journalisten kritisch auseinandersetzen. Deshalb ist es erstaunlich, dass andere Zeitungen ihren Auftrag des kritischen Untersuchens in dieser Hinsicht überhaupt nicht wahrnehmen oder viel zu wenig kritisch sind.

Was stört Sie an der SRG konkret?
Sie stört mich persönlich nicht. Aber als Journalist ist es meine Pflicht, auf Missstände aufmerksam zu machen – und die gibt es bei der SRG. Beispielsweise wenn Generaldirektor De Weck sagt, in der Arena sollen bestimmte Leute nicht mehr eingeladen werden. So wird er seinem objektiven Auftrag nicht gerecht, welcher darin besteht die Vielfalt ihrer Positionen in ihrer Breite abzubilden. Ich denke, die SRG ist heute auf einem strukturellen Irrkurs, sie ist fehlgeleitet.

Wären Sie denn der bessere Generaldirektor?
Natürlich ist es reizvoll, die grösste Medienanstalt der Schweiz zu leiten. Ob ich dem gewachsen wäre und diese ständigen, erforderlichen Kompromisse gut finden würde, weiss ich nicht. Es wäre natürlich keine nahe liegende Wahl, mich zu nehmen, wie es auch nicht naheliegend war, Roger De Weck einzustellen. Die Kosten der SRG könnte ich sicher runterbringen, das ist kein Problem.

Wo würden Sie bei der SRG sparen?
Zuerst müsste ich mir überlegen, was überhaupt dem Service Public entspricht und wofür ich Gebühren einnehmen dürfte. Alles andere würde runtergefahren.

Haben Sie die „Gebührenmonster“-Petition von Nathalie Rickli unterschrieben?
Nein. Aber auch wenn ich diese unterschrieben hätte, würde ich mich nicht dazu äussern, da das privat ist. Grundsätzlich finde ich es aber gut, dass man versucht hier Druck aufzubauen.

Auffällig bei all der Kritik in der Weltwoche ist, dass sich so gut wie nie selber negativ kritisiert.
Wir haben nur wenige Fehlleistungen. Wenn es Fehler gibt, entschuldigen wir uns sehr schnell. Bei gravierenden Fehlern entschuldige ich mich öffentlich, auch wenn der Artikel nicht von mir war. Aber sich selbst zum Thema der eigenen Berichterstattung zu machen, geht zu weit. Das sollen die Anderen machen.

Die Untersuchung hat gezeigt, dass die Weltwoche in nur 13 von 154 Artikeln auch Verbesserungsvorschläge zur Kritik brachte.
Die Aufgabe eines Journalisten ist das Aufdecken eines Missstandes. Indem man Missstände aufdeckt, hat man also schon ein Idealbild, einen Soll-Zustand, an dem man den Ist-Zustand misst. Also ist jede Kritik, ausser sie ist dumm, zwangsläufig konstruktiv.

Viele medienkritische Artikel in der Weltwoche sind Kolumnen. Ist Kritik auch konstruktiv, wenn es nur die persönliche Meinung eines Journalisten ist?
Die eigene Meinung ist irrelevant – jeder kann irgendeine Meinung haben. Als Chefredaktor ist nur entscheidend, wie man seinen Titel positioniert. Und diesem Entscheid muss man sich dann unterwerfen, egal wie die persönliche Meinung aussieht. Ich muss einfach einen schlüssigen Beurteilungsmassstab entwickeln oder eine bestimmte, interessante Perspektive einnehmen können, die dem Leser einen Mehrwert zu der Berichterstattung Anderer bietet.

Demzufolge widerspiegeln die Meinungsartikel und Kolumnen in der Weltwoche nicht die Ansichten der einzelnen Journalisten, sondern nur die Leitidee des Blattes?
In den Kolumnen bringen die Autoren ihre eigene Meinung zum Ausdruck. Die Aufgabe der Weltwoche nach meiner Definition ist aber klar: Gegensteuer geben um Meinungsvielfalt zu gewährleisten und dem Staat gegenüber stets kritisch zu sein. Wir haben natürlich keinen politisch neutralen Wertemassstab, aber unser Grundsatz ist parteiübergreifend vernünftig und deshalb sollte eigentlich jeder zu den gleichen Schlüssen kommen wie wir. Über den Fall Hollenweger beispielsweise schreiben wir seit Jahren und nun ist es genau so herausgekommen wie wir sagten. Mein staatskritischer Ansatz ist ein fundamental vernünftiger, objektiv tauglicher und für die Schweiz sehr positiver Grundansatz. Ich frage mich, wieso nicht mehr Menschen zu solch vernünftiger Einstellung kommen.

[callout title=154 Artikel untersucht]Zwischen September 2009 und September 2010 wurde im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW sämtliche medienkritischen und medienjournalistischen Artikel der Weltwoche untersucht. Dabei wurden 154 Artikel berücksichtigt. [/callout]

Genauso denkt aber jeder von seiner eigenen Meinung.
Klar. Das haben unsere Kritiker im Fall Hollenweger auch gedacht, aber wer hatte zum Schluss Recht? Die Weltwoche oder die anderen? Die Weltwoche, denke ich.

Gibt es in der Schweiz zu wenig Medienkritik?
Ja. Die Schweizer Medien lassen sich in Ruhe. Das ist nicht gut. Aber das gehört zu dieser Branche. Ein Beispiel: Wenn sie als Tagi-Journalist ein paar Mal die NZZ kritisieren, werden sie da nie mehr einen Job bekommen. Dies ist für viele Journalisten ein Problem, deshalb lassen sie sich in Ruhe. Da ich ausserhalb der Weltwoche aber wahrscheinlich sowieso nie mehr einen anderen Job als Journalist erhalten werde, habe ich kein Problem mit Medienkritik. Ausserdem ist das für uns eine gute Marktlücke.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

Ein Gedanke zu „„Medienkritik ist eine gute Marktlücke“

  1. Frederik Stucki

    Die Weltwoche ist nun mal offenbar derzeit das einzige Schweizer Medium, das sich noch ernstzunehmende und verlässliche Medienkritik-Inhalte leistet, und ihr gebührt alleine dafür Wertschätzung. Von „Einschiessen“ auf bestimmte Feindbilder habe ich bisher nichts bemerkt; mir scheint es wird regelmässig allen Akteuren in der Branche auf den Zahn gefühlt. Vielleicht auch gelegentlich „Medienkritik Schweiz“? ;o)
    PS: Liebe Frau Klauser / Frau Wieland… bitte noch mal kurz über den Text schauen. Fällt Ihnen was auf?

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