Das Ende des BaZ-Monopols

von Simon Häring

Gross war der Aufschrei, als im August 2010 bekannt wurde, dass Weltwoche-Vize Markus Somm bei der Basler Zeitung als Chefredaktor das Ruder übernimmt. Anderthalb Jahre später floriert der Medienstandort Basel. Wo jahrzehntelang Lethargie und Monotonie herrschte, kann plötzlich wieder von publizistischer Vielfalt gesprochen werden.

1976 schlossen sich die National-Zeitung und die Basler Nachrichten in der ersten grossen Zeitungfusion der Schweiz zur Basler Zeitung zusammen. Fortan gab es in der drittgrössten Stadt der Schweiz (170’000 Einwohner) nur noch die BaZ. Im Dreiländereck, wo fast eine Million Menschen leben. In einer Stadt, in der weltbekannte Pharmariesen wie Novartis und Roche ihren Hauptsitz haben, herrscht publizistische Monotonie.

Eine Monopolstellung, welche die BaZ träge machte: Als Hans-Peter Platz Ende 2003 nach 20 Jahren als Chefredaktor den Hut nahm und Platz machte für Ivo Bachmann, war die Basler Zeitung finanziell und publizistisch am Boden. Der Innerschweizer Bachmann setzte auf radikale Erneuerung und sprach anlässlich eines Gala-Abends zum Redesign der «BaZ» im September 2004 von der «modernsten Tageszeitung dieses Jahrhunderts».

Frappante Parallelen zu 2004

Doch bald schon regte sich Widerstand in Bevölkerung und Politik. Am lautesten lehnten sich die traditionell einflussreichen Kulturschaffenden auf. In kritischen BaZ-Inseraten protestierten sie gegen den Abbau der Kulturberichterstattung. Die Medienkrise verschärfte sich derweil weiter, und auch Bachmann konnte im Sog der sinkenden Einnahmen aus Aboverkauf und auf dem Anzeigenmarkt sein ambitioniertes Projekt nicht umsetzen. Nach zwei Jahren machte er Platz für Matthias Geering.

Frappant sind die Parallelen dieser Episode in der Geschichte der Basler Zeitung zu jener, in der sich das Flaggschiff der Basler Zeitung Medien AG heute befindet. Gross war auch der Aufschrei, als im Februar 2010 die Verlegerfamilie Hagemann und die Publigroupe ihre Anteile an die Investoren Tito Tettamanti und Martin Wagner verkauften. Den gravierendsten Einschnitt erlebte die BaZ aber im August, als bekannt wurde, dass Markus Somm, damaliger stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche, als Chefredaktor ans Rheinknie wechselt.

528 Seiten geballte Ladung Blocher

Schon zuvor war gemunkelt worden, dass alt Bundesrat und SVP-Chefstratege Christoph Blocher Anteile an der BZM halte, im Hintergrund die Fäden ziehe und auch Einfluss auf die publizistischen Inhalte der Basler Zeitung nehme. Die Skeptiker sahen sich in dieser Meinung bestätigt, denn Somm hatte erst ein Jahr zuvor (2009) eine 528 Seiten starke Blocher-Biographie mit dem Titel «Christoph Blocher – Der konservative Revolutionär» veröffentlicht.

Noch im September 2010 verlegte die Holdinggesellschaft der Mediengruppe ihren Sitz von Basel nach Zug. Domiziliert ist die in «Watt Capital Holding AG» umbenannte Holding in der Kanzlei des Zuger Anwalts Ernst Brandenberg, dessen dort tätiger Sohn Manuel Brandenberg im Zentralvorstand der SVP sitzt und Verwaltungsrat der SVP-nahen, nationalkonservativen Zeitung Schweizerzeit von alt Nationalrat Ulrich Schlüer ist.

Redaktion tritt in den Streik

Am 14. November folgte die scheinbare Bestätigung, dass Christoph Blocher bei der BaZ tatsächlich die Finger im Spiel hat. Die NZZ am Sonntag enthüllte, dass die Firma Robinvest AG ein Beratungsmandat für die «Verbesserung der Rentabilität» der Basler Zeitung Medien innehat. Der Verwaltungsrat der Robinvest AG bestand aus Christoph Blocher (Präsident) und seiner Tochter Rahel Blocher.

Jetzt stieg nicht nur die Bevölkerung auf die Barrikaden, sondern auch die Redaktion. Für zwei Stunden legte die Stammredaktion am Aeschenplatz die Arbeit nieder und verfasste ein Protestschreiben an die neuen Besitzer der Basler Zeitung. Vor den Toren sammelten sich Anhänger der Juso und Gewerkschaften und protestierten gegen die «Fremdbestimmung der BaZ durch reiche Vögte aus Zürich und dem Tessin».

Kulturschaffender will Basel retten

Den stärksten Widerstand formierte wie schon 2004 ein Kulturschaffender: Der Schrifsteller Guy Krneta lancierte die E-Petition rettet-basel.ch. «Die Stadt Basel hat eine Tageszeitung verdient, die unabhängig denkt und kein Hebel für die SVPisierung der Schweizer Medienlandschaft ist», so der Aufruf der Aktion. Schon nach wenigen Tagen hatten sich über 5’000 Personen eingetragen. Auch im sozialen Netzwerk Facebook formierte sich rasch Widerstand. Die Gruppe «Eine neue Zeitung für Basel – ohne Tettamanti, Wagner, Somm und Blocher» zählt aber gerade einmal knapp 2’500 Anhänger (Stand: 10.12.2011).

Am 14. November 2010 der nächste Paukenschlag: Das Duo Tettamanti/Wagner gibt auf und tritt die Anteile an der BZM per sofort und zu 100 Prozent an den Basler Unternehmer Moritz Suter (68) ab. Als erste Amtshandlung beendet dieser die Zusammenarbeit mit Blochers Robinvest AG und verlegt den Holdingsitz wieder von Zug nach Basel. Chefredaktor Somm spricht der Neu-Verleger aber sein vollstes Vertrauen aus und verteidigt ihn auch an einem Publikumsgespräch im Theater Basel, bei dem die Anwesenden teilweise lautstark den Abgang des Badeners fordern.

Moritz Suter, wem gehört die Basler Zeitung?

Doch schon bald mehrten sich wieder die kritischen Stimmen. Zankapfel: Wie hat Moritz Suter die kolportierten 70 Millionen Franken Kaufpreis stemmen können und wie soll er den drückenden Schuldenberg von 107 Millionen Franken verantworten? Und wieder einmal geistert am Rheinknie der Name von alt Bundesrat Christoph Blocher umher. Suter schwieg zu den Gerüchten. Auch eine gutgeheissene Beschwerde beim Presserat für die Offenlegung der Besitzverhältnisse konnte daran nichts ändern.

Inzwischen rollten auch Köpfe. Im Februar 2011 entlässt die BaZ acht Redaktionsmitglieder. Offizielle Begründung: Wirtschaftliche Zwänge. Wenige Tage später geht auch Vize-Chefredaktor Urs Buess. Der Mann, den Wagner bei der Ernennung Somms als Chefredaktor als «linksliberales Gewissen» seiner Zeitung aufbauen wollte, reichte seine Kündigung ein, wurde noch am selben Tag per sofort freigestellt. Doch Buess hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen Plan B in der Hinterhand.

Roche-Erbin finanziert Konkurrenzprodukt

Keine zwei Wochen nach der Freistellung von Buess wird die Stiftung für Medienvielfalt gegründet; am gleichen Tag die «Neue Medien Basel AG». Seit Ende Oktober 2011 gibt die neue Unternehmung die TagesWoche heraus. Ein in dieser Form in der Schweiz bisher einmaliges Projekt, das auch im Ausland mit Spannung verfolgt wird. Täglich werden online Artikel geliefert, einmal wöchentlich landet die gedruckte Ausgabe mit zusätzlichen Neuigkeiten, Hintergründen, Reportagen etc. im Briefkasten.

Die Co-Redaktionsleitung übernahm mit Urs Buess ausgerechnet ein bei der Basler Zeitung nicht mehr erwünschter Journalist mit jahrelanger Erfahrung. Ihm zur Seite steht Remo Leupin, der zuvor Mitglieder der Chefredaktion beim Beobachter war. Als Geldgeberin tritt Roche-Erbin Beatrice Oeri auf und sichert damit die Nachhaltigkeit des Projekts.

TagesWoche wildert bei der BaZ

Pikant: Ausgerechnet das Beratungsunternehmen des ehemaligen BaZ-Chefredaktors Ivo Bachmann hat das Projekt der neuen Zeitung aufgegleist. Auch einen Grossteil der Redaktion rekrutierten Buess und Leupin aus Journalisten, die bei der Basler Zeitung keine Zukunft mehr sahen, oder gehen mussten. Am 28. Oktober 2011 erschien die TagesWoche erstmals in gedruckter Form.

Unterdessen erreichen die Irrungen und Wirrungen um die Basler Zeitung zum Jahresausklang 2011 ihren vorläufigen Höhepunkt. Zuerst der Abgang Suters und Blochers Bestätigung einer Beteiligung in seiner Sendung Teleblocher («Ich habe Einfluss bei der Basler Zeitung, ist ja klar.»). Kurze Zeit später wird bekannt, dass Blocher-Tochter Rahel ihre Anteile umgehend wieder an den vormaligen Besitzer Tito Tettamanti verkauft.

In den Klauen des Blocher-Clans

Tettamanti lädt am Mittwoch, 14. Dezember 2012 nach Zürich, wo er die Gründung der MedienVielfalt Holding (MVH) bekannt gibt. VR-Präsident wird FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger. Im illuster besetzten Verwaltungsrat sitzt mit Adriana Ospel-Bodmer, der Ehefrau von Ex-UBS-Chef Marcel Ospel, der Tessiner alt Regierungsrätin Marina Masoni oder dem Baselbieter alt Nationalrat Hans Rudolf Gysin jede Menge Prominenz aus Politik und Wirtschaft.

«Ich bin für liberale Musik», gibt Tettamanti am Tag nach der Übernahme in der Basler Zeitung den Tarif durch. Der Tessiner Unternehmer sagt «die Familie Blocher hat mit der BaZ nichts mehr zu tun», räumt aber ein, Blocher garantiere für mögliche Verlust, die im Zusammenhang mit der Sanierung des industriellen Teils entstehen könnten. Ein Befreiungsschlag sieht anders aus.

Einen Wendepunkt in der Medienlandschaft Basels markiert hingegen die Gründung der «parteipolitisch unabhängigen» TagesWoche. Denn in der Zwischenzeit dringt auch die Konkurrenz aus dem Mitteland bis an den Rhein vor und buhlt vehement um Marktanteile.

Das Ende der Sonntagsruhe

So erscheint seit September 2011 «Der Sonntag» neu mit einem Regionalbund für beide Basel. Gleichzeitig kündigte der Herausgeber AZ Medien an, die «bz Basellandschaftliche Zeitung» würde ihre Berichterstattung im unteren Baselbiet intensivieren. Sonntag-Chefredaktor Patrik Müller schreibt in einem Artikel vom 10. September 2011: «Wir wollen guten Journalismus machen und zur Meinungsvielfalt beitragen.» Verantwortlicher für den Regionalbund ist mit Christian Mensch ebenfalls ein ehemaliger BaZ-Mitarbeiter.

Doch damit nicht genug. Ende November 2011 kündigte die Basler Zeitung Medien an, dass sie ab dem 8. Januar 2012 ebenfalls eine Sonntagsausgabe produziere. Damit nutze die BaZ den Trend der zunehmenden Bedeutung des Sonntags als Lesetag. Das Ziel sei die Stärkung der Position im Informationsmarkt. Man reagiere mit der Sonntagsausgabe auf den Wunsch der Leserschaft, wie die Basler Zeitung Medien verlauten lassen.

«Konkurrenz belebt, Konkurrenz ist gut»

Und wie reagiert eigentlich Markus Somm auf die neue Konkurrenz, die wie Pilze im Herbst aus dem Boden zu schiessen scheint? Dem Regionaljournal Basel/Baselland sagte er im Mai, er finde seine Aufgabe noch immer extrem spannend. «Konkurrenz belebt, Konkurrenz ist gut. Seit den 70er-Jahren wurde auf dem Medienplatz Basel nie mehr so gekämpft.» Das sei doch extrem erfreulich und auch gut für seine Zeitung.

Obwohl es beim jahrelangen Flaggschiff des Zeitungsjournalismus in Basel, der Basler Zeitung, weiter drunter und drüber geht, erlebt die Stadt im Dreiländereck also eine Renaissance der publizistischen Vielfalt. Statt zu einer Einzeitungsregion zu verkommen, wie Kurt Imhof einen allgemeinen Trend in seinem viel beachteten und kritisierten Jahrbuch Qualität der Medien 2011 beschreibt, können die Leser in der Region Basel wieder zwischen mehreren Angeboten auswählen. Basel tickt eben anders.

Ein Gedanke zu „Das Ende des BaZ-Monopols

  1. Ronnie Grob

    Na also, ein Hoch auf die Medienvielfalt! Lieber um Inhalte streiten, als sich von einer Einheitsmeinung einlullen lassen. Ein Dank all jenen, die Basel etwas auf Trab gebracht haben.

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