Im Westen nichts Neues

von Pascal Wettstein

Wie steht es eigentlich um die Medienkritik in der Westschweiz? Nicht viel anders als in der Deutschschweiz. Eine Untersuchung der medienkritischen Berichterstattung von Le Temps zeigt, dass man sich vor allem für die Medien im eigenen Sprachraum interessiert. Der Blick über den Röstigraben wagt man nur selten.

Ein Blick auf die Statistik des Presserates lässt vermuten, dass es an den Medien in der Westschweiz nicht viel zu beanstanden gibt. Von 74 im Jahr 2009 eingegangenen Beschwerden entfallen gerademal neun auf Westschweizer Medien. Widerspiegelt sich dieser Eindruck ganz generell auch in Medienjournalismus und Medienkritik der Westschweizer Medien?

«Le Temps» im Fokus der Forschung
Diese Frage wurde im Rahmen einer Forschungsarbeit am Institut für Angewandte Medienwissenschaft in Winterthur gestellt. An 50 Stichtagen zwischen Oktober 2009 und September 2010 wurde die Tageszeitung Le Temps auf ihre medienkritische Leistung untersucht. Ein Teil der Resultate bestätigt weitgehend die Vorurteile: Le Temps schreibt in erster Linie über Medien aus der Romandie, nämlich in 36 Fällen, in 12 Fällen sind Medien aus Frankreich im Fokus. Nur fünfmal schreibt die Zeitung über Medien aus der Deutschschweiz. Die häufige Berichterstattung über Le Monde könnte damit zusammenhängen, dass das französische Medienunternehmen einen Anteil von 2.1% an Le Temps besitzt.
Wie aber steht Le Temps da im Vergleich mit einer Zeitung aus der Deutschschweiz? Die Daten aus Le Temps wurden mit Daten der NZZ aus dem gleichen Zeitraum verglichen. Dort sieht das Bild nicht anders aus. Hauptsächlich wird über die Deutschschweiz berichtet, nur ein Prozentanteil im einstelligen Bereich entfällt auf Medien ausserhalb. Nur eine Organisation wird in der Deutschschweiz wie auch in der Westschweiz ähnlich genau unter die Lupe genommen: Die SRG.

Interesse ist auf beiden Seiten klein
Die Schwierigkeit über die Deutschschweiz von der Romandie aus zu berichten, erkannte Le Temps Chefredaktor Pierre Veya bereits bei seinem Stellenantritt im Mai 2011. Doch die Ziele für die Zukunft sieht er eher im Beibehalten und Steigern der Qualität: „Der Grossteil unserer Leser ist nun mal in der Genferseeregion und in Genf, als inoffizielle Hauptstatt der Romandie.“ So stellte Le Temps kürzlich nicht weniger als fünf stellvertretende Chefredaktoren ein, welche dem hohen Anspruch an Qualität Rechnung tragen sollen.
So hat Medienkritik zumindest bei Le Temps keinen geringeren Stellenwert als bei Medien in der Deutschschweiz. Doch das Interesse für die Medien im anderen Landesteil könnte auf beiden Seiten des Röstigrabens grösser sein.

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